# taz.de -- Auf dem Schulweg lesen: Der schlingernde Schüler
       
       > Für heute gerettet: Wenn der Handynacken von übermäßiger Lektüre
       > herrührt, sind die Kids eben doch alright.
       
       Montag, ungefähr 7.45 Uhr. Der Kiez schickt seine Kinder los. Sie ziehen im
       Gänsemarsch die Straßen entlang, hin zu ihren Bildungseinrichtungen. Von
       denen gibt es hier im Rund ja einige. Sie laufen in Grüppchen zur
       Theresien, wo sie oft besonders adrett aussehen. Manche laufen im Trio zur
       Primo Levi und reden viel dabei. Ich höre da etwas über Brettspiele, aber
       kann mich irren. Und dann sind da Paare der Jüngsten auf dem Weg zur
       Stephanus. Bei denen geht es ziemlich sicher um Fußball. Es geht ja immer
       um Fußball.
       
       Und vielleicht diesmal auch ums Zeugnis.
       
       Und dann ist da einer, der geht ganz anders. Nicht nur, weil er allein ist
       und darum nicht redet.
       
       Er mäandert langsam am Edeka vorbei, vermutlich rüber zur Heinz Brandt,
       denke ich. Sein Gang zeichnet sanfte Wellenlinien. Seinen Kopf hat er weit
       nach vorn gebeugt. Ein Handynacken, denke ich.
       
       Vor einer Weile habe ich von einem jungen Mann in Japan gelesen, den es
       damit so arg erwischt hatte, dass er seinen Kopf nicht mehr heben konnte.
       Er hatte exzessiv am Handy gezockt.
       
       Der also auch, denke ich. Aufpassen muss er. Ich verlangsame meinen
       Spaziergang. Er steuert auf eine Ampelkreuzung zu. Vielleicht muss ich ihn
       aufhalten? Doch der Junge bleibt rechtzeitig stehen. Ich halte neben ihm
       an. Dabei sehe ich: Das ist kein Handy in seiner Hand.
       
       Der Junge hält ein Buch. Einen schmalen Band, der den Titel „Rescued“
       trägt. Das gefällt mir. Er hält mit dem Daumen der Linken die Seiten fest.
       Mit der Rechten sucht er den Knopf an der Ampel, denn alle drücken, obwohl
       er doch nur für Menschen mit Sehbehinderung gedacht ist und Geräusche
       macht. Der Junge findet den Knopf. Dann blättert er um. Als er schließlich
       über die Straße geht, ohne aufzusehen (daher also der Knopf!), bleibe ich
       stehen.
       
       Ich sehe ihm nach. Während alle schon in ihren Schulen sind, lässt er sich
       Zeit. Rescued, sage ich zu mir selbst. Für diesen Tag stimmt das ganz
       sicher.
       
       7 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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