# taz.de -- 10 Jahre nach dem Münchner OEZ-Attentat: „Jetzt glauben wir nichts mehr, auch nicht der Polizei“
       
       > Am Mittwoch jährt sich der rechtsterroristische Anschlag am Münchner
       > Olympia-Einkaufszentrum zum zehnten Mal. Angehörige warten bis heute auf
       > Antworten.
       
 (IMG) Bild: „Die Erinnerungen enden nie“, sagt Nayde Dayıcık. Doch auch zehn Jahre nach der Ermordung ihres Sohns Hüseyin haben die Eltern Fragen
       
       Auf dem Grab steht die Skulptur eines weißen Engels mit Flügeln. Am Sockel
       das Foto eines jungen Mannes mit Baseballcap und schwarzer Brille, die
       Inschrift darüber: „Guili“. Der Engel hält ein geöffnetes Buch in der
       rechten Hand, auf der einen Seite steht eingraviert: „Wir sind nicht alle
       reich, aber bluten tun wir alle gleich.“ Es ist der letzte Vers, den
       Guiliano Kollmann, Kosename Guili, geschrieben und zwei Stunden vor seinem
       Tod gepostet hatte. Daneben sein Name und seine Lebensdaten: geboren am 8.
       2. 1997, gestorben am 22. 7. 2016. Er wurde 19 Jahre alt.
       
       Normalerweise besucht Gisela Kollmann mehrmals in der Woche das Grab ihres
       Enkels. „Manche Friedhofsbesucher“, sagt sie, „kommen und fragen: Der war
       ja noch so jung, was ist denn da passiert?“ Kollmann erzählt ihnen dann,
       was passiert ist: Guiliano wurde am 22. Juli 2016 bei dem Attentat im
       Münchner Olympia-Einkaufszentrum, von den Münchnern kurz OEZ genannt,
       ermordet. Wie acht weitere, fast nur junge Menschen mit migrantischer
       Herkunft oder migrantischem Aussehen.
       
       Über ihren Enkel sagt die 75-Jährige: „Er war ein begeisterter Fußballer
       und ein Rapper. Ein Familienmensch, überall beliebt.“ Und er war ein
       Scheidungskind, die Großmutter hatte Guiliano mit ihrem Mann aufgenommen,
       als er drei Jahre alt war. Er habe sie „Mami“ genannt. Der Enkel wollte
       eine Ausbildung zum Offsetdrucker beginnen.
       
       Ermordet wurde Guiliano Kollmann von dem 18-jährigen Deutsch-Iraner David
       S., der sich nach Flucht und Verfolgung durch die Polizei zweieinhalb
       Stunden nach dem Attentat selbst erschossen hatte. Sein Motiv: Rassismus
       und Hass auf Migranten. Erst dreieinhalb Jahre später aber wurde die Tat
       als rechtsterroristischer Anschlag gewertet.
       
       An diesem Mittwoch jährt sich das OEZ-Attentat zum zehnten Mal. Die Tat
       beschäftigte tagelang die Medien und sorgte im Nachgang für lange
       Diskussionen über den Umgang der Ermittlungsbehörden mit
       rechtsterroristischer Gewalt: Der Täter, der selbst iranischen
       Migrationshintergrund hatte, schien in keine Schublade zu passen.
       
       ## Der Tag
       
       Freitagabend, der 22. Juli 2016: Im OEZ wird geschossen, lief als
       Eilmeldung durch die Medien. Um 17.51 Uhr fielen die ersten Schüsse,
       allerdings zunächst in einem benachbarten McDonald’s. David S. schoss auf
       sechs Jugendliche, die in einer Sitzgruppe im ersten Stock saßen, fünf von
       ihnen starben. Draußen auf der Hanauer Straße vor dem McDonald’s schoss er
       auf Passanten, zwei von ihnen starben. Vor einem Elektronikmarkt traf er
       eine weitere Person tödlich, schließlich lief er ins OEZ, erschoss einen
       Passanten im Erdgeschoss des Shoppingzentrums. Um 18.04 Uhr sah ihn eine
       Zivilstreife der Polizei auf dem Parkhausdeck, verlor ihn aber wieder aus
       dem Blick.
       
       Die Stadt wurde buchstäblich abgeriegelt und lahmgelegt, man ging zunächst
       von zwei oder drei Tätern aus. Der U-Bahn-Verkehr wurde eingestellt, alle
       Busse fuhren in die Depots. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, nicht
       rauszugehen und Schutz zu suchen. David S. gelang schließlich die Flucht
       aus dem OEZ, in der Nachbarschaft versteckte er sich in einem
       Fahrradkeller. Als die Polizei ihn entdeckte, erschoss er sich selbst, da
       war es 20.23 Uhr.
       
       Doch nach der Tat schien das Interesse an den Ursachen und den genaueren
       Umständen zunächst wieder nachzulassen. Die Rechercheorganisation
       Mediendienst Integration spricht von dem „verkannten Anschlag“. Denn lange
       herrschte die Auffassung: Es war ein Amoklauf, letztlich unpolitisch. Der
       Täter sei psychisch krank gewesen und habe sich für langjähriges Mobbing in
       der Schule rächen wollen.
       
       Zwei Ehepaare sind zum Gespräch mit der taz gekommen. In Moosach, einer
       migrantisch geprägten Gegend mit vielen Mehrfamilienmietshäusern, stellt
       die Stadt München den Angehörigen der OEZ-Opfer einen Treffpunkt zur
       Verfügung. Es sind helle Zimmer im vierten Stock, die Fotos der Ermordeten
       sind hier aufgestellt. Die Familien der Opfer treffen sich hier bis zu
       viermal in der Woche, es ist für sie ein Ort des Austauschs und des
       Vertrauens. Um die Angehörigen herum hat sich 2022 die Unterstützergruppe
       [1][„München erinnern“], gegründet. Das OEZ ist nicht weit, nur etwa 2
       Kilometer sind es von hier.
       
       ## Die Fragen
       
       Nayde und Süleyman Dayıcık sind die Eltern von Hüseyin Dayıcık, er wurde 17
       Jahre alt. Selçuk Kılıç, der mit 15 Jahren starb, war der Sohn von Yasemin
       und Engin Kılıç. „Seine Schulfreunde kommen uns immer noch besuchen“, sagt
       Nayde Dayıcık. „Er war ein besonderer Junge, hilfsbereit und offenherzig.“
       Und sie sagt: „Die Erinnerungen werden sich nie ändern, und sie enden nie.“
       Doch auch zehn Jahre danach haben die Eltern Fragen. „Wir müssen mehr über
       die Tatnacht erfahren“, sagt Yasemin Kılıç.
       
       Die Fragen springen bei dem Gespräch quer durch den Raum wie Pingpongbälle.
       „Die Polizei war zu langsam da, erst 10 bis 15 Minuten später“, so Nayde
       Dayıcık. Ihr Mann Süleyman sagt: „Es gab einen Täter und 2.500 Polizisten
       im Einsatz. Wie kann es sein, dass er so viele Menschen erschossen hat?“
       
       Engin Kılıç erinnert sich, wie er voller Angst und innerlich aufgewühlt am
       OEZ umherlief, auf der Suche nach dem Sohn. Er versuchte, durch die
       Absperrungen zu gelangen, die Polizei fixierte ihn daraufhin auf dem Boden,
       schickte ihn schließlich weg. Seine Frau Yasemin habe immer wieder gesagt:
       „Er ist tot, er ist tot.“ Er habe erwidert: „Er lebt, er lebt.“ Noch heute,
       im Juli 2026, fließen viele Tränen, wenn das Ehepaar sich erinnert.
       
       Die Hotline der Polizei sei nicht zu erreichen gewesen oder habe falsche
       Informationen gegeben, so ein Vorwurf der Angehörigen. Das Münchner
       Polizeipräsidium berichtete auf einer Pressekonferenz damals, dass rund
       4.300 Notrufe eingegangen seien, viermal mehr als an einem gewöhnlichen
       Tag. Auch reagierten die Bürger teils panisch: So waren laut Polizei in der
       Tatnacht 64 weitere vermeintliche Schießereien sowie zwei Geiselnahmen
       gemeldet worden – was sich alles als falsch herausstellte.
       
       Als die Polizei zur Familie Dayıcık kam und den Tod von Hüseyin mitteilte,
       habe der Beamte zu ihm gesagt: „Seid nicht so traurig, er ist schnell
       gestorben.“ Engin Kılıç erinnert sich noch genau an diesen Satz. Sevda
       Cakir, die das Gespräch übersetzt und sich für „München erinnern“
       engagiert, sagt: „Insgesamt war das ein völlig herzloses Verhalten.“
       Anteilnahme hätten die Angehörigen wenig erfahren, stattdessen wurden sie
       nüchtern verhört.
       
       Ihr Vertrauen in die Bundesrepublik haben die Angehörigen verloren,
       komplett. Nayde Dayıcık, die seit 36 Jahren in Deutschland lebt, sagt:
       „Früher haben wir Deutschland als sicheres, starkes Land gesehen. Aber
       jetzt glauben wir nichts mehr, auch nicht der Polizei.“ Yasemin Kılıç sieht
       ein „rassistisches Denken in den Behörden“. Und Süleyman Dayıcık sagt: „Die
       Polizei in Deutschland kann die Menschen nicht beschützen.“
       
       Die Namen der Ermordeten lauten: Dijamant Zabërgja (20), Sevda Dağ (45),
       Hüseyin Dayıcık (17), Guiliano Kollmann (19), Armela Segashi (14), Selçuk
       Kılıç (15), Can Leyla (14), Janos Roberto Rafael (15 Jahre alt), Sabina
       Sulaj (14). Sieben von ihnen hatten migrantische Wurzeln, Roberto und
       Guiliano gehörten der Volksgruppe der Sinti und Roma an. Vier weitere
       Personen wurden durch Kugeln verletzt. Insgesamt registrierte die Polizei
       an diesem Abend zehn Schwerverletzte, auch weil es in der Innenstadt zu
       Panikreaktionen kam.
       
       ## Der Tatort
       
       Am Tatort. Den McDonald’s an der Hanauer Straße gegenüber dem OEZ, an dem
       das Attentat begann, gibt es weiterhin. Die Angehörigen wünschen sich, dass
       der Standort aufgegeben wird. Bisher vergebens. Denn es ist für sie, so
       sagen sie, unerträglich, dass an diesem Todesort weiterhin Burger und
       Pommes verkauft und verzehrt werden, als sei nichts gewesen.
       
       An der Hanauer Straße fließt der Verkehr vierspurig. Das Denkmal für die
       Opfer ist ein paar Schritte entfernt. Ein eher unauffälliger Bogen aus
       Metall um einen Baum herum gezogen, daran die Fotos der Ermordeten
       befestigt. Die Inschrift lautet: „In Erinnerung an alle Opfer des
       rassistischen Attentats vom 22. 7. 2016“. Hier bleibt keiner stehen, ein
       Fernsehjournalist sucht nach Passanten, die er befragen kann.
       
       Für die Angehörigen wiegt am schwersten, dass die Tat jahrelang von den
       Behörden als „Amoklauf“ eines gemobbten Schülers und psychisch Kranken
       eingestuft wurde. Die Opfer haben die Mobbingtheorie als Vorwurf empfunden,
       als eine Täter-Opfer-Umkehr. Es war eine bequeme, auch rassistische
       Erklärung einer nicht so leicht einzuordnenden Tat: Da sind halt im
       migrantischen Milieu Jugendliche aufeinander losgegangen – so lautete
       schließlich die Interpretation der Behörden. Akte erledigt. Dabei hatte
       David S. keines seiner Opfer persönlich gekannt.
       
       Yasemin Kılıç sagt: „Es hieß dann: Der arme Täter, der wurde so
       terrorisiert.“ Und die Großmutter Gisela Kollmann erinnert sich: „Ich bin
       danach nicht mehr im Viertel einkaufen gegangen. Ich wollte nicht
       angesprochen werden und niemanden sehen.“
       
       ## Die rechte Ideologie
       
       Die Belege mehrten sich aber für eine rassistische, ausländerfeindliche
       Gesinnung. In einem „Manifest“, nach der Tat auf seinem Computer entdeckt,
       schrieb David S. von „ausländischen Untermenschen“ und „Kakerlaken“, die er
       exekutieren werde. Und: „Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen
       egal wer.“ S. hatte sich mit dem Anschlag im norwegischen Utøya am 22. Juli
       2011, als der Rechtsextremist [2][Anders Behring Breivik] 69 Jugendliche in
       einem Sommercamp erschoss, intensiv befasst – seine Tat in München begeht
       er am 5. Jahrestag des Attentats von Utøya. Sich selbst sah er als
       Deutschen. Seine Opfer wählte er nach „migrantischem“ Aussehen aus, dieses
       rassistische Kriterium war ausschlaggebend für ihn.
       
       Das Attentat hatte er sorgfältig vorbereitet. Er brauchte ein Jahr, bis er
       die Tatpistole im Darknet bei einem Waffenhändler kaufen konnte. Inklusive
       300 Schuss Munition. Das ergaben die Ermittlungen. Der Waffenhändler wurde
       im Dezember 2018 wegen fahrlässiger Tötung zu sieben Jahren Haft
       verurteilt.
       
       Die Stadt München gab drei Gutachten in Auftrag über das Motiv der Tat. In
       allen drei steht unabhängig voneinander dasselbe Ergebnis: Es war ein
       rassistischer Anschlag. Ein Gutachter war [3][Matthias Quent,
       Rechtsextremismusexperte, Soziologe] und heute Professor an der
       Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Er schrieb der Tat einen „rassistischen oder
       anderen menschenverachtenden Hintergrund“ zu und nannte sie ein
       „rassistisches Hassverbrechen“.
       
       Laut dem [4][Gutachter hat S. über Migranten gesagt]: „Ihr habt hier in
       Deutschland nichts zu suchen, die AfD wird euch alle ausschalten.“ Die
       Eltern von S. gaben gemäß Quent an, ihr Sohn habe mit der AfD
       sympathisiert, „insbesondere aufgrund ihrer flüchtlingsfeindlichen
       Programmatik“. Der Vater habe gemeint, seine politische Ideologie sei „sehr
       an dem Gedankengut der AfD orientiert“, mit 18 Jahren habe sein Sohn die
       Partei wählen wollen.
       
       Am Telefon sagt Quent, psychische und politische Gründe müsse man nicht
       „gegeneinanderstellen“. Mobbing könne aber „keine Erklärung und keine
       Entschuldigung für Rassismus sein“. Er spricht von einem „ambivalenten
       Anschlag“, der aber klar aus rassistischen Gründen verübt wurde. Wer nur
       auf die psychische Erkrankung des Täters blicke, würde die Sache
       „bagatellisieren“. Ende Oktober 2019 stufte das Bayerische
       Landeskriminalamt (BLKA) unter dem Eindruck der drei Gutachten die Tat
       schließlich als „politisch motivierte Gewaltkriminalität“ ein.
       
       Das BLKA schreibt auf Anfrage, dass das OEZ-Attentat gezeigt habe, dass bei
       der Opferbetreuung „Optimierungsbedarf bestand“. Alle bayerischen
       Polizeipräsidien hätten mittlerweile Konzepte und besonders geschulte
       Kräfte, „die sich mit der Betreuung von Opfern befassen“. Das bayerische
       Innenministerium teilt mit, die Sicherheitsbehörden hätten „die
       Internetaufklärung in sozialen Netzwerken und Plattformen verstärkt, um
       Radikalisierungsverläufe im Internet frühestmöglich zu erkennen“.
       
       Auch in Sachen Gedenkpolitik hat sich in zehn Jahren etwas bewegt, wenn
       auch langsam: Da ist die Gedenkstele für die Opfer am Ort des Attentats.
       Die Gräber der drei in München bestatteten Ermordeten sollen demnächst
       Erklärtafeln erhalten. Der Anschlag ist zudem als rechtsradikale Tat in die
       ständige Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums in München aufgenommen
       worden. Am Mittwoch, dem 10. Jahrestag, wird eine große Gedenkveranstaltung
       vor dem OEZ stattfinden, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD)
       ist angekündigt.
       
       ## Die Forderung
       
       Die Angehörigen verlangen dennoch weiterhin einen
       Landtags-Untersuchungsausschuss, der die noch immer offenen Fragen klären
       soll. Etwa: Warum hat die Polizei die Angehörigen so spät und teils falsch
       informiert? Und vor allem: Warum haben Polizei und Behörden die Tat schnell
       als persönlichen, unpolitischen „Amoklauf“ eingestuft, obwohl der Täter
       laut Zeugenaussagen während der Tat gerufen habe: „Wegen euch
       Scheiß-Kanaken tue ich das.“ Warum dauerte die Anerkennung als rassistische
       Tat dreieinhalb Jahre?
       
       Die Großmutter Gisela Kollmann sitzt daheim am Küchentisch. Ans Grab von
       Guiliano kann sie gerade nicht, sie kuriert eine frische Bandscheiben-OP
       aus. „Der Guili würde jetzt arbeiten“, sagt sie. „Er hätte Freundinnen
       gehabt, hätte vielleicht eine Frau.“ Und: „Er war ein stolzer Sinto.“ In
       sein Zimmer lässt sie niemanden hinein, doch sie holt das Fußballtrikot in
       Weiß-Blau heraus, das ihr seine Vereinskollegen vom TSV 1860 München
       geschenkt haben. Darauf steht „Guiliano“ und die Nummer 29. So alt wäre er
       jetzt.
       
       Seit dem Anschlag ist Gisela Kollmann in psychologischer Behandlung, das
       hat die Opferhilfsorganisation Weißer Ring vermittelt. Sie nimmt Tabletten.
       Um das Grab kümmern sich gerade Freunde und die 1860er-Fußballer. Jedes
       Jahr richten diese ein Gedenkturnier für Guiliano Kollmann aus. Das Tor der
       Mannschaft bleibt dabei stets leer. Denn der Torwart war er.
       
       21 Jul 2026
       
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