# taz.de -- Treibstoffmangel in Russland: Nur 30 Liter, aber nicht im Kanister
> Die Ukraine greift gezielt russische Raffinerien an, Benzin wird
> landesweit knapp. Auch in Sankt Petersburg bilden sich jetzt Schlangen
> vor Tankstellen.
(IMG) Bild: Lange Warteschlangen an einer Rosneft-Tankstelle in Moskau
Seit den massiven ukrainischen Angriffen auf Ölraffinerien bis weit hinter
dem Ural lassen sich russische Tankstellen in zwei Kategorien aufteilen –
entweder gibt es dort Benzin oder es gibt keines. Autofahrer*innen in
Russland machen zunehmend die Erfahrung, dass der gewünschte Kraftstoff
nicht mehr verfügbar ist. Der Spritpreis ist da fast schon nebensächlich.
Manche Menschen verlieren wegen der Benzinknappheit jetzt schon die Nerven.
Auf Social Media gehen Szenen mit heftigen Beschimpfungen und
Handgreiflichkeiten an Tankstellen viral. Anders als in einigen abgelegenen
Regionen Russlands bilden sich in Sankt Petersburg zumindest keine
kilometerlangen Autoschlangen, [1][aber es kommt durchaus vor, dass sich
ein oder zwei Dutzend Wagen diszipliniert aneinanderreihen].
Vor einer Temoil-Tankstelle, die zum russischen Mineralölkonzern Lukoil
gehört, stehen am frühen Mittwochnachmittag über 40 Pkws. Noch gibt es dort
alle handelsüblichen Benzinsorten. „Ob es für alle reicht, weiß ich nicht,
weil heute nur eine Lieferung kam“, kommentiert ein Mitarbeiter, der über
den ordnungsgemäßen Ablauf beim Tanken wacht. Auf Nachfrage nach den
Perspektiven für die kommenden Tage winkt er ab. „Für morgen mache ich
keine Versprechungen.“
## Nur noch wenige Sorten im Angebot
Einige hundert Meter weiter bei Lukoil gibt es nur Premiumkraftstoff, der
bislang kaum nachgefragt war. Bei der nächstgelegenen Rosneft-Tankstelle
ist nur 92er Normalbenzin vorrätig, und auch das nur an einer einzigen
Zapfsäule. Maximal 30 Liter pro Tank, nicht in den Kanister. [2][„Kann gut
sein, dass es bald alle ist“], sagt die Frau an der Kasse.
Währenddessen fährt ein gepflegter SUV vor, der Fahrer steigt aus und
greift hoffnungsvoll nach einer Zapfpistole für Superbenzin. Doch da ist
nichts zu holen. „Ljoscha, vielleicht versuchen wir es mit dem 92er?“,
redet ihm sein Beifahrer zu. Aber der enttäuschte SUV-Fahrer will sein
Glück lieber woanders versuchen.
Surgutneftegas verkauft höchstens 20 Liter Normalbenzin, dafür ganz ohne
Wartezeit. Auf der Wassiljewski-Insel haben gleich mehrere
Lukoil-Tankstellen komplett dichtgemacht. Bei Tatneft gibt es immerhin
Normalbenzin und Diesel. „Euro 5?“, will ein hochgewachsener älterer Mann
von einem Tankstellenmitarbeiter mit besorgter Stimme wissen. Dieser bejaht
mit einem Nicken, der Kunde wirkt erleichtert.
Seine Frage kommt nicht von ungefähr, denn die russische Regierung plant
die Aufweichung geltender Abgasgrenzwerte. Vorübergehend bis Mitte 2027
soll sogar extrem umweltschädliches Benzin der Euro-Abgasnorm 2 wieder
zugelassen werden, das in Russland seit 2013 verboten ist.
## Benzinqualität ist nicht mehr gesichert
Natalja (Name geändert) hat vor einer Woche zum letzten Mal Superbenzin
getankt, die von ihr favorisierte Tankstelle sei inzwischen geschlossen.
Noch wolle sie sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, [3][wo sie das
passende Benzin für ihren Kleinwagen auftreiben soll].
„Ich kann mir sowieso nicht sicher sein, dass ich exakt die Qualität
bekomme, die man mir verspricht“, sagt sie kurz angebunden. Und wenn der
Motor mit schlechterem Benzin nicht mehr ganz rund laufe, dann sei das eben
so. Verzichten wolle sie auf ihr Auto jedenfalls nicht.
## Fahrgewohnheiten ändern sich
Dem üblichen Verkehrsstau in der Innenstadt nach zu urteilen, steht sie
damit nicht allein da. Und doch verändern sich schon jetzt die
Fahrgewohnheiten. Iwan (Name geändert) besitzt keinen eigenen Wagen, ist
aber auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen, wenn er im Leningrader Gebiet
unterwegs ist. Bus und Taxi seien oft keine Option.
„Beim Trampen muss ich mittlerweile deutlich länger warten als früher“,
sagt er.
[4][Auf die Benzinkrise angesprochen] fällt einer älteren Frau an der Kasse
eines kleinen Ladens ein Witz ein. „Russen wurde verboten Drohnen
abzuschießen, damit sie das darin befindliche Benzin nicht abzapfen
können.“ Zum Lachen war ihr dabei ganz offensichtlich nicht zumute.
10 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=84a04qlFLU4
(DIR) [2] /Russisch-okkupierte-Krim/!6190560
(DIR) [3] /Treibstoffkrise-in-Russland/!6194360
(DIR) [4] /Russische-Kriegswirtschaft/!6193553
## AUTOREN
(DIR) Vera Bessonova
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