# taz.de -- Kürzungen bei der Psychotherapie: Kinder sind nicht die Zukunft, sondern egal
       
       > Unterversorgung in der Psychotherapie erzeugt nur Verlierer*innen: die
       > Eltern, die Therapeut*innen, die Gesellschaft. Und zuvorderst die Kinder.
       
 (IMG) Bild: Viele Kinder und Jugendliche warten monatelang auf einen Therapieplatz
       
       Ein Mädchen, 9, spricht nicht, in der Schule verweigert es die Mitarbeit.
       Ein Junge, 8, ist unruhig, würgt Mitschüler, hat zu Hause zu nichts Lust,
       ist aggressiv und gleichzeitig verzweifelt. Ein Mädchen, 15, übergibt sich,
       ritzt sich, isoliert sich. Ein Junge, 10, hat Albträume, in denen er seine
       Mutter umbringt, und kann nicht zwischen Realität und Traum unterscheiden.
       Ein Junge, 10, kotet und nässt noch immer ein. Eine 14-Jährige ist
       unselbstständig, geht kaum aus dem Haus, hat Angst vor Insekten und vor den
       Blicken der Leute.
       
       So oder so ähnlich, erzählt eine Therapeutin, seien die Beschreibungen der
       Eltern, die sie um Termine anflehten. Jede Woche habe sie im Schnitt zehn
       Anfragen, freie Plätze kaum. Sie arbeitet in Berlin auf einem halben
       Kassensitz.
       
       Die Entwicklung der betroffenen Kinder ist massiv beeinträchtigt. In der
       [1][Psychotherapie] sollte es gelingen, dass die Kinder ihre Entwicklung
       wieder aufnehmen. Dass sie wieder lernen wollen, mit den Eltern sprechen
       können, sich geliebt fühlen. Dass sie Freunde finden, sich für etwas
       interessieren. Dass sie sich eine Zukunft vorstellen und einen Platz darin
       finden. Dass sie ihre Schulabschlüsse schaffen.
       
       Seit Jahren steht fest, es gibt zu wenige Therapeut*innen. Vor allem im
       Bereich der Kinder- und Jugendpsychotherapie ist die Unterversorgung
       immens. Viele warten monatelang auf einen Therapieplatz.
       
       Jetzt will [2][die CDU/CSU/SPD-Koalition] das Minderangebot weiter radikal
       beschneiden. Durch geplante Änderungen in der Budgetierung werden
       Therapeut*innen wirtschaftlich gezwungen, viel weniger Therapiestunden
       anzubieten. Wie um alles in der Welt will die Politik die zuvor beschworene
       Unterversorgung so lösen? Es gibt zu wenig, also nehme ich vom wenigen noch
       etwas weg.
       
       Vor Jahren wurden Therapeut*innen aufgrund der Minderversorgung
       angewiesen, so viele Therapiestunden wie möglich anzubieten. Daraufhin
       haben viele ihre Kassensitze geteilt, damit es mehr Angebote gibt, „denn
       mehr als 30 Therapiestunden in der Woche sind kaum zu schaffen, angesichts
       der unbezahlten Praxisorganisation und den aufwändigen Anträgen, die auch
       geschrieben werden müssen“, sagt die Therapeutin, die anonym bleiben
       möchte.
       
       Ab 2027, so der [3][Plan der Union], soll eine Therapeutin mit Kassensitz
       weniger Stunden ihrer Arbeit vergütet bekommen als zuvor. Für viele deckt
       das nun kaum die Kosten. Auch weil sie zusätzlich Kredite für die 100.000
       Euro teure Ausbildung zurückzahlen müssen, in der sie ein Jahr lang
       unbezahlt an einer Klinik assistieren mussten. Gut möglich, dass ältere und
       schuldenfreie Therapeut*innen die Abwertung ihrer Arbeit indes nicht
       mitmachen werden und ihre Praxen schließen.
       
       Alle werden Verlierer*innen dieser politischen Entscheidung sein: die
       Eltern, die Therapeut*innen, die Gesellschaft. Zuvorderst aber die Kinder.
       Wenn ihnen verwehrt wird, über Therapie ihre Entwicklung wieder
       aufzunehmen, dann drohen Lebenspläne ohne Schulabschlüsse, mit antisozialem
       Verhalten, mit PC-Sucht, mit chronischer Erkrankung durch eine Essstörung,
       sofern sie überlebt wird, mit Depression oder innerer Verwahrlosung. Wer
       dieses Gesetz verabschiedet, will genau das. Kinder sind die Zukunft, heißt
       es. Denen, die die Kürzungen beschließen, ist das egal.
       
       Nicht zuletzt ist diese politische Entscheidung ein Angriff auf die
       Psychotherapie selbst. Anders als die Pharmaindustrie, die davon
       profitiert, wenn der Zugang zu Therapien eingeschränkt wird, wirft die
       Psychotherapie keine Dividende für Aktionäre ab. Ein Kind, das anderen
       etwas wegnimmt, manipuliert, zerstört, Gewalt ausübt, wird therapiert. Die
       Akteure des Kapitalmarkts, die das Gleiche tun, lässt man gewähren.
       
       10 Jul 2026
       
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