# taz.de -- Aufarbeitung der Jammeh-Diktatur: Eine Generation verlangt Rechenschaft
       
       > Mit friedlichen Protesten fordert die Jugendbewegung GALA in Gambia eine
       > konsequente Aufarbeitung der Jammeh-Diktatur.
       
 (IMG) Bild: Jugendprotest gegen die Regierung von Gambia, Banjul, Juli 2025
       
       Nicht weniger als 22 Jahre herrschte der [1][Diktator Yahya Jammeh] in
       Gambia – mit schweren Menschenrechtsverletzungen wie außergerichtlichen
       Tötungen, willkürlichen Festnahmen und dem gewaltsamen Verschwindenlassen
       von Menschen. 2016 gewann der heutige [2][Regierungschef Adama Barrow] die
       Präsidentschaftswahl und leitete eine neue demokratische Ära im Land ein.
       
       Eine von Barrows Regierung eingesetzte Kommission kam 2019 zu dem Schluss,
       dass Jammeh seit 1994 umgerechnet mindestens 360 Millionen US-Dollar aus
       Staatsgeldern veruntreut oder gestohlen hatte. Das Organized Crime and
       Corruption Reporting Project schätzte die Schäden gar auf rund 975
       Millionen US-Dollar. Die Clique um Jammeh plünderte demnach die
       Zentralbank, staatliche Telekommunikations- und Ölfirmen, den Rentenfonds
       und ausländische Hilfsgelder und exportierte illegal Tropenholz.
       
       Nachdem Jammeh 2017 ins Exil gedrängt worden war, beschlagnahmte und
       verkaufte Barrows Regierung Vermögenswerte wie Luxusautos und Flugzeuge, um
       die Werte wieder in den Staatshaushalt zurückzuführen. Doch nicht alle im
       Land waren mit ihrem Vorgehen einverstanden. Der Verdacht stand im Raum,
       dass Vermögenswerte unter ihrem Marktwert veräußert wurden.
       
       ## Proteste für Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit
       
       2025 gründeten junge Menschen die Bürgerbewegung Gambians Against Looted
       Assets (GALA). Sie verlangte Transparenz über die Bewertungsmethoden, die
       erzielten Erlöse und die Käufer. Für GALA hatte dies eine besondere
       Bedeutung: Der Verkauf galt als Symbol für die Aufarbeitung der
       Jammeh-Diktatur. Wenn diese Güter nun selbst in einem undurchsichtigen
       Verfahren verkauft würden, wäre der gesamte Prozess der Wiedergutmachung
       beschädigt.
       
       „Wir hatten Fragen über den Verkauf dieser Vermögenswerte“, sagt Omar
       Camara von GALA. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Bürger –
       insbesondere wir jungen Menschen – diese Fragen stellen müssen, wenn
       Institutionen ihren Pflichten nicht nachkommen.“ Mit friedlichen Protesten
       forderte die Gruppe Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit.
       
       Nach den ersten GALA-Protesten beschloss die gambische Nationalversammlung
       im Mai 2025, einen Sonderausschuss einzusetzen. Der sollte untersuchen, ob
       die Verkäufe der Jammeh-Vermögenswerte rechtmäßig und transparent waren.
       
       Doch die Frustration der Bevölkerung saß tiefer – und die Proteste gingen
       weiter. GALA forderte die etablierten Strukturen heraus, verlangte eine
       politische Kultur der Transparenz und Bürgerbeteiligung. Sie setzte auf
       Aufklärung über soziale Medien, politische Bildung, juristische Schritte –
       und fordert immer wieder mehr Rechenschaftspflicht der Regierung.
       
       ## Die Antwort: staatliche Repression
       
       Anhaltende Stromausfälle und Probleme bei der Wasserversorgung brachten die
       staatliche Energie- und Wassergesellschaft Nawec in die Kritik. GALA
       prangerte die Auswirkungen auf Haushalte, Unternehmen, Schulen und
       Gesundheitseinrichtungen und fehlende Rechenschaft im Energiesektor an. Die
       Gruppe überreichte Nawec-Vertretern eine Petition. Das Unternehmen kündigte
       daraufhin Maßnahmen zur Stabilisierung der Versorgung an.
       
       „Wir sind entschlossen, neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung zu
       schaffen und staatliche Institutionen zur Verantwortung zu ziehen“, sagt
       Omar Camara. Der Staat antwortete darauf indes mit zunehmender Repression.
       
       Im April 2026 gingen GALA-Aktivist:innen in der Stadt Brufut auf die
       Straße. Sie protestierten gegen die Festnahme des Geschwisterpaars Ousainou
       Bojang and Amie Bojang. Die beiden waren zuvor vom höchsten Gericht vom
       Vorwurf der Tötung zweier Polizeibeamter im Jahr 2023 freigesprochen
       worden. Nun hatte die Polizei sie eigenmächtig wieder in Haft genommen.
       Gegen die GALA-Proteste setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer ein.
       
       Im Mai 2026 versammelten sich GALA-Aktivisten am Denkmal der Jugend in der
       Stadt Kanifing, um den Jahrestag der Gründung ihrer Bewegung zu feiern. Die
       Polizei nahm 13 Menschen fest, es kam zu Zusammenstößen. Der Vorfall
       entfachte eine neue Debatte über das Recht auf friedliche Versammlung im
       Land.
       
       „Wenn Bewegungen den Status quo und die Mächtigen herausfordern, sind
       Schikanen, Drohungen, Einschüchterungen und Kampagnen zur Diskreditierung
       eine häufige Reaktion“, sagt Omar Camara. Die Herausforderung sei,
       Bürger:innen trotz institutionellen Widerstandes, Desinformation und
       begrenzter Ressourcen in die Kämpfe einzubinden.
       
       ## Ausländische Unterstützung der Diktatur
       
       Gambias Diktator Jammeh war 1994 durch einen Militärputsch an die Macht
       gekommen. In den ersten Jahren wurde seine Regierung von westlichen Staaten
       unterstützt. Als diese sich später zurückzogen, nahm China engere
       diplomatische Beziehungen auf. Katar und andere Golfstaaten investierten
       zeitweise in Infrastrukturprojekte.
       
       Der Machtwechsel von 2016 verdeutlicht die Grenzen internationaler
       Demokratieförderung. Weder die anfängliche Unterstützung westlicher Staaten
       für Jammeh noch die später engeren Beziehungen zu China und den Golfstaaten
       entschieden über das Ende seiner Herrschaft. Ausschlaggebend war eine
       breite innenpolitische Mobilisierung. Zugleich zeigten die wechselnden
       Partnerschaften, dass autoritäre Regierungen auch dann außenpolitische
       Unterstützung finden können, wenn sie demokratische Standards verletzen.
       Für Bewegungen wie GALA bedeutet das, dass der Kampf um Demokratie und
       Rechenschaftspflicht in erster Linie im eigenen Land geführt werden muss.
       
       Wenn eine unabhängige Stimme der Zivilgesellschaft dazu beitragen könne,
       dass Gesetze geändert werden, sei das wichtig, sagt Camara. „Die
       Einstellung der Menschen zur Rechenschaftspflicht zu verändern, ist aber
       langfristig noch wichtiger.“ Camara sagt, er sei überzeugt, dass echter
       Wandel möglich sei, wenn sich junge Menschen mit einer gemeinsamen Stimme
       zusammenschließen.
       
       Er betont, dass Demokratie nicht allein durch Wahlen bestehen könne. Viele
       junge Gambier:innen erwarten von ihr ebenso Arbeitsplätze, Gerechtigkeit
       und echte Zukunftsperspektiven. Ob sich diese Erwartungen erfüllen, werde
       auch davon abhängen, ob die Bevölkerung bereit sei, sich aktiv zu
       beteiligen. „Die Entscheidungen von heute werden die Zukunft des Landes für
       kommende Generationen prägen“, sagt Camara.
       
       21 Sep 2026
       
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