# taz.de -- Künstler Arthur Jafa und Richard Prince: Bis man in den Medien den krassen Schmerz sieht
       
       > Jafa und Prince beschäftigen sich in der Fondazione Prada Venedig mit den
       > USA. Dabei oszillieren sie zwischen Brutalität, Utopie und Realität.
       
 (IMG) Bild: Arthur Jafas „Viriconium“, 2026, in der Ausstellung „Helter Skelter“ im Palazzo Ca’ Corner della Regina in Venedig
       
       War es nur ein Gerücht? Schon zur Eröffnung während der Kunstbiennale in
       Venedig ging die denkwürdige Behauptung herum, es handele sich bei dieser
       Show um den one and only, den inoffiziellen, aber wahrhaftigen
       amerikanischen Pavillon. Ebenden, der, anders als der offizielle von Alma
       Allen, auf die explosiv-toxische Gemengelage der USA mit Feuer und nicht
       mit eskapistisch-abstrakter Bildhauerei reagiere.
       
       Ich spreche von „Helter Skelter“, der Duo-Show von Arthur Jafa und Richard
       Prince, diesen beiden bilderverliebten Ikonoklasten, die Amerika und seinen
       Pop genauso verachten wie sie Monstertrucks und Madonna lieben. Aber zu
       diesem Widerspruch gleich mehr. Erst mal zurück zur Frage, ob die
       Ausstellung hält, was das Gerücht über sie verspricht. Auf den ersten
       Blick? Nein. Denn selbst im venezianischen Palazzo der Fondazione Prada –
       Ort der Ausstellung, maximale Aura – wirkten die Objekte, Bilder und
       Symbole, die Jafa und Prince für die Vereinigten Staaten am Abgrund
       gefunden hatten, ziemlich platt, ja banal.
       
       Man sieht vor allem Reifen: Monstertruck-Reifen in Schneeketten, Reifen an
       rostigen Harley Davidsons oder an superhohen Galgen. Und dazu Bilder von
       Pop-Sternchen [1][oder Comichelden wie Hulk] und Mickey Mouse.
       Klischeebilder also, die den Eindruck erwecken, die USA drehten sich nur um
       Hollywood und den industrietoten Rustbelt, leide an Americana-Nostalgie und
       Verdummung.
       
       Betritt man aber eine der Dunkelkammern, in denen Arthur Jafa seine
       musikvideoartigen Collagenfilme zeigt, lässt man den Widerstand gegen die
       simplen Bilder plötzlich fallen. Ganz konkret: Auch ich musste weinen,
       womit ich aber – einen Blick zur Seite – nicht allein war. Woran das liegt?
       Klar, an der Kunst von Jafa und Prince, was vor allem heißt: an der Art,
       wie sie sich die Trivialikonen der Massenkultur aneignen, um in ihnen ein
       Amerika zu enthüllen, so brutal, wie es ist, und so schön, wie es sein
       könnte.
       
       In Arthur Jafas Videos findet man dieses Amerika in den assoziativ
       aneinandermontierten Social-Media- und YouTube-Clips, die man oft aus Memes
       kennt, aber genauso in den collagierten Ausschnitten aus Musikvideos oder
       amerikanischen Filmklassikern wie [2][D.W. Griffiths „The Birth of a
       Nation“]. In Bildern also, die durch Plattformen und die Kulturindustrie
       vorgegeben sind und die bei Jafa meistens eine Mischung aus rassistischer
       Gewalt, Gospel-Performances, Dance Battles oder prägenden Momenten
       afroamerikanischer Geschichte zeigen.
       
       ## Eine ästhetische Oberfläche, die an Remixes erinnert
       
       Zum Beispiel im Videofilm „Love is the message, the message is Death“ von
       2017, den man übrigens online, wie andere Arbeiten von Jafa, auf der
       genialen [3][Archivseite UbuWeb des Konzeptkünstlers Kenneth Goldsmith]
       anschauen kann. Jedenfalls arbeitet Jafa hier mit einfachen Mitteln: einer
       ästhetischen Oberfläche, die an Remixes und Core-Trendvideos auf Tiktok
       erinnert, dazu der gottkomplexe Soul-Soundtrack „Ultralight Beam“ von
       Eskapadenrapper Ye, also Kanye West, und dann eben die Aneignung der Bilder
       selbst, sprich, die Montage.
       
       In ihr verlangsamt Jafa die schnellen Medienbilder, bis man in ihnen einen
       krassen Schmerz erkennt, der, so lassen die dazwischengeschnittenen
       Filmschnipsel über Sklaverei vermuten, ein Echo rassistischer
       Gewaltgeschichte ist. Schroffe Gegensätze wie Polizeigewalt und Booty
       Shakes stellt Jafa nebeneinander, um in der Montage einen neuen, absurden
       Ausdruck entstehen zu lassen, der im Widerspruch zur ästhetischen
       Oberfläche der Videos – den leicht konsumierbaren Pop-Bildern – steht. Zum
       Heulen ist das, weil sich hinter der niederschmetternden Gewalt der Bilder
       eine wirkliche Schönheit zeigt, die nicht Kitsch ist, das heißt, die nicht
       über Gewalt hinwegtäuscht, sondern auf Konfrontation mit ihr geht.
       
       Jafas harte, aber gefühlvolle politische Ästhetik: Gut ist an ihr, dass
       sie, anders als in vielen der Biennale-Pavillons nebenan, keinem
       Parteiprogramm folgt. [4][Jafa scheint sich geradezu zu sträuben, trotz der
       klar antirassistischen Message seiner Arbeiten], auf aktivistische
       Schablonen reduziert zu werden. Um die geht es nämlich eine Etage weiter
       oben, in einem der Hauptwerke der Show, in Jafas
       Pappaufsteller-Installation „Viriconium“ (2026).
       
       Zu sehen sind hier Ikonen Schwarzer Protestgeschichte: Cut-outs berühmter
       Fotografien von Malcolm X oder von den Harlem Riots 1964, dicht gedrängt
       neben Bildern rassistischer Lynchmorde oder knutschender Pärchen. Ihre
       räumliche Nähe zum barocken Stuck des Palazzo und der Historienmalerei an
       den Wänden lassen sie wie Dekor erscheinen.
       
       ## Der Jahrmarkt und Charles Mansons Rassenwahn
       
       Mit den kopfgroßen Löchern, die in viele der Aufsteller geschnitten sind,
       erinnern sie an Fotoattrappen in History-Theme- und Amusement-Parks. Der
       Titel der Ausstellung, „Helter Skelter“, ist eben nicht nur einem
       ausgefallenen Beatles-Song und dem [5][Rassenwahn von Sektenführer Charles
       Manson zu verdanken], sondern auch dem Namen einer alten
       Jahrmarktsattraktion.
       
       Jafa demonstriert so die Gewalt, die in den Bildern selbst steckt. In ihrer
       Vereinfachung und Ästhetisierung von Leid und Protest für den Massenkonsum.
       Dazu passt, dass gegenüber, am anderen Ende der herrschaftlichen Halle,
       Richard Princes „The Entertainers“ (1982/83) stehen. Zehn lebensgroße
       Hochkant-Drucke, dunkelgrau und monochrom wie Grabplatten, darauf bunt
       eingefärbte, verpixelte Magazinporträts früh gescheiterter Hollywood-Stars.
       
       Kuratorisch ist diese Gegenüberstellung brillant: Entertainment und Politik
       spiegeln sich in ihrer brutalen Betriebslogik. Ansonsten wirkt die Kuration
       oft etwas erratisch, überfordert mit der Menge an Werken. Dabei besteht ihr
       Coup allein darin, Jafa und Prince zum ersten Mal zusammengebracht zu
       haben. Eine Kombination, die so natürlich daherkommt, dass man sich fragt,
       warum erst jetzt? Um sich dann die Antwort selbst zu geben: gerade jetzt,
       mit den USA im zerstörerischen Freefall-Tower-Modus. Das Gerücht stimmte
       also: „Helter Skelter“ ist DER amerikanische Pavillon.
       
       Umso besser, dass er es trotzdem nicht geworden ist. Die Ausstellung mag
       zwar ihrem Inhalt nach sehr amerikanisch sein – ein poppiges Abziehbild
       roher Demokratie –, ihrer Form nach bringt sie aber einen Kunstbegriff ins
       Spiel, den man sich genauer anschauen sollte, auch über die USA hinaus.
       
       ## Ein Kunstbegriff, den man sich genauer anschauen sollte
       
       Warum? Weltweit pervertieren Populisten die Mittel des Entertainments – die
       Bilder, mit denen Prince und Jafa arbeiten –, um ihre Macht attraktiv und
       ihre Gewalt bekömmlich zu gestalten. Sei es durch Anime-Clips von
       Deportationen, sexy Memes über [6][ideologische Killer wie Luigi Mangione]
       oder die Faszination, die der italienische Futurismus auf rechte
       Silicon-Valley-Apokalyptiker ausübt.
       
       Die Kunst von Jafa und Prince enthüllt nicht nur die fatalen Mechanismen
       dieses Polit-Entertainments, sie erobert sie zurück. Appropriation-Art
       heißt hier, mit feinem Witz und zielsicherer Schamlosigkeit zu kritisieren,
       was ästhetisch und moralisch falsch ist, ohne die populäre Form selbst
       aufzugeben. Jafa und Prince halten an der obszönen Macht der Bilder fest,
       an ihrer einfachen Sprache, und treten deshalb in direkte,
       marktschreierische Konkurrenz mit ihren populistischen Gegnern.
       
       Nicht ohne Grund gibt es dabei eine stilistische Nähe zu modernistischen
       Avantgardekünstlern wie Duchamp und Picasso. Das zeigen Arbeiten von
       Richard Prince wie „Untitled (Cowboy)“ (2016) oder „Untitled (De Kooning)“
       (2006) – eine Readymade-Plastik und zwei großflächige Übermalungen von
       De-Kooning-Motiven und Fotodrucken des französischen Fotografen Patrick
       Coitru. Wie ihre modernistischen Stilvorbilder sind auch sie visuell
       vulgär, provozieren willentlich durch eine unerhörte Aneignung anderer
       Kunstwerke.
       
       Mit Blick auf amerikanische Cartoonisten, TV-Comedians und Bilderplünderer
       wie Tex Avery, Frank Tashlin oder die Marx Brothers sprach der Filmkritiker
       James Hoberman 1982 von „vulgärem Modernismus“. Eine Kunst der Massen, die
       in der radikalisierten Medienökonomie trotzdem Schönheit und einen freien
       Ausdruck fand. Arthur Jafa und Richard Prince wenden diesen Kunstbegriff in
       Venedig auf die Gegenwart an. Und ihrem schluchzenden Publikum nach zu
       urteilen, ist es genau die richtige Kunst für eine falsche, hässliche,
       monströse Zeit wie jetzt.
       
       31 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Spider-Man-Brand-New-Day-Die-Superheld-wird-in-die-Selbsthilfegruppe-geschickt/!6199822
 (DIR) [2] /Spielfilm-ueber-einen-Sklavenaufstand/!5397662
 (DIR) [3] /Club-Transmediale-in-Berlin/!5074056
 (DIR) [4] /Ausstellung-ueber-afroamerikanische-Kunst/!5863972
 (DIR) [5] /Charles-Manson-und-die-Hippies/!5461281
 (DIR) [6] /Podcast-This-is-America-Free-Luigi/!6174447
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonathan Guggenberger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bildende Kunst
 (DIR) US-Kunst
 (DIR) US-Medien
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Biennale Venedig
 (DIR) USA
 (DIR) Kunst
 (DIR) US-Kunst
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kunsthistorikerin Jennifer van Horn: „Freiheit und Unfreiheit an einem Ort“
       
       Die Kunst aus der Gründerzeit der USA versprach Demokratie in einer
       gesegneten Landschaft. Wie viel das ausblendet, erzählt Kunsthistorikerin
       Jennifer Van Horn.
       
 (DIR) Kontroverse Kunstbiennale in Venedig: Wo die Blumen welken
       
       Es sollte eine Biennale der leisen Töne werden. Im Vorfeld drängelte sich
       jedoch die Politik hinein. Wie kann sich die Kunst in Venedig behaupten?
       
 (DIR) Ausstellung über afroamerikanische Kunst: Mutierte Klischees
       
       Die Kunst des Afroamerikaners Arthur Jafa ist unbequem und politisch. Im
       südfranzösischen Arles zeigt die private Fondation Luma seine Werke.