# taz.de -- Gedächtnisturnier zum OEZ-Attentat: Heute Kicken, morgen Wut
       
       > Nach dem rechtsterroristischen Attentat von München 2016 suchen zehn
       > Jahre später Angehörige nach Wegen zum Gedenken – zum Beispiel durch
       > Fußball.
       
 (IMG) Bild: Gemeinsam stark für die neun Opfer: Hasan und Sibel Leyla (links vorne in Weiß) mit den Titelverteidigern des Turniers
       
       In der kurzen Stille steht Hasan Leyla gerade, das Mikro in der Hand, den
       Blick auf den Boden. Es haben sich insgesamt 16 Teams vor ihm auf dem
       Kunstrasen in der Sonne aufgereiht – alle bereits aufgewärmt, manche in
       Trikots, noch weniger in Stutzen und Stollenschuhen. Kurz wird es still in
       Moosach, bis man nur noch das Rauschen der Autos aus der Ferne hört und das
       leise Murmeln der aufgebauten Essensstände.
       
       Alle Münchner*innen wissen, wo sie am 22. Juli vor zehn Jahren waren.
       Doch die wenigstens von ihnen sind heute, am 6. Juni, für das
       Fußballturnier der Initiative „München Erinnern“ hier. Dabei will Hasan
       Leyla, der Vater von Can, genau dieses Bewusstsein durch den Fußball
       zurückgewinnen. Beim rechtsterroristischen Attentat vor zehn Jahren wurde
       sein 14-jähriger Sohn neben acht weiteren Menschen getötet. Ihre Namen:
       Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin
       Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ.
       
       Am 22. Juli 2016 schoss ein Mann nahe dem Olympia-Einkaufszentrum auf
       Menschen. Erst im McDonald’s, dann auf der Straße und an der U-Bahn. Dabei
       kamen die neun „Engel“ – wie sie in der Initiative genannt werden – ums
       Leben.
       
       Lange betitelten die Behörden den Anschlag als einen Amoklauf. Dabei geriet
       die psychische Verfassung des Täters in den Vordergrund – sein
       rassistisches und antiziganistisches Gedankengut wurde von den Behörden
       nicht weiter eingeordnet oder thematisiert. Klar ist jedoch, dass das auf
       den Tag genau fünf Jahre zuvor verübte rechtsextremistische Attentat auf
       der Insel Utøya als Vorbild diente. Außerdem war der Täter Mitglied in
       rechtsradikalen Chatgruppen und verfasste ein Manifest, in welchem er zur
       Auslöschung von Menschengruppen aufrief. Erst drei Jahre später folgte eine
       neue Einstufung als politisch motivierte, rechtsextremistische Tat.
       
       ## Kein Amoklauf
       
       Gerade das sei das Problem für die Initiative. Man müsse gegen das Narrativ
       des Amoklaufs ankämpfen, was die Tat in den ersten drei Jahren danach zu
       einem persönlichen Racheakt verklärte. Doch dagegen setzt sich Hasan Leyla
       gemeinsam mit seiner Frau Sibel und der Initiative ein: „Wir dürfen uns
       nicht erlauben, einfach zu Hause zu sitzen und zu warten, bis die Leute
       kommen. Wir müssen mit ihnen persönlich reden. Ihnen erklären, warum sie
       zum Jahrestag kommen sollen.“
       
       Was am Samstag im Fokus der Anwesenden steht, ist aber nicht die Wut über
       die fehlende Anteilnahme, die Aufarbeitung oder die Anerkennung des
       rechtsterroristischen Attentats. Vielmehr wird gefeiert, während die
       Mannschaften um den Pokal kämpfen und sich austauschen. „Es ist sehr
       traurig, was wir erleben mussten. Aber wir müssen nicht immer traurig
       werden, wenn wir an sie erinnern“, meint Leyla.
       
       Und gerade Fußball scheint dafür besonders geeignet zu sein: Denn er hat
       für viele der Opfer eine große Rolle gespielt. Zum einen Can Leyla, dessen
       Lebensinhalt Fußball war. Er wollte Profi werden und war dafür auch an
       einer Sportschule in Unterhaching, als einer von wenigen. „Immer wenn ich
       Fußball schaue, denke ich an Can“, erinnert sich sein Vater, „das war das
       Größte, was er in diesem Leben geliebt hat.“
       
       Auch Guiliano Kollmann war fußballbegeistert. Seine ehemalige Mannschaft
       gewann das erste Turnier, zu seinen Ehren verzichteten sie auf einen
       Torwart. Jetzt treten sie als Titelverteidiger für alle Opfer unter dem
       Namen „OEZ Erinnern“ auf.
       
       ## Sieger nicht wichtig
       
       Doch die Sieger seien nicht so wichtig wie die Anerkennung und Teilhabe, so
       Leyla: „Die Teilnehmenden haben mich spüren lassen, dass es angekommen ist.
       Und das ist das Großartige.“ Besonders wichtig sei die Mobilisierung für
       die kommende Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag, dem 22. Juli 2026.
       Dafür hofft Leyla auf die Mannschaften und ihre Unterstützer*innen. Denn
       diese kommen aus allen Bereichen: aus dem sportlichen Vereinsumfeld der
       Opfer, von Gewerkschaften wie der IG Metall und politischen Initiativen wie
       den „Löwenfans gegen Rechts“.
       
       Der Kunstrasen in Moosach schafft an diesem Mittag den Rahmen für
       Begegnungen – trotz des Wettkampfs. Im Trubel um fehlende Eispacks,
       Turnierbäume und Platzverteilungen könnte man meinen, dass das Gedenken
       etwas zurückfällt. Am Schluss stehen sie aber alle vorne: Hasan Leyla und
       seine Frau Sibel, die Angehörigen von Guiliano Kollmann. Bei der Freude
       über den Sieg des Teams „OEZ Erinnern“ wird wieder klar, wie gut so ein Tag
       tut, bevor man wieder weiterkämpft.
       
       7 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nina Gessner
       
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