# taz.de -- Russlanddeutsche Geschichte: Dieser Ort am Ende der Welt
       
       > Unsere Autorin ist Russlanddeutsche, kam als Kind nach Deutschland. Sie
       > fragt sich: Was ist das für eine Nostalgie, die sich durch meine Familie
       > zieht?
       
 (IMG) Bild: Unsere Autorin im Sommer 1996 in der ersten Mietwohnung der Familie in Deutschland
       
       Wenn jemand sich auf Russisch nach einem Ort erkundigt und man diesen nicht
       preisgeben möchte, kann man mit einem Reim antworten: „Gde, gde? – V
       Karagande.“ „Wo, wo? – In Qaraghandy.“ Dieser Ausspruch bedeutet so viel
       wie „am Ende der Welt“.
       
       In Qaraghandy, einer Stadt in der kasachischen Steppe, spielt ein Teil
       meiner Familiengeschichte. Wer seine Wurzeln in der Sowjetunion hat, weiß
       um den Schatten, der über diesem Ort liegt. Stalin ließ viele Menschen,
       darunter auch meine Vorfahren, dorthin deportieren und Zwangsarbeit in
       Kohleminen verrichten.
       
       Für die meisten hierzulande hingegen dürfte Qaraghandy ein nichtssagender
       Name sein. Denn obwohl zweieinhalb Millionen deutsche Sowjetbürger, die
       sogenannten Russlanddeutschen, im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion in die
       Bundesrepublik einwanderten, interessierte sich die Mehrheitsgesellschaft
       wenig für sie, ihre Herkunftsorte, ihre Redewendungen. Vielmehr gab es in
       den Neunzigerjahren Hetze gegen die neuen Nachbarn aus dem Osten.
       Populisten gingen mit Feindbildern von den „kriminellen Russen“, die den
       Deutschen die Arbeitsplätze rauben, auf Stimmenfang. Heute heißt es, die
       Russlanddeutschen seien [1][AfD-Wähler] und Putin-Fans.
       
       Solche Klischees bekomme ich oft von Menschen zu hören, weil sie nicht
       ahnen, dass ich zu dieser Gruppe zähle. Sie können sich nicht vorstellen,
       dass eine Journalistin, die regelmäßig aus der Ukraine berichtet und
       Ukrainisch spricht, eine Russlanddeutsche sein kann. Tatsächlich kenne ich
       in meinem engen Familienkreis niemanden, der die AfD wählt oder den
       [2][Krieg gegen die Ukraine] unterstützt – selbst wenn die
       Repressionserfahrung in der Sowjetunion sowie der schwierige Start
       hierzulande bei einigen gewiss zu einer skeptischen Einstellung gegenüber
       „der Politik“ oder „den Medien“ geführt haben.
       
       Was ich konkret beobachte, ist ein ausgeprägter Hang zur Nostalgie, zum
       Schwärmen für ein besseres Leben, das es vermeintlich in der Vergangenheit
       der Russlanddeutschen einmal gegeben hat. Besonders deutlich erkenne ich
       ihn bei meiner Großmutter Anna. Kein Familienessen kommt ohne ihre
       Geschichten von früher aus. Mir scheint, diese Nostalgie innerhalb meiner
       Familie ist der Schlüssel zu einem besseren Verständnis dessen, wer die
       Russlanddeutschen sind.
       
       Anna, Jahrgang 1951, ist eine neugierige und lebensfrohe Frau. Wenn ich sie
       als Schulkind in den Ferien in ihrer baden-württembergischen Kleinstadt
       besuchte, unternahmen wir jeden Tag Ausflüge: Wir fuhren ins Stuttgarter
       Planetarium und bestaunten die Dinosaurier im Naturkundemuseum, gingen ins
       Freibad oder stöberten auf Flohmärkten.
       
       Anna stammt von jenen deutschen Auswanderern ab, die die in Preußen
       geborene russische Zarin Katharina II. ab 1763 in ihr Imperium eingeladen
       hatte. Für viele Menschen war dieses Angebot damals attraktiv: Sie konnten
       Armut und Hunger – die Folgen des Siebenjährigen Krieges – oder auch
       religiöse Verfolgung hinter sich lassen und ganz von vorn beginnen.
       Deutsche Kolonien entstanden etwa an der Wolga in der Nähe der Stadt
       Saratow und am Schwarzen Meer, in der heutigen Ukraine.
       
       Meine Großmutter kennt diese Zeit nur aus den Schilderungen ihrer
       Vorfahren. In den Erzählungen meiner Großmutter gleichen die deutschen
       Kolonien im Zarenreich einem verlorenen Paradies: mit reichen Ernten,
       Ordnung, Frömmigkeit und Wohlstand. Es sind träumerische, nostalgische
       Berichte.
       
       Die russisch-amerikanische Autorin und Slawistikprofessorin Svetlana Boym
       definierte Nostalgie (von „nostos“ für Heimkehr und „algia“ für Sehnsucht)
       als Sehnsucht nach einem Zuhause, das nicht mehr existiert oder nie
       existiert hat. „Nostalgie ist ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung,
       aber sie ist auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie“, schreibt sie in
       ihrem Buch „The Future of Nostalgia“ (2001).
       
       Über fast zwei Jahrhunderte hinweg hatten die Deutschen im Russischen Reich
       und später in der Sowjetunion ihre kulturelle Identität bewahren können –
       bis Stalins Terror sie weitgehend zerstörte. Meine Familie ist, wie viele
       sowjetische, gemischt: meine Großmütter sind russlanddeutsch, meine
       Großväter russisch und belarusisch. Während meine Großmütter zusammen mit
       mir und meinen Eltern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Mitte der
       Neunzigerjahre als russlanddeutsche Spätaussiedler auf der Suche nach einem
       besseren Leben nach Deutschland kamen, blieben meine beiden Großväter in
       Russland.
       
       Im Alter von neun Monaten ging es also für mich und den gesamten deutschen
       Teil meiner Familie aus der sibirischen Metropole Nowosibirsk nach
       Baden-Württemberg. Ich erinnere mich nicht, aber es gibt viele Foto- und
       Videoaufnahmen aus dem Übergangswohnheim in Weinsberg, in dem wir zunächst
       lebten. Im Kindergarten lerne ich rasch die hiesige Sprache, aus Yelizaveta
       wurde Elisabeth. Zumindest offiziell, auf dem Papier – damit ich nicht
       auffalle. Unauffälligkeit versprach Akzeptanz, bessere Chancen, es in
       Deutschland zu etwas zu bringen.
       
       Die älteren Generationen hatten es da schwieriger, ihr Akzent verriet sie.
       So war es auch bei meiner Großmutter Anna, die das Deutsche nie von ihren
       Eltern gelernt hat. Denn als Opfer der stalinistischen Repressionen wagten
       sie es nicht, mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache zu kommunizieren.
       Doch obwohl Anna kaum ein Wort Deutsch sprach, erfuhr sie aufgrund ihrer
       Herkunft in der Sowjetunion Diskriminierung. In der Schule wurde sie von
       den anderen Kindern als Faschistin beleidigt.
       
       Dass der Umzug nach Deutschland meine Großmutter in eine tiefe
       Identitätskrise gestürzt haben muss, begriff ich erst als Erwachsene. Jedes
       Mal, wenn ich sie besuche, werden bei ihr Erinnerungen wach und sie erzählt
       von den Russlanddeutschen, von ihrer Kindheit und von Qaraghandy.
       
       Annas Vater, mein Urgroßvater Dawyd, Jahrgang 1925, war fünf, als seine
       Familie von einem Bauernhof in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik
       der Wolgadeutschen, die in den frühen Jahren der UdSSR bestand, ins
       kasachische Qaraghandy deportiert wurde. Das geschah im Rahmen der
       „Dekulakisierung“ – der zwangsweisen Umwandlung von landwirtschaftlichem
       Privat- in Staatseigentum.
       
       Stalin wollte die Bauern mit Gewalt gefügig machen, um die von ihm
       angestrebte Kollektivierung durchzusetzen. Dawyds Mutter starb an der Kälte
       und am Hunger, Dawyds Vater wurde als Zwangsarbeiter zum Bau des
       Weißmeerkanals beordert. Er tauchte nie wieder auf. Mit fünf wurde mein
       Urgroßvater Dawyd zum Vollwaisen.
       
       Beinahe jedes längere Gespräch mit meiner Großmutter endet bei den
       Russlanddeutschen. Dann gibt sie die Berichte ihres Vaters darüber wieder,
       wie er und die anderen Deportieren in Kasachstan ankamen: „Sie wurden im
       Winter in den Schnee geworfen. Wie Tiere gruben sie Löcher in den Schnee
       und lebten so bis zum Frühjahr. Deshalb starben so viele im ersten Winter.
       Im Frühjahr taute der Boden auf und die Menschen gruben Löcher in die Erde,
       erst eines für mehrere Familien. Dann ein Loch für jede Familie. Noch
       später lernten sie von den Kasachen, wie man Ziegel aus Lehm und Gras
       herstellt.“ In einer solchen Lehmhütte ist auch meine Großmutter
       aufgewachsen.
       
       Die Dekulakisierung war nur die erste Phase des Terrors gegen die deutsche
       Minderheit in der Sowjetunion. Nach dem Überfall NS-Deutschlands am 22.
       Juni 1941 ließ Stalin alle Sowjetbürger deutscher Herkunft kollektiv
       bestrafen. Er deportierte sie im Herbst und Winter ins Nirgendwo, in die
       sibirische Taiga und in die kasachische Steppe, und machte sie in
       sogenannten Arbeitsarmeen zu Sklaven.
       
       Begründet wurde das mit vorgeblicher Kollaboration mit den Nazis. Natürlich
       gab es solche Fälle, aber Angehörige ganz unterschiedlicher
       Bevölkerungsgruppen begrüßten zunächst den Einmarsch von Hitlers Truppen –
       das Sowjetregime war aufgrund der gegen die eigene Bevölkerung gerichteten
       Misshandlungen nicht sonderlich beliebt gewesen.
       
       Mein Urgroßvater Dawyd wurde als Teenager in die Arbeitsarmee in Qaraghandy
       mobilisiert, wo er fortan in einer Kohlemine schuften musste.
       
       Annas Mutter, meine Urgroßmutter Emilia, wurde 1941 im Alter von 18 Jahren
       aus ihrem Heimatdorf Kowalewskoje in der südrussischen Region Krasnodar
       deportiert. Auch sie musste in Qaraghandy Kohle fördern. Emilias Mutter
       überlebte die Kälte nicht, ihr Vater war bereits im Zuge der
       Dekulakisierung zu Tode geprügelt worden. Bei der Zwangsarbeit lernten sich
       Emilia und Dawyd, die beiden Vollwaisen, kennen. 1948 heirateten sie.
       
       Russisch beherrschte Emilia ihr Leben lang nur schlecht. Meine Großmutter
       Anna schildert, als Kinder hätten sie und ihr Bruder sich darüber lustig
       gemacht, dass das Russisch ihrer Mutter von deutschen Wörtern durchsetzt
       war und sie die Betonungen falsch setzte. Emilia schämte sich und verkehrte
       nur mit anderen Russlanddeutschen. Sie arbeitete später als Pflegerin im
       Krankenhaus – eine Tätigkeit, bei der sprachlich nicht viel von ihr
       erwartet wurde.
       
       „Ohne Sprache gibt es keine anständige Arbeit“, sagt meine Großmutter und
       zieht eine Parallele zu sich. „Wo konnte ich ohne gutes Deutsch schon
       arbeiten?“
       
       Für meine Großmutter ging der Umzug nach Deutschland mit einem sozialen
       Abstieg einher. Nach ihrem Russischstudium in Nowosibirsk hatte sie
       zunächst Texte in einem geologischen Institut lektoriert. Doch ihr
       Abschluss wurde hier nicht anerkannt. Statt in einer Forschungseinrichtung
       arbeitete sie nun in einem Lager und schleppte Kisten. Annas Umfeld hielt
       sie wegen ihres Akzents für eine Russin. Dabei hatte sie sich, nicht
       zuletzt wegen der erfahrenen Ausgrenzung in der UdSSR, stets als Deutsche
       begriffen.
       
       Nachdem ihr Körper die schwere Arbeit im Lager nicht mehr zuließ, stand sie
       im Supermarkt hinter der Frischetheke. Als Kind fand ich das ganz wunderbar
       – bei meiner Großmutter gab es immer Schokobananen mit bunten
       Zuckerstreuseln.
       
       Svetlana Boym schreibt, nostalgische Liebe könne nur in einer Fernbeziehung
       überleben, der Sehnsuchtsort existiere lediglich als imaginierter.
       Nostalgie sei wie eine doppelte Exposition bei der Fotografie, die
       Überlagerung zweier Bilder: „von Zuhause und Ausland, Vergangenheit und
       Gegenwart, Traum und Alltag“. In dem Moment, in dem man versuche, sie in
       eine einzige Aufnahme zu zwängen, werde der Rahmen gesprengt oder die
       Oberfläche verbrannt.
       
       Auch in der Vorstellung meiner Großmutter hatte die lange erträumte
       Rückkehr nach Deutschland, ins Land ihrer Vorfahren, das Ende eines langen
       Leidenswegs bedeuten müssen. Doch hier angekommen, war niemand mit ihrer
       Geschichte vertraut. Ja, schlimmer: Niemand interessierte sich dafür. In
       der UdSSR war sie eine Deutsche gewesen, in Deutschland aber sah man sie
       als Russin.
       
       Olga, meine Großmutter väterlicherseits, Jahrgang 1953, ist eine
       bescheidene und fürsorgliche Frau. Wenn ich sie früher in den Schulferien
       in ihrer baden-württembergischen Kleinstadt besuchte, bereitete sie mir
       Pfannkuchen oder Krebli zu. Krebli sind in heißem Öl gebratene Teigringe,
       die man in Schmand taucht – eine russlanddeutsche Spezialität. Olgas
       Teiggerichte trieften immer vor Fett. Ich tupfte sie heimlich mit
       Küchenrolle ab, wenn sie gerade nicht hinsah. Dabei war das ein Zeichen der
       Liebe: Ich sollte eine satte Kindheit haben. Auch die Eltern meiner
       Großmutter Olga waren als deutsche Sowjetbürger Opfer der stalinistischen
       Repressionen geworden.
       
       Meine Urgroßmutter Erna, Olgas Mutter, wurde im Herbst 1941 im Alter von 12
       Jahren aus ihrer Heimatstadt Engels an der Wolga nach Sibirien deportiert.
       24 Stunden gab man ihr, um ihre Sachen zu packen. Alte und Kinder starben
       bereits beim Transport in den Viehwaggons, später starben sie an Hunger,
       Kälte und an der Zwangsarbeit, beim Bäumefällen in der Taiga. Doch Ernas
       Familie überlebte wie durch ein Wunder.
       
       Über die Geschichte ihres Vaters, meines Urgroßvaters Michael, weiß Olga
       weniger. Er stammt aus einem Dorf in der heutigen Region Nowgorod. Auch er
       ist deutscher Abstammung und wurde nach Sibirien deportiert, wo er Erna
       kennenlernte.
       
       Als Kind habe ich meine Urgroßeltern Erna, Michael und Emilia noch
       kennenlernen können. Auch sie kamen mit uns nach Deutschland und
       verbrachten hier ihre letzten Jahre. Emilia litt an Demenz. Und während
       Michael eher zurückhaltend war, erzählte Erna immer viel von früher, jedoch
       ziemlich wirr. In meiner Erinnerung ist sie eine tief religiöse und
       zutiefst traumatisierte Frau.
       
       Was mich überrascht – meine Großmutter Olga berichtet, ihre Kindheit in
       einer Lehmhütte im sibirischen Dorf Diwinka sei sehr glücklich gewesen.
       Dort lebten vorwiegend andere Deportierte: Deutsche, Kalmücken, Esten,
       Polen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es uns an etwas gemangelt hätte.
       Milch, Quark, Butter gab es immer“, sagt sie. „Ich bin in einer sehr
       liebevollen Familie aufgewachsen.“
       
       Als sie in die Schule ging, habe sie kein Wort Russisch gesprochen, erklärt
       sie mir auf Russisch. Unsere Familiensprache ist bis heute ein Russisch mit
       deutschem Einschlag geblieben. Und trotz der freudigen Momente, die die
       Erinnerung meiner Großmutter an ihre Kindheit dominieren, gab es da auch
       eine andere Seite. „Man hat uns mit Steinen beworfen, bespuckt, als
       Faschisten beschimpft, Goebbelse und Hitlers genannt. Wir waren das aber
       gewohnt und nahmen es an, als müsse es eben so sein. So einen Hass gab es
       auf uns, meine Liebe.“
       
       Noch mehr als dieser Hass scheinen sie die Lücken in der Vergangenheit zu
       schmerzen. Ihre Stimme zittert: „Wären sie noch am Leben, meine Eltern,
       meine Großmütter und Großväter, würde ich sie mehr ausfragen. Wenn sie
       früher mit ihren Erzählungen anfingen, dann habe ich immer gesagt: ‚Mama es
       reicht, das ist längst vorbei. Ihr habt alle überlebt, Gott sei Dank.‘
       Heute denke ich: Es reicht nicht. Daran muss man sich erinnern.“
       
       Viele Familien haben in der Sowjetunion Schlimmes erlebt. Minderheiten wie
       Kalmücken, Krimtataren oder Tschetschenen wurden wie die Russlanddeutschen
       kollektiv deportiert, Kasachen und Ukrainer ausgehungert. Das Verbrechen
       dieser Menschen bestand darin, der falschen „Nationalität“ anzugehören –
       und das in einem Staat, der für sich beanspruchte, der gerechteste der Welt
       zu sein. Die sowjetische Völkerfreundschaft war ein Mythos, der wenig mit
       der Realität gemein hatte. Obwohl er sich bis heute hartnäckig in den
       Köpfen hält.
       
       Als der Eiserne Vorhang fiel, bekamen die Russlanddeutschen die
       Möglichkeit, in die Bundesrepublik zu kommen und dort die deutsche
       Staatsbürgerschaft zu erhalten. Viele von ihnen wollten ein neues, besseres
       Leben im Westen beginnen – so auch meine Familie.
       
       Wobei die Gründe der Generationen variierten. Anders als meinen Großmüttern
       ging es meinen Eltern nicht primär um eine Rückkehr in eine Art Urheimat.
       Zwar war in ihren Pässen und Geburtsurkunden als Nationalität „Deutsch“
       vermerkt, aber sie hatten sich schon in die russische Mehrheitsgesellschaft
       assimiliert.
       
       „In unserem Fall waren die ausufernde Kriminalität ausschlaggebend, die
       Korruption, die dysfunktionalen Strukturen“, sagt meine Mutter. „Die eine
       Gesellschaft hatte aufgehört zu existieren und die neue erst begonnen.“ Es
       sei beängstigend gewesen, in diesem Übergangszustand zu leben, zudem mit
       einem kleinen Kind. Kennengelernt hatten sich meine Eltern als Studenten an
       der Universität von Nowosibirsk – kurz darauf kam ich zur Welt. Zu einer
       Zeit, als die Inflation hoch war, die Supermarktregale leer und Morde an
       der Tagesordnung standen. Als sich die Chance ergab, in den Westen zu
       ziehen, zögerten sie nicht lange. Sie waren in ihren frühen Zwanzigern und
       hatten nichts zu verlieren.
       
       Die Frage, ob er glaubt, dass er jemals wieder nach Russland reisen werde,
       verneint mein Vater. Nach kurzer Überlegung fügt er hinzu: „Ich lehne das
       nicht kategorisch ab. Wenn Russland sich vom Imperialismus lossagen sollte,
       dann ja. Jetzt zieht mich nichts dorthin. Ich verspüre keine Nostalgie.“
       
       Mein Vater schildert, in den ersten Jahren in Deutschland habe sein Herz
       noch für Russland geschlagen – er sei zu naiv gewesen, um die Verbrechen in
       Tschetschenien und Georgien als solche zu erkennen. Mit Beginn der
       Aggression gegen die Ukraine habe seine Antipathie gegenüber seiner Heimat
       jedoch zugenommen und habe sich mit der Großinvasion verstärkt: „In den
       ersten Tagen glaubte ich, dass das nicht lange dauern kann. Dass Putin sich
       seine eigene Grube gegraben hat, dass die russische Bevölkerung doch gegen
       diesen Krieg ist.“ Doch die Propaganda, gepaart mit Repressionen und der
       Passivität des Großteils der Bevölkerung, ließ sie den Krieg mittragen.
       Auch einige meiner entfernten Verwandten in Russland unterstützen Putin.
       Mit ihnen spreche ich nicht mehr.
       
       Hierzulande richtet sich ein Teil der russischen Propaganda an
       Russlanddeutsche, die als vermeintliche „Landsleute“ angesprochen werden.
       Genauer zielt sie auf deren Nostalgie ab. Auch die AfD hat die
       Russlanddeutschen, die früher meist für die Union stimmten, als
       Wählergruppe entdeckt und spricht sie gezielt an. Russlanddeutsche wählen
       häufiger die AfD als der bundesdeutsche Durchschnitt. Dabei darf man nicht
       vergessen, dass die große Mehrheit weiterhin für demokratische Parteien
       stimmt.
       
       Mein Vater bestätigt, dass er bei einigen seiner russlanddeutschen
       Bekannten Zuspruch zur AfD und zu Putin beobachte – „bei denen, die in
       ihrem eigenen Saft schmoren“.
       
       Er kommt auf einen früheren Freund zu sprechen, den ich in meiner Kindheit
       „Djadja Wowa“, Onkel Wowa, nannte. Ich erinnere mich, wie wir im Sommer auf
       der Datscha grillten – so nannten wir die baden-württembergische
       Kleingarten-Parzelle – und Onkel Wowa Gitarrenlieder zum Besten gab. Nach
       einer Midlife-Crisis, [3][die mit der russischen Annexion der Krim]
       zusammenfiel, begann er jedoch damit, furchtbar chauvinistische Lieder zu
       komponieren und die Überlegenheit der Russen zu besingen. Dass seine Stücke
       inzwischen bei einer großen Militärparade in Sankt Petersburg und bei
       Konzerten in besetzten ukrainischen Gebieten gespielt werden, erfüllt ihn
       mit großem Stolz. Meine Eltern haben den Kontakt zu Onkel Wowa abgebrochen.
       
       Die Gefahr der Nostalgie bestehe darin, dass sie dazu neige, die
       tatsächliche Heimat mit der imaginären zu verwechseln, schreibt Svetlana
       Boym. Eine solche restaurative Art der Nostalgie sei religiösen und
       nationalistischen Erweckungsbewegungen eigen, die sich bis zu
       Verschwörungserzählungen steigern können. In extremen Fällen erschaffe
       Nostalgie gar eine Phantomheimat, für die man bereit ist, zu sterben oder
       zu töten. Unreflektierte Nostalgie bringe Ungeheuer hervor.
       
       Im heutigen Russland dient eine restaurativ-nostalgische Variante von
       Geschichte als Propagandainstrument. Kritische Reflexion muss plumpen
       Heldenerzählungen weichen, damit der heutige Krieg gegen die Ukraine als
       Verlängerung des Sieges über NS-Deutschland konstruiert werden kann.
       Millionen von Menschenleben, die einst auf Weisung der sowjetischen Führung
       zerstört wurden, haben in dieser manipulativen Erzählung keinen Platz. Auch
       nicht die Geschichten meiner Urgroßeltern Dawyd, Erna, Emilia und Michael.
       
       Laut Svetlana Boym kann Nostalgie jedoch beides sein, Gift und Heilung. In
       ihrer reflektiven Form, als Nachsinnen über die Vergangenheit, als
       Verweilen „über den Ruinen, der Patina von Zeit und Geschichte, in den
       Träumen von einem anderen Ort und einer anderen Zeit“ ist sie uns allen
       bekannt. Diese Art der Nostalgie hält Ambivalenzen aus und befördert
       Empathie.
       
       In meinem Alltag denke ich nicht oft über meine Familiengeschichte nach.
       Aber wenn ich als Reporterin in der Ukraine unterwegs bin, dann komme ich
       nicht umhin, die frühere Gewalt der Kremls mit der heutigen in Verbindung
       zu bringen. Natürlich fühle ich nicht denselben Schmerz wie die Ukrainer,
       aber ich fühle mit. Weil ich nostalgisch bin.
       
       Ich muss an meine Aufenthalte in der Ukraine vor der Großinvasion denken:
       an die Zeit vor den Verbrechen von Mariupol, Butscha und Irpin, an die Zeit
       vor den täglichen Luftangriffen auf ukrainische Städte. Sie erscheint mir
       aus heutiger Sicht nahezu paradiesisch. Ich weiß noch: Wenige Monate vor
       der Katastrophe, als ich das Land bereiste, lag die Hoffnung auf eine
       bessere Zukunft in der Luft. Auf die Überwindung der sowjetischen, aber
       auch der postsowjetischen Vergangenheit mit ihren Altlasten – der
       Ungerechtigkeit, der Korruption, der Angst – und auf den Beginn eines neuen
       Kapitels. Es war das exakte Gegenteil dessen, was ich in Russland
       verspürte.
       
       Im vergangenen Herbst reiste ich in die Frontstadt Mykolajiw, um über ein
       Literaturfestival im Luftschutzkeller zu berichten. Der Aktivist Taras
       Kremin, der frühere „Ombudsmann für den Schutz der Amtssprache“ Ukrainisch,
       gab der Schriftstellerin Oksana Sabuschko und mir einen Rundgang durch
       seine geliebte Hafenstadt. Neben zerstörten Gebäuden und als Trophäen im
       Stadtzentrum platzierten russischen Panzern zeigte er uns auch das
       regionale Geschichtsmuseum, das schon einige Angriffe in unmittelbarer Nähe
       überstanden hatte.
       
       Ein Bereich der ethnografischen Sektion ist den Deutschen der Region
       Mykolajiw gewidmet. Auch hier, im Süden der Ukraine, lebten einst viele
       Russlanddeutsche. Kremin besteht darauf, dass ich mich zum Andenken
       fotografieren lasse, selbst wenn ich das etwas albern finde: vor einer
       Vitrine mit alten Fotografien aus den deutschen Kolonien, mit einer Tracht
       und einer Uhr.
       
       Emilia, Dawyd, Erna, Michael und die anderen russlanddeutschen Opfer der
       stalinistischen Repressionen sind tot. Doch ihre Geschichten leben weiter.
       Hinter dem Glas der Vitrinen und in Worten.
       
       4 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-AfD/!t5495296
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [3] /Krim-Annexion/!t5015673
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Longread
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Russlanddeutsche
 (DIR) Sowjetunion
 (DIR) Spätaussiedler
 (DIR) Nostalgie
 (DIR) Familiengeschichte
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Spätaussiedler
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Indie-Hörbuch über Russlanddeutsche: „Klar, ich kenne diese Scham auch“
       
       „Deutsch genug?“ Ein Gespräch mit der Autorin Ira Peter und dem
       Labelmanager Artur Schock – von Russlanddeutschen über Russlanddeutsche.
       
 (DIR) Postsowjetische Communitys: Ist es noch akzeptabel, Russisch zu sprechen?
       
       Der Kölner Verein Makosa will die tiefen Gräben in den postsowjetischen
       Communitys überwinden. Dabei setzt er auf spielerische Formate.
       
 (DIR) Die Post-Ost-Community im Spiel: Sei kein Durak
       
       Rund um ein Kartenspiel aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion trifft
       sich die Post-Ost-Community regelmäßig in Berlin. Ein Besuch mit
       Spielanleitung.