# taz.de -- Rollenspiele für Kinder: Die Kriegerin vom Hexenturm
> Unser Autor besucht mit seiner Tochter ein Live-Rollenspiel für Kinder –
> und beobachtet, wie aus der Achtjährigen eine Heldin wird.
(IMG) Bild: In der Schlacht im Nordwesten Hannovers triumphieren die jungen Kämpfer:innen am Schluss gegen das Böse
Rund 60 Kinder in mittelalterlicher Kleidung folgen einem charismatischen
jungen Mann durch den Hinüberschen Garten im Nordwesten Hannovers. Sie sind
bewaffnet mit Schwertern und Schilden, Bögen und Kampfstäben. Konzentriert
marschieren sie, skandieren im Rhythmus und üben gemeinsam, wie man eine
Schlachtreihe bildet: Schildträger nach vorne, die Schwerter im zweiten
Glied, dann Bogenschützen und Heiler in der Nachhut.
Man könnte glauben, der Kinderkreuzzug von 1212 würde hier ein Revival
erleben. Doch der Anführer ist kein eifernder Prediger. Er nennt sich Sir
Tristan von Tiefweiher, Heerführer der nördlichen Königreiche. Und den
Rufen zufolge wird auch nicht gegen die Sarazenen, sondern gegen die
„Horde“ gezogen. Was ich außerdem weiß: Meine achtjährige Tochter steckt
mittendrin in diesem Aufmarsch und sie hat gerade die Zeit ihres Lebens.
Sie macht schon zum zweiten Mal bei einem Larp mit, die Abkürzung steht für
„Live Action Role Playing“, auf Deutsch: Live-Rollenspiel.
[1][In klassischen Rollenspielen], zu den bekannteren [2][zählen „Dungeons
and Dragons“] oder das deutsche „Das schwarze Auge“, werden fantastische
Abenteuer mit Stift und Papier am Wohnzimmertisch nachgespielt. Eine
Spielleitung steckt erzählerisch einen Rahmen aus Setting, Ereignissen und
zu lösenden Aufgaben ab. Die Spielenden improvisieren mit selbst
ausgedachten Charakteren, wie sie auf die Herausforderungen reagieren. Mit
Würfeln und einem Regelwerk wird bestimmt, wer einen Kampf gewinnt, wie
stark ein Zauber wirkt und ob ein waghalsiger Sprung gelingt – oder nicht.
So entsteht gemeinsam eine epische Geschichte.
## Von Science-Fiction über Western bis Postapokalypse
Schon am Tisch geht es dabei vielen um eine möglichst hohe Immersion,
sprich: ein tiefes Eintauchen und Einswerden mit der fantastischen Welt.
Larp ist die nächste Stufe. Ein Wochenende oder länger wird man selbst zu
seinem Charakter, [3][schlüpft in Kostüm und Rüstung] und kämpft, wenn
nötig, mit Polsterwaffen aus Latex. Die Szenarien reichen dabei von Fantasy
bis Science-Fiction, von Western bis Postapokalypse. Für viele Menschen
bedeutet Larp, sich in einer Mischung aus Improvisationstheater,
Escape-Room-Game und Schaukampf ganz in einer fremden Figur zu verlieren.
Sir Tristan von Tiefweiher etwa heißt im richtigen Leben natürlich anders,
aber wenn er als Charakter vor einem steht, mit festem Blick, glänzender
Rüstung, Stulpenstiefeln und einem großen roten Schild, könnte man ihn
schon für einen edlen Ritter halten. Es ist kein Wunder, dass die Kinder
sich von ihm anführen lassen. Meine Tochter und ich haben ihn schon auf dem
Weg zum Larp in der Straßenbahn gesehen und ein paar Minuten darüber
getuschelt, ob der freundlich aussehende Mann, dem das Schwert aus dem
Wanderrucksack ragt, womöglich auch Liverollenspieler ist. Mit diesem
Schwert dirigiert er nun seine kleine Armee und bereitet sie auf den
bevorstehenden Kampf vor.
Ich habe als Teenager in den späten Neunzigern mit dem Larpen begonnen.
Larp war damals selbst noch ein junges Hobby, das vor allem von eher
nerdigen Männern und (seltener) Frauen betrieben wurde. Die ersten
Conventions, oder Cons, wie die Liverollenspieler:innen ihre
Spielwochenenden nennen, sind in Deutschland ab 1992 dokumentiert. Seitdem
hat sich das Hobby enorm weiterentwickelt. Zu Groß-Cons wie dem
„Drachenfest“, das seit diesem Jahr in Waldeck am Edersee stattfindet, oder
„ConQuest of Mythodea“ in Brokeloh bei Nienburg kommen inzwischen bis zu
10.000 Menschen.
Larps sind auch inklusiver geworden, im Angebot vielfältiger und
spielerisch freier, weniger eng ans Papiervorbild angelehnt. Ein gängiges
System trägt die Abkürzung DKWDDK – du kannst, was du darstellen kannst.
Das heißt: Wer seine Mitspieler kreativ in sein Spiel einbinden und von den
eigenen Fähigkeiten überzeugen kann, braucht sich nicht mehr auf
Zahlenwerte auf einem Charakterbogen zu berufen.
Gleichzeitig sind Larper:innen auch mit ihrem Hobby gealtert. Wer wie ich
in den 90ern jugendlich war oder studierte, hat heute häufig Familie. Und
so gibt es seit Ende der 2000er diverse Vereine in Deutschland, die Larps
speziell für Kinder ausrichten. Einer davon, Spektakulus aus dem
niedersächsischen Walsrode, hat die Tagesveranstaltung rund um den
„Hexenturm“ im Hinüberschen Garten organisiert.
## Die Erwachsenen sind nur Nebencharaktere
Ich hatte von Anfang an große Hoffnung, dass meine Tochter Larp lieben
würde. Sie findet Fantasy-Kinderbücher toll, erschafft mit ihren
Spielzeugfiguren im Kinderzimmer legendäre Welten und Konflikte und
verbringt allgemein sehr viel Zeit damit, sich selbst Geschichten zu
erzählen. Kurzum: Sie ist Profi im Eintauchen in fantastische Welten.
Bei den Hexenturm-Larps in Hannover gibt es eine klare Unterscheidung in
Spieler (Kinder) und Nichtspieler (Erwachsene). Die Charaktere der Kinder
werden von Anfang an als Hauptfiguren und zukünftige Held:innen in die
Spielwelt eingeführt. Zu Beginn des Tages erfahren sie, was laut Geschichte
der Anlass des Zusammentreffens ist, und was sie erwarten können. Meist
müssen sie mehrere kleinere Aufgaben erfüllen und ein Geheimnis ergründen,
bevor es am Ende zu einem großen Kampf kommt.
Die Erwachsenen sind auch kostümiert, aber nur Nebencharaktere. Sie
begleiten die nach Alter gestaffelten Kindergruppen als Aufsichtspersonen,
stellen die bösen Gegner der „Horde“ dar oder übernehmen Anspielstationen
in der Spielwelt. So war ich etwa der Alchemist des imaginierten Dorfes, in
dem die Geschichte an diesem Wochenende ihren Anfang nahm.
Einige Stunden vor den Schlachtübungen mit Sir Tristan steht meine Tochter
daher mit ihrer Spielgruppe vor meiner Alchemistenküche und mir wird
schnell klar, dass sie den erhofften Immersionszustand erreicht hat. Sie
ist vollständig in ihren Charakter eingetaucht und trägt mir mit sorgfältig
gewählten, altmodisch klingenden Worten vor, dass sie als Waldläuferin und
Kriegerin oft in gefährliche Situationen gerät, in denen sie auch verletzt
werden kann. „Ich benötige daher dringend einen Heiltrank“, sagt sie ernst.
Auf meine Anweisung hin holt sie gemeinsam mit einem Jungen in
Magiergewandung Wasser, hilft mir beim Aufgießen von Lebensmittelfarbe in
einem Erlenmeyerkolben und schaut zu, als ein anderes Mädchen mit
Blumenkranz in den Haaren die rote Flüssigkeit in eine kleine Ampulle
abfüllt. Einen Glasstein kostet der Heiltrank, den ich der Gruppe natürlich
gerne überlasse.
Als meine Tochter sich zum Gehen wendet, greife ich nach ihrem Arm und
frage kurz: „Alles okay? Hast du Spaß?“ Sie lächelt und nickt nur ganz
kurz. Eindeutig hat sie keine Lust, ihren spielerischen Flowzustand zu
verlassen.
Die Gründungsgeschichte des Vereins Spektakulus erzählt mir dessen
Vorstandsmitglied Dirk Bolm am Telefon. Der Sozialpädagoge arbeitet seit
1992 mit Kindern und Jugendlichen. In diesem Rahmen, sagt er, habe er schon
früh Abenteuerwochenenden zu Themen wie „Römer“ oder „Wikinger“
veranstaltet, ohne zu wissen, was Larp ist. 2008, nach einem Besuch des
ConQuest of Mythodea in der Nähe seines Wohnorts, sei ihm dann klar
geworden: „Das müssen wir mit den Kindern machen!“
Neben Tagesveranstaltungen wie der um den „Hexenturm“ veranstaltet der
Verein Cons mit bis zu 400 Beteiligten, die Jugendfreizeitcharakter haben
und in den Sommerferien auch mal eine Woche dauern. Wenn man Dirk Bolm
zuhört, hat man nicht den Eindruck, dass er von einem nerdigen Hobby
spricht. „Mit Larp erreicht man sehr schnell sehr viel“, sagt er. „Das
gemeinsame Spiel schult soziale Kompetenzen wie Kommunikation und
strategisches Denken, baut Stress ab und fördert Konzentration und
Körperwahrnehmung – und man ist in der Natur, an der frischen Luft, und
bewegt sich.“ Wer schon ein Handy hat, lässt es während des Spiels in
seiner Reisetasche. „Viele Teilnehmende empfinden das als Erleichterung“,
meint Bolm.
Wichtig ist ihm, dass der Fokus des Spiels auf den Kindern liegt. Sie
sollen dabei ihren persönlichen Held:innenmoment erleben. Daher ist auch
klar geregelt, dass die Kinder immer die eindeutig Guten spielen und am
Ende über das Böse triumphieren. Einige 15-Jährige, die im Verein groß
geworden sind, wurmt das inzwischen. Sie wollen endlich auf die düstere
Seite wechseln und ihre Teenagerabgeklärtheit ausleben. Aber die Regeln
sind klar: Die Horde nimmt Rekrut:innen erst ab 16.
Mittlerweile hat sich die Kinderarmee im Hinüberschen Garten auf den Weg
zum Schlachtfeld gemacht. Sie haben die Gnocks, eine Gruppe von
blaugesichtigen Wesen, dabei unterstützt, ihren magischen Stab
zurückzubekommen, und einem beeindruckend aussehenden Duo aus
Echsenmenschen geholfen, ihre Lieblingsbeeren zu finden. Bei mir haben sie
sich mit Zaubertränken eingedeckt und von einer Schamanin mit Tierschädel
auf dem Kopf einen Verwurzelungszauber gelernt. Jetzt sind sie für den
Endkampf bereit. Die Horde, einige davon Mütter und Väter, wartet bereits
auf sie.
Dirk Bolm schildert mir, dass er über die Jahre verschiedene Typen von
Spektakulus-Eltern identifiziert hat. Manche geben ihre Kinder bei seinen
Larps ab, bleiben aber selbst komplett außen vor. Andere fragen nach
Möglichkeiten, sich in den Verein einzubringen. Sie helfen in der Küche
oder beim Bau von Requisiten und Kulissen. Und wieder andere entdecken das
Hobby durch ihre Kinder und werden selbst zu Larpenden. Wenn sie nicht, wie
ich, sowieso eine Live-Rollenspielgeschichte haben und sich freuen, dass
sie diese nun mit ihren Kindern teilen können.
Ich habe beobachtet, dass das gemeinsame Spiel mit Kindern gestandene
Larper verändert. Nerds neigen dazu, sich einen Panzer aus Ironie und
Spezialwissen zuzulegen. Wer einem Nischenhobby nachgeht, definiert sich
oft auch durch die Abgrenzung zum vermeintlichen Mainstream. Unter der
Woche sitzt man vielleicht wie viele andere in einem Büro, fährt eine
Straßenbahn oder kümmert sich um Haushalt und Familie. Aber an drei
Wochenenden im Jahr erlebt man Abenteuer, die andere nur erahnen können.
Die Kinder, gerade die jüngsten wie meine Tochter, haben dieses
Distinktionsbedürfnis noch nicht. Sie sind mit vollem Herzen und
leuchtenden Augen dabei.
„Ich spiele viel lieber mit Kindern“, sagt Dirk Bolm, und ich verstehe, was
er meint. Es macht einen auf angenehme Art weich, wenn die Rollen, zwischen
denen man sonst säuberlich trennt, ineinanderfließen. Beim Larp mit Kind
sind die Erwachsenen gleichzeitig Vater und Ritter, Mutter und Schamanin,
liebende Eltern und fanatische Anhänger des bösen Zaubermeisters Sithric.
Und das alles auch noch in einem öffentlichen Park vor zufälligem
Laufpublikum, das manchmal kopfschüttelnd oder begeistert stehen bleibt und
zuschaut.
Hätte ich kein Kind dabei, würde ich mir vielleicht zwischendurch albern
vorkommen, entschuldigend lächeln und zweimal überlegen, bevor ich mich mit
Gebrüll auf die Schlachtreihe aus Kinderkrieger:innen hinter Sir Tristan
stürze. Aber ich spiele hier ja nicht nur für mich. Ich erschaffe auch eine
prägende gemeinsame Erinnerung für meine begeistert ihr Schwert in die Höhe
reckende Tochter. Die ist kurz davor, einen epischen Kampf zu gewinnen. Und
das will ich ihr, als stolzer Larp-Nerd und Papa, unbedingt ermöglichen.
2 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alexander Matzkeit
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