# taz.de -- Russisch-ukrainischer Krieg: Krieg um Tanker und Weizenfelder
> Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine wird zu einem gegenseitigen
> wirtschaftlichen Vernichtungsfeldzug. Mit unabsehbaren Folgen für die
> Weltwirtschaft.
(IMG) Bild: Benzinmangel in Russland: Schlangen an einer Tankstelle im Juli in Anapa am Schwarzen Meer
An russischen Tankstellen gibt es bereits erste Tote. Und die russische
Armee muss mancherorts anrücken, um wüste Schlägereien um bessere
Warteplätze vor den Zapfsäulen zu schlichten. Die langen Autoschlangen sind
auf Videos in russischen sozialen Netzwerken wie VK und Telegram zu sehen.
In der Stadt Lyswa im Ural ist ein 80-Jähriger und in Petrosawodsk im
Nordwesten Russlands ein 75-jähriger Autofahrer in der Warteschlange vor
einer Tankstelle verstorben – Herzinsuffizienz in völlig überhitzten Autos.
[1][Ursache für den massiven Benzinmangel] sind die anhaltenden
ukrainischen Dohnen- und Raketenangriffe auf russische Raffinerien. Dadurch
sind nach Berechnungen 35 bis 40 Prozent der russischen Rohölverarbeitung
weggebrochen. Trotz Exportverboten für Benzin, Diesel und Kerosin aus
Russland und dem Moskauer Versuch, [2][in Kasachstan, Belarus, Indien und
anderswo Treibstoff aufzutreiben], herrscht im Riesenreich massiver Mangel.
Inmitten der Erntesaison reicht der Diesel nicht für Mähdrescher und
Trecker.
Zudem haben inzwischen die gegenseitigen Angriffe auch zu einem erheblichen
Einbruch der Exporte der beiden Agrar-Weltmächte Russland und Ukraine
geführt. Internationale Organisationen warnen bereits vor einer
möglicherweise drohenden Hungersnot in Hauptabnehmerländern wie Ägypten.
## Ukrainisches Ziel ist die vollständige Isolierung der Krim
Wolodymyr Selenskyj hatte am 26. Juni eine 40-Tage-Operation angekündigt
[3][mit gezielten Attacken auf russische Energieinfrastruktur]. „Um den
Aggressorstaat zu einem Ende des Krieges zu bewegen“, wie der ukrainische
Präsident formulierte. Die erfolgreichen Angriffe auf alle Raffinerien bis
weit nach Sibirien, die die Machtlosigkeit der russischen Luftabwehr
demonstrierten, hat der Kreml seit gut einer Woche mit wütendem Beschuss
auf ukrainische Häfen beantwortet. Daraufhin griff auch die ukrainische
Armee [4][gezielt aus Russland auslaufende Frachter und Verladehäfen an].
Die vom Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitmacht, Robert Browdi,
Kampfname „Madjar“, „MoLoChKa“ (Milch) getaufte Kampfoperation beschreibt
Kyjiws Strategie. Ausbuchstabiert bedeutet die Abkürzung: „Moskaus Ende
führt über die Krim.“ [5][Die von Moskau okkupierte Halbinsel] soll
vollständig isoliert und die russische Armee zum Abzug von dort gezwungen
werden.
Deshalb werden neben Raffinerien und Ölexportterminals in Russland – um dem
Kreml Einnahmen für seine Kriegskasse zu nehmen – verstärkt Umspannwerke
und Stromanlagen auf der Krim sowie Tanker und Frachter abgeschossen,
[6][die nordwestlich der Krim vom Asowschen ins Schwarze Meer unter der
berüchtigten Brücke von Kertsch fahren].
## Wechselseitige Angriffe auf Schiffe und Häfen
„Solche konzentrierten Angriffe haben wir weltweit noch nie gesehen“, sagte
Thomas Alexa von der Schifffahrtsanalysefirma Ambrey mit Vergleich zum
berühmten [7][Tankerkrieg im Iran-Irak-Krieg.] Laut Browdi sind bis Montag
183 russische Schiffe und 103 russische Energieanlagen getroffen worden.
Zugleich hat Russland die Häfen der Regionen Odessa und Mykolajiw massiv
angegriffen. Zuletzt wurde der unter Flagge Guinea-Bissaus fahrende
Getreidefrachter „Golden Leo“ getroffen und zehn Seeleute aus Indien und
Syrien getötet.
„Die direkten Schäden an der Hafeninfrastruktur an der Schwarzmeerküste
belaufen sich aktuell auf über 1,5 Milliarden Dollar, und die Zahl der
Angriffe steigt stetig. Während im gesamten Vorjahr etwa 150 Angriffe
verzeichnet wurden, waren es allein im ersten Halbjahr dieses Jahres
bereits über 180“, berichtete Denis Martschuk vom Allukrainischen
Agrarverband WAR: „Die Angriffe auf Häfen gefährden den Export der neuen
Ernte.“ Verladeeinrichtungen für ein Drittel der bisherigen ukrainischen
Getreideausfuhren seien zerstört.
## Starker Rückgang bei Getreideexporten
Während die Ukraine für mehr als 40 Prozent der weltweiten
Sonnenblumenölexporte, 15 Prozent des globalen Mais-Marktes und 8 Prozent
der Weizenhandels steht, beträgt der russische Anteil bei Weizen gut 20 und
bei Speiseöl fast 30 Prozent. Nun dürfte nur noch die Hälfte des Getreides
wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre exportiert werden,
prognostizierten die russischen Agrarexperten von SovEcon. So wenig wie
seit 2017 nicht mehr.
„Der Hauptgrund für den Rückgang sind die Beschränkungen der Schifffahrt
durch die Straße von Kertsch“, erklärt Andrej Sizow von SovEcon. Die
dänische Großreederei Maersk hat wegen der andauernden Beschüsse von Häfen
an der ukrainischen Schwarzmeerhäfen ihre Operationen dort eingestellt und
wickelt keine Transporte dort mehr ab. Damit fallen weitere Exporte aus der
Ukraine weg.
Zugleich greift die russische Armee ebenso gezielt wie perfide ukrainische
Bauernhöfe an: mit von Drohnen abgeworfenen Brandbomben. „Mein Vater wurde
auf dem Acker von einer russischen Drohne getötet, und in einer Nacht
wurden zuletzt 2.000 Hektar erntereifer Felder abgebrannt“, berichtete der
Landwirt Viktor Hordijenko dem lokalen Fernsehen. Sein Hof liegt im Gebiet
Cherson, dessen östlich des Flusses Dnipro gelegener Teil von Russland
besetzt ist. Der Dieselmangel setzt derweil russischen Bauern so zu, dass
sie Schwierigkeiten haben, ihre Ernte einzubringen.
23 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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