# taz.de -- Russischer Angriffskrieg: Kriegslogik oder Kriegsverbrechen?
       
       > Der wichtigste russische Onlinehändler Wildberries wird immer öfter Ziel
       > ukrainischer Angriffe – um die Kriegslogistik des Kreml zu treffen.
       
 (IMG) Bild: Wildberries-Lager in der Stadt Elektrostal nahe Moskau, das nach einem ukrainischen Drohnenangriff am 23. Juli 2026 niederbrannte
       
       Tagelang stiegen riesige grau-schwarze Rauchwolken Dutzende Kilometer weit
       in den Himmel über der Stadt Elektrostal bei Moskau und an vier anderen
       Orten. Zehnmal wurde der größte russische Onlinehändler Wildberries allein
       in der vorigen Woche von ukrainischen Drohnen getroffen. Als
       „Staatsterrorismus“ hat die russische Führung die wiederholten Angriffe auf
       die riesigen Warenlager verurteilt. Wieder einmal warf der Kreml der
       Ukraine vor, was er selbst seit Jahren massiv tut: Angriffe auf zivile
       Infrastruktur.
       
       Doch Wildberries, das als „russisches Amazon“ bezeichnet wird, ist weit
       mehr als ein Onlinehändler. Die EU hat in ihrem jüngsten, 21.
       Sanktionspaket am Donnerstag auch jegliche Geschäfte mit der Wildberries
       Bank untersagt, einer Art Alternative zum internationalen
       Zahlungsdienstleister Swift. Dazu kommt, dass Wildberries die wohl
       effizientesten Logistikketten zwischen Kaliningrad und Kamtschatka im
       Riesenreich aufgebaut hat – die auch für militärische Lieferungen genutzt
       werden.
       
       [1][„Alles für die SWO“] (wie die Spezielle Militäroperation abgekürzt
       wird, als die der Kreml seinen Krieg verbrämt) – diese besondere Kategorie
       für Bestellungen hat Wildberries nach den jüngsten Drohnenangriffen jetzt
       abgeschafft. Versucht man jetzt, diesen Suchbegriff auf der Website oder in
       der App einzugeben, kommt die Meldung: „Es wurden keine passenden Artikel
       gefunden.“
       
       ## Kriegsausrüstung bestellen, Sanktionen umgehen
       
       Aber die gut 200.000 Waren dieser Kategorie bleiben weiter bestellbar.
       Drohnen sind nach wie vor erhältlich, ebenso Glasfaserkabel (Made in China,
       da die Ukraine die russische Glasfaserfabrik zerstört hat) und
       Splitterschutzwesten. Mit den Glasfaserkabeln steuern russische Militärs
       Drohnen bei Angriffen in der Ukraine. Schutzwesten oder Helme sind nun in
       der Kategorie „Sport“ einsortiert. Drohnen und Zubehör in der Kategorie
       „TV, Audio, Foto, Videotechnik“.
       
       Wildberries werde auch gezielt [2][zur Umgehung von Sanktionen eingesetzt],
       sagen Russland-Fachleute in der EU. Produkte von Adidas, Bosch, Philips und
       andere bekannte westliche Marken werden weiter bei Wildberries angeboten –
       auch von Firmen, die ihr Russlandgeschäft eingestellt haben.
       
       Bei den Angriffen auf Wildberries-Lager wurden laut russischer
       Medienberichte Waren für über eine Milliarde Dollar vernichtet. Nun tobt
       ein heftiger Streit, ob der größte Einzelhandelskonzern des Landes
       Zehntausende kleine Firmen, die Waren über Wildberries vertreiben und in
       deren Lagern vorrätig halten, entschädigen werden.
       
       ## Verheerende Folgen für die russische Wirtschaft
       
       Für die russische Wirtschaft sind [3][die Drohnenattacken auf den
       Riesenkonzern] verheerend: Denn viele Unternehmen im geografisch größten
       Land der Erde können ihre Produkte ohne einen solch großen Onlinehändler
       nur lokal vertreiben. Mit der Zerstörung der Vertriebszentren fällt bei
       ohnehin durch Steuererhöhungen zum Füllen der klammen Kriegskasse
       [4][gebeutelten Mittelständlern das Geschäft weg].
       
       Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die getroffenen Lager
       und Versandzentren seien „zur Versorgung der russischen Armee mit
       Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und Militärausrüstung“ genutzt
       worden. Zuvor waren von der russischen Armee [5][die ukrainischen
       Logistikkonzerne Nowa Poschta und Ukrposchta mehrfach angegriffen worden],
       die bis kurz vor die Frontlinie Waren ausliefern.
       
       ## Wildwest bei Wildberries
       
       Offiziell gehört Wildberries seiner Gründerin Tatjana Kim, die die
       Plattform als eine Art elektronischen Flohmarkt 2004 gegründet hatte. Mit
       der Handelsplattform wurde sie zur reichsten Russin mit einem vom
       US-Magazin Forbes auf 8,1 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen. Und wer
       in Russland Erfolg hat, bekommt ungewollte Aufmerksamkeit.
       
       So wurde Wildberries im Juni 2024 mit dem Außenwerber Russ fusioniert, der
       dem umstrittenen Oligarchen Suleiman Kerimow zugerechnet wird. Der von
       Forbes auf 25,7 Milliarden Dollar taxierte, seit März 2022 [6][auf der
       EU-Sanktionsliste] stehende Gold-, Kali- und Medienunternehmer sitzt seit
       2008 für seine Heimatregion Dagestan als Senator im russischen Oberhaus
       (Föderationsrat).
       
       Zuvor hatte sich [7][der für seine besondere Brutalität bekannte Ramsan
       Kadyrow, Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien,] in den
       Übernahmekampf eingemischt. Im September 2024 kam es – ganz wie in den
       „wilden“ 1990ern des Umbruchs in Russland – im Moskauer Hauptquartier von
       Wildberries zu einem tödlichen Schusswechsel zwischen Wachleuten und
       bewaffneten Angreifern.
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mathias Brüggmann
       
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