# taz.de -- Politische Teilhabe in Liberia: Junges Land, alte Macht
> Drei von vier Liberianer:innen sind jünger als 35 – doch in
> Parlament und Politik ist die junge Generation kaum vertreten.
(IMG) Bild: Werden Rohstoff-Deals Liberias Jugend eine Perspektive eröffnen?
Afrika steht wieder einmal im Mittelpunkt eines globalen Wettbewerbs. Die
USA und China konkurrieren um kritische Mineralien, die die Energiewende
antreiben werden. Russland hat seine Präsenz in der Sahelzone ausgeweitet.
Die Golfstaaten investieren enorme Summen in afrikanische Häfen und
Infrastruktur, während die EU mit ihrer Global-Gateway-Initiative auf
Chinas Neue Seidenstraße reagiert.
Liberia ist längst Teil dieses Wettbewerbs. Im Januar 2026 verlängerte
Liberias Regierung die Konzession des Stahlkonzerns ArcelorMittal zur
Eisenerzproduktion bis zum Jahr 2050, mit der Option auf eine weitere
Verlängerung um 25 Jahre. Die Investitionen des Unternehmens in Liberia
wachsen so auf 3,5 Milliarden US-Dollar an. Für die kommenden Jahre rechnet
der Stahlkonzern mit einer Verdreifachung der Erzproduktion auf 30
Millionen Tonnen
[1][Liberias Kautschuk und Holz] ziehen seit einem Jahrhundert
ausländisches Kapital an. Die Lage am Atlantik verleiht dem Land
strategisches Gewicht. Liberias Wahl zu einem nichtständigen Mitglied des
UN-Sicherheitsrats für 2026 und 2027 gibt dem Land heute die Möglichkeit,
in großen politischen Debatten mitzureden.
Doch während Afrikas Regierungen Washington, Peking und Brüssel
gegenübersitzen, vermeiden sie oft eine andere wichtige Frage: Wer hat
innerhalb der afrikanischen Gesellschaften die Macht? Die Souveränität
einer Nation bemisst sich nicht allein an ihrer Fähigkeit, mit
ausländischen Akteuren zu verhandeln – sondern auch daran, ob die eigenen
Bürger:innen Einfluss auf Entscheidungen haben, die ihr Leben bestimmen.
## Beteiligung am Rand, nicht am Verhandlungstisch
Drei von vier Menschen in Liberia sind jünger als 35 Jahre. Das Medianalter
der Bevölkerung liegt bei unter 20 Jahren. Junge Menschen stellen die
Bevölkerungsmehrheit. Das Parlament, das Kabinett und die Führung der
großen politischen Parteien sind [2][in den Händen einer Generation,] die
nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmacht.
Dabei bringen sich junge Liberianer:innen politisch stark ein: Sie
organisieren Wahlkampagnen und liefern die Stimmen, auf denen Wahlsiege
beruhen. Doch nachdem die Stimmen ausgezählt sind, entscheiden andere. „Wir
beteiligen uns, aber wir stehen dabei nur am Rand“, sagt ein
Jugendaktivist.
Im Repräsentantenhaus von Liberia etwa liegt der Anteil von Menschen unter
30 Jahren bei nur 1,4 Prozent – das ist Platz 94 der Volksvertretungen von
etwa 150 Staaten, die die International Parliamentary Union 2025
ausgewertet hat.
Und obwohl junge Menschen einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des
Landes leisten, stehen sie vor enormen Herausforderungen: Über 80 Prozent
der jungen Menschen sind von extremer Unterbeschäftigung, informeller und
prekärer Arbeit oder Perspektivlosigkeit betroffen. Das schränkt auch ihre
Fähigkeit ein, Entscheidungen und politische Maßnahmen zu beeinflussen.
„Die Jugend Liberias bittet nicht um Gefälligkeiten“, sagt Ernest Duku
Jallah, der Präsident der Federation of Liberian Youth. Die Jugend Liberias
verlange keine Sonderbehandlung, sondern wolle am Verhandlungstisch sitzen
und Vorschläge für die Zukunft Liberias einbringen. „Wir fordern unseren
rechtmäßigen Platz bei der Gestaltung der Zukunft unserer Nation.“
## Frauen werden doppelt ausgegrenzt
[3][Ausländische Akteure bauen unsere Rohstoffe ab] – die Gewinne fließen
überwiegend ins Ausland. Nur rund 150 Millionen Dollar nahm der
liberianische Staat 2023 aus dem Extraktivsektor ein – etwa 20 Prozent
seiner gesamten Einnahmen stammten damit aus dem Verkauf von Rohstoffen.
Lokale Industrien bleiben so unterentwickelt. Dabei bieten Liberias
Bodenschätze die Möglichkeit, mit Investitionen neue Arbeitsplätze für die
Zukunft des Landes zu schaffen. Davon profitieren insbesondere junge
Menschen. „Wählen ist nicht nur etwas, das wir tun können. Es ist eine
Möglichkeit zu sagen: Wir werden nicht darauf warten, dass sie uns
einbeziehen – wir werden unseren eigenen Weg gehen“, sagt dazu Ernest Duku
Jallah von der Federation of Liberian Youth.
Es ist nicht damit getan, junge Menschen zu weiteren Konferenzen
einzuladen. Ein junger Mensch kann zwar in einem Raum anwesend sein, hat
aber dennoch keinerlei Möglichkeit, die dort getroffenen Entscheidungen zu
beeinflussen. Eine sinnvolle Einbeziehung erfordert entsprechende
Strukturen und verbindliche Beteiligungsmöglichkeiten.
Dabei verdienen junge Frauen besondere Aufmerksamkeit. Sie sind einer
doppelten Ausgrenzung ausgesetzt – aufgrund ihres Alters und ihres
Geschlechts. Jede Jugendagenda, die ihnen nicht bewusst Türen öffnet, wird
nur alte Hierarchien reproduzieren.
Die Mindestaltersgrenzen von 25 Jahren für das Unterhaus und 30 Jahren für
den Senat sollten vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung
überprüft werden. Es braucht garantierte Wege zur Repräsentanz, etwa durch
reservierte Sitze für junge Menschen oder Kandidatenquoten auf Parteiebene.
Solche Ansätze haben sich in anderen afrikanischen Demokratien bewährt.
Junge Unternehmensgründer sollten mit Kapital unterstützt werden;
transparent verwaltete Finanzierungsinstrumente können dabei helfen.
Es ist wichtig, dass Liberia gerade jetzt auf seine Jugend hört, während es
den Sitz im UN-Sicherheitsrat innehat. Als Mitglied dieses Gremiums kann
das Land an wichtigen Entscheidungen über Frieden und Sicherheit mitwirken.
Gleichzeitig wird der eigenen Jugend in Liberia kaum eine Stimme bei den
Entscheidungen darüber gegeben, was im eigenen Land geschieht. Das ist ein
großer Widerspruch: Liberia darf dabei helfen, die globale
Sicherheitsordnung mitzugestalten, gibt aber seinen eigenen jungen
Bürgerinnen und Bürgern keine Stimme in nationalen Angelegenheiten.
21 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Joetta Constance
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