# taz.de -- Madagaskar is calling: Am anderen Ende der Leitung
       
       > Wer in Frankreich ein Callcenter anruft, spricht oft mit jungen
       > Uni-Absolvent:innen auf Madagaskar – für sie die Chance, einigermaßen
       > zu verdienen.
       
 (IMG) Bild: Offenes Ohr in 9.000 Kilometer Entfernung: Callcenter in Madagaskar
       
       Es ist 18 Uhr in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Büroangestellte
       strömen auf die Straßen, Ladenbesitzer lassen ihre Rollläden herunter, die
       Hektik der Stadt weicht der Stille der Nacht. Für die meisten Menschen ist
       der Arbeitstag vorbei. Für Njara fängt er an. Sie betritt eines der größten
       Callcenter des Landes, gesellt sich zu fast hundert Kolleg:innen, streift
       sich ein Headset über den Kopf und setzt sich vor einen Computerbildschirm.
       
       In wenigen Augenblicken wird sie Stimmen aus Frankreich hören. Manche
       Anrufer brauchen Hilfe. Andere sind schon frustriert, noch bevor sie
       überhaupt abhebt. Njara ist die Stimme am anderen Ende der Leitung, die
       sich um die Probleme fremder Menschen kümmert. 30 bis 40 werden es in
       dieser Nacht sein. „Die Leute rufen an, weil etwas nicht funktioniert oder
       weil sie sich beschweren wollen.“
       
       Die meisten haben keine Ahnung, wo Njara sich befindet. Sie hören
       fließendes Französisch und wissen nicht, dass die junge Frau Tausende von
       Kilometern entfernt auf einer Insel im Indischen Ozean sitzt.
       
       Französische Unternehmen kommen nach Madagaskar, weil es dort viele
       französischsprachige Hochschulabsolventen gibt und die Zeitverschiebung zu
       Europa günstig ist. Doch es gibt Wochen, in denen der Dienstplan Njaras
       Leben auf den Kopf stellt. Sie arbeitet ausschließlich in Nachtschichten,
       manchmal drei Monate am Stück.
       
       ## Dienstende um zwei Uhr morgens
       
       Ihre Schicht endet um zwei Uhr morgens, wenn die Straßen fast leer sind.
       Das Unternehmen schickt einen Fahrer in Begleitung eines
       Sicherheitsbeamten, um die Mitarbeiter nach Hause zu bringen. Trotzdem kann
       sie sich nie ganz entspannen. „Einige Kollegen wurden bereits überfallen
       oder ausgeraubt.“
       
       Rund 45.000 Madagass:innen verdienen ihren Lebensunterhalt in
       Callcentern, die Branche ist eine der am schnellsten wachsenden des Landes.
       Über 230 Callcenterfirmen gibt es auf der Insel. Etwa ein Drittel der
       Stellenangebote entfällt auf die Branche. Der Sektor zieht Tausende
       überqualifizierte Hochschulabsolvent:innen an, die Jura,
       Kommunikation, BWL oder Sprachen studiert haben. Die Branche bietet, was
       ein Großteil des lokalen Arbeitsmarkts nicht bieten kann: sofortige
       Beschäftigung und ein regelmäßiges Einkommen.
       
       Njara hatte andere Pläne. Sie stand kurz vor dem Abschluss ihres
       Masterstudiums in Rechtswissenschaften, plante eine juristische Karriere.
       Die Coronapandemie durchkreuzte das. Das Callcenter sollte eine
       Übergangslösung sein. Fast sechs Jahre später ist sie immer noch dort.
       „Anfangs kommen die Leute, um genug Geld zu verdienen, um ihr Studium zu
       beenden“, sagt sie. „Später finden sie keine Arbeit in dem Bereich, den sie
       studiert haben – oder die Bezahlung ist schlechter als im Callcenter. Also
       bleiben sie.“
       
       Der Mindestlohn in Madagaskar liegt bei etwa 60 Euro pro Monat.
       Callcenter-Mitarbeiter verdienen inklusive Prämien, Nachtzuschlägen und
       Verpflegung 120 bis 180 Euro, Team- oder Bereichsleiter teilweise über 240
       Euro.
       
       ## Starke emotionale Belastung
       
       Doch Njara sagt, die Realität sei komplizierter. „Manchmal wartet man
       monatelang oder gar ein halbes Jahr auf Prämien, die man bereits verdient
       hat“, sagt sie. „Man muss Beschwerden einreichen, bis sie ausgezahlt
       werden. Manchmal werden sie gar nicht ausgezahlt.“
       
       Für Njara ist die emotionale Belastung das Schwierigste an der Arbeit.
       Viele Anrufer sind bereits aufgebracht, noch bevor sie überhaupt die Chance
       hat, zu helfen. „Sensible Menschen belastet das psychisch sehr. Nach einer
       Weile fühlt man sich nicht mehr wie man selbst.“
       
       Etwa 350 Kilometer östlich der Hauptstadt, in der Küstenstadt Toamasina,
       ist es fast Mittag, als Fitahiana aufwacht und sich auf ihren Tag
       vorbereitet. In der Stadt herrscht schon seit Stunden reges Treiben, als
       sie sich bereit macht für ihre Schicht von 14 bis 22 Uhr. Ihr Zeitplan
       ändert sich von Projekt zu Projekt, aber eines bleibt immer gleich: Ihr
       Arbeitstag richtet sich nach den Kunden in Übersee.
       
       Genau wie Njara hätte sich auch Fitahiana nie vorstellen können, einmal in
       einem Callcenter zu arbeiten. Sie studierte Informations- und
       Kommunikationswissenschaften an einer privaten Uni. Doch die Finanzierung
       ihres Studiums wurde schwierig. „Ich musste arbeiten, Studiengebühren und
       Lehrmaterialien waren teuer.“ Zu jener Zeit waren Callcenter fast die
       einzigen, die Jobs boten, bei denen kein Abschluss verlangt wurde.
       
       Heute arbeitet Njara im Verkauf. Sie verbringt ihre Nachmittage damit,
       Menschen anzurufen, die bereits Informationen zu einem Produkt angefordert
       haben. Einige leben in Frankreich, andere in anderen Ländern Europas, in
       den USA oder in Afrika. Manche sind bereit zuzuhören, andere legen auf,
       noch bevor sie sich vorstellen kann. „Man ist die, die die angerufene
       Person stört. Manchmal sagen die Leute: ‚Rufen Sie nie wieder an!‘, auch
       wenn sie zuvor ihr Interesse bekundet haben.“ Dann müsse man sie beruhigen
       und weitermachen.
       
       ## Anerkennung durch Gehalt und Prämien
       
       Anfangs arbeitete Fitahiana auch an Umfragen zur Kundenzufriedenheit. Dazu
       musste sie Menschen kontaktieren, deren Nummern aus externen Datenbanken
       stammten. Die Leute reagierten oft ablehnend. Am Ende ihrer Schicht hat sie
       das Gefühl, dass ihr Körper immer noch dem Rhythmus des Callcenters folgt.
       „Ich schlafe nie richtig durch, weil ich erst mitten am Tag aufwache. Die
       Hausarbeit bleibt immer liegen.“ Die Anrufe hören nicht auf und die vielen
       Stunden vor dem Computer machen ihre Augen müde.
       
       Trotzdem habe der Job nicht nur schlechte Seiten. Mit der Zeit wurde sie
       selbstbewusster. Der Umgang mit schwierigen Gesprächspartnern sei einfacher
       geworden, sie genieße die Herausforderung heute. Das Gehalt und die Prämien
       geben ihr das Gefühl, anerkannt zu werden.
       
       Telefonischer Kundenservice ist nicht mehr die einzige Arbeit, die nach
       Madagaskar ausgelagert wird. Laut dem Wirtschaftsverband EDBM und dem
       Tech-Verband GOTICOM kommen in letzter Zeit auch Firmen aus anderen
       Tech-Branchen wie KI oder Recruitment.
       
       Sechs Jahre nach ihrem vermeintlich vorübergehenden Einstieg hofft Njara
       immer noch, als Juristin arbeiten zu können. Ihr Diplom liegt in einem
       Ordner zu Hause.
       
       19 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nandrasane Nour
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Afrika und der Wettbewerb globaler Mächte
 (DIR) Madagaskar
 (DIR) Digitalwirtschaft
       
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