# taz.de -- Afrikas Sound für die Welt: Anerkennung auf globaler Bühne
       
       > Afrobeats aus Westafrika sind weltweit in Mode – und die Musikbranche in
       > Afrika wächst.
       
 (IMG) Bild: Der nigerianische Afrobeats-Star Burna Boy bei einem Konzert im Roundhouse, London, September 2023
       
       Kitwe taz | Als [1][Burna Boy] am 3. Juni 2023 im vollbesetzten London
       Stadium auf die Bühne tritt, ist die Stimmung elektrisierend. Der
       nigerianische Sänger stimmt weltweite Hits wie „On The Low“ und „Last Last“
       an, das Publikum singt seine Songs mit, von der ersten bis zur letzten
       Zeile. Burna Boy, der mit bürgerlichem Namen Damini Ebunoluwa Ogulu heißt,
       ist einer der Superstars der Afrobeats – ein Sammelbegriff für neue
       Popmusik aus Westafrika.
       
       Es ist ein historischer Tag. Mit dem ausverkauften Konzert im Stadion von
       West Ham United ist Burna Boy der erste afrikanische Künstler, der
       außerhalb des Kontinents eine Arena mit 80.000 Plätzen füllt. 2024
       wiederholt er das Kunststück. Beim Finale der Fußballweltmeisterschaft im
       MetLife Stadium in New Jersey tritt er dann im Juli 2026 zur Halbzeitpause
       zusammen mit Popikone Shakira auf.
       
       Burna Boy ist Teil einer Bewegung, zu der auch Afrobeats-Sänger wie Davido,
       Wizkid und Rema gehören. Sie haben mit ihren federnden Grooves und
       synkopierten afrikanischen Rhythmen, lieblichen Melodien und säuselnden
       Stimmen in Autotune-Modus weltweit Erfolg. So wurden die Afrobeats zum
       wahrscheinlich größten kulturellen Exportgut Afrikas.
       
       Aber auch sonst erlebt die Musikbranche in Afrika einen Aufschwung und
       kreativen Schub, nicht zuletzt dank billiger digitaler Produktionstechnik
       und Vertriebswege. Traditionelle Instrumente werden elektrisch verstärkt –
       und ihr Sound dadurch in die Moderne überführt. Bands wie Arka´n Asfrokor
       aus Togo tragen Dreadlocks und spielen harten Heavy Metal. Und auf einem
       Festival wie Nyege Nyege in Uganda treten die Talente des elektronischen
       Undergrounds Ostafrikas auf. Etwa DJ Travella aus Tansania mit seinem
       treibenden Singeli-Elektro in Hochgeschwindigkeit – oder KMRU aus Kenia.
       Der Produzent hat sich einen Namen mit sphärischem House gemacht, für den
       er oft eigene Field Recordings verwendet. KMRU ist Enkel des legendären
       Benga-Musikers und politischen Aktivisten Joseph Kamaru – in Gedenken an
       ihn hat KMRU unlängst zwei Compilations mit dessen roh klingenden Gospel-
       und Funksongs aus den 1960er Jahren veröffentlicht.
       
       ## Identität und kulturelle Selbstvergewisserung
       
       Die späte Würdigung [2][Joseph Kamarus] ist ein Beispiel dafür, wie das
       eigene musikalische Erbe auch in Afrika heute wieder stärker Beachtung
       findet – in Zeiten, in denen Fragen von Identität und kultureller
       Selbstvergewisserung eh an Bedeutung gewinnen. In Sambia im südlichen
       Afrika zum Beispiel ist der Zamrock wieder in Mode gekommen, eine
       unverwechselbare Fusion aus Rock, psychedelischer Musik und afrikanischen
       Rhythmen – entstanden in den 1970er Jahren als kraftvoller Ausdruck eines
       um seine Identität ringenden Landes nach der Unabhängigkeit. Nun inspiriert
       der Zamrock aufs Neue eine junge Generation von Musikern in Sambia, nachdem
       die ersten Platten der Zamrock-Pioniere WITCH von einem Label in Los
       Angeles neu aufgelegt worden waren.
       
       Wachstumsmotor sind aber die [3][Afrobeats]. Beschleunigt wird ihr Erfolg
       durch soziale Medien und digitale Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple
       Music, Boomplay und Youtube. Die nigerianischen Superstars Davido und Burna
       Boy und die südafrikanische Sängerin Tyla haben Millionen von Streams, und
       2021 wurde Burna Boy als erster nigerianischer Künstler mit einem Grammy
       Award ausgezeichnet.
       
       Die moderne Unterhaltungsmusik hat Mutter Afrika viel zu verdanken: Ob
       Highlife und Soukous, Blues und Jazz, House und HipHop, Reggae und Rumba,
       Salsa und Samba – all diese Musikstile wären ohne afrikanische Einflüsse
       und Rhythmen undenkbar. Finanziell hat der Kontinent davon bisher aber
       wenig gehabt. Mit den Afrobeats ändert sich das nun. Laut Eddie Hatitye,
       Direktor der Plattform „Music in Africa“, erlebt afrikanische Musik derzeit
       eine weltweit beispiellose Aufmerksamkeit und wachse stark. Er erklärt das
       mit dem jungen Publikum in Afrika, einem verbessertem Internetzugang, der
       verstärkten Nutzung digitaler Plattformen und dem internationalen Erfolg
       einiger Genres wie der Afrobeats und des Amapiano aus den Townships von
       Johannesburg und Pretoria in Südafrika.
       
       ## Live-Veranstaltung in Aufschwung
       
       Hatitye kritisiert allerdings, dass die meisten afrikanischen
       Künstler:innen von den Plattformen nicht ausreichend vergütet werden.
       „Streaming hat es afrikanischen Künstlern erheblich erleichtert, ein
       globales Publikum zu erreichen, ohne auf traditionelle Gatekeeper
       angewiesen zu sein“, sagt Hatitye. „Das ist ein großer Vorteil.“ Aber die
       Systeme zur Musikrechteverwaltung seien in vielen Ländern „noch in der
       Entwicklung und die durch Streaming generierten Auszahlungen zu niedrig“.
       
       Dabei wachsen die Einnahmen aus Musikaufnahmen in Afrika stetig und die
       gesamte Musikwirtschaft, einschließlich Live-Veranstaltungen, expandiert.
       Laut der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) haben
       die Einnahmen in Subsahara-Afrika im Jahr 2024 erstmals die
       100-Millionen-Dollar-Marke überschritten – bei einem Wachstum von über 20
       Prozent. 2025 setzte sich der Trend fort, als sie um 15 Prozent auf 120
       Millionen US-Dollar anstiegen Der nigerianische Sänger Wizkid war der erste
       afrikanische Künstler, der auf Spotify insgesamt mehr als 11 Milliarden
       Streams erreichte. Trotz solch hoher Zahlen bleiben die finanziellen Erlöse
       in Afrika weit hinter denen zurück, die anderswo erzielt werden. In einigen
       afrikanischen Ländern bringen eine Million Streams nur rund 300 bis 400
       US-Dollar ein – in den USA dagegen das Zehnfache.
       
       Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Preisen für
       Streaming-Abonnements, aus deren Einnahmen die Rechteinhaber vergütet
       werden. In Ländern, in denen Nutzer:innen niedrigere monatliche Gebühren
       gezahlt werden, entstehen kleinere Tantiemenpools. In Nigeria kostet
       Spotify etwa nur rund 0,50 US-Dollar pro Monat – im Vergleich von bis zu 14
       US-Dollar in Ländern mit hohem Einkommen. Entsprechend weniger verdienen in
       Afrika Künstler:innen bei gleicher Anzahl an Streams.
       
       Die niedrigen Erlöse hängen aber auch mit den strukturellen Schwächen der
       afrikanischen Musikindustrie zusammen, wie beispielsweise einer
       mangelhaften Durchsetzung von Urheberrechten. Es gibt auch zu wenig Orte
       für Liveauftritte – vor allem abseits der großen Metropolen.
       
       Doch trotz aller Herausforderungen: Der Aufstieg der afrikanischen Musik
       ins globale Rampenlicht ist eine der größten Erfolgsgeschichten des
       Kontinents. Künstlerinnen und Künstler aus Afrika brechen Streamingrekorde,
       füllen große Arenen, werden international mit Preisen ausgezeichnet und
       beeinflussen den Pop weit über die Grenzen Afrikas hinaus.
       
       Für Hatitye ist es nun entscheidend, mehr Unternehmen in afrikanischem
       Besitz entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufzubauen. Nur so könne
       sichergestellt werden, dass ein ausreichender Anteil der Erlöse aus dem
       Musikgeschäft den Künstler:innen und Unternehmen auf dem Kontinent
       zugutekommt. „Wenn wir das richtig angehen, wird die wirtschaftliche
       Bedeutung der Musikbranche genauso groß sein wie ihr kultureller Einfluss.“
       
       20 Sep 2026
       
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