# taz.de -- Streit um Pogrome in Polen: Gedenken in der Kirche und in der Synagoge
       
       > In Polen wird zum 85. Jahrestag an die Pogrome gegen Juden in Jedwabne
       > erinnert. Rechte Kräfte versuchen teilweise, dieses Erinnern zu
       > vereinnahmen.
       
 (IMG) Bild: an einem Denkmal in Jedwabne erinnert ein Foto an Opfer der Pogrome
       
       Jedwabne. Ein kleiner Ort in Ostpolen, wie es dort viele gibt: Die barocke
       Jakobskirche schaut von Norden auf den ovalen Marktplatz, an den sich
       geduckte einstöckige Häuser anschmiegen, alle schon etwas in die Jahre
       gekommen. In der Mitte der Grünfläche ragt ein überdimensionales Holzkreuz
       in den Himmel. Es fungiert als Denkmal für die Menschen im Ort, die unter
       der sowjetischen Besatzung in den Jahren 1939 – 1941 nach Sibirien und
       Kasachstan deportiert worden sind.
       
       Die Ignacy-Krasicki-Straße, benannt nach dem Erzbischof von Gnesen, der
       persönlich mit Friedrich II. bekannt war, führt raus aus dem Marktflecken
       und endet am jüdischen Friedhof mit dem Blick auf die Weite der sanft
       geschwungenen Felder. Die Friedhofsmauer ist intakt, drinnen wild wuchernde
       Natur anstelle der Grabsteine. Auf der anderen Straßenseite rahmt eine
       niedrige Umfriedung eine etwa 40 Quadratmeter große Fläche ein, in der
       Mitte ein kleiner Gedenkstein.
       
       Bis zum [1][10. Juli 1941 stand hier die Scheune des Bauern Sleszinski. Er
       hat sie an diesem Tag für die Ermordung der jüdischen EinwohnerInnen von
       Jedwabne zur Verfügung gestellt]. Sie wurden, zwei Wochen, nachdem die
       Wehrmacht den Ort eingenommen hatte, von ihren katholischen Nachbarn
       massakriert oder in die Scheune getrieben und bei lebendigem Leibe
       verbrannt.
       
       Szmul Wasersztein konnte sich zusammen mit sechs anderen Menschen bei Frau
       Wyrzykowska verstecken. Er legte am 5. April 1945 Zeugnis ab vor der
       Jüdischen Historischen Kommission in Warschau. 1949 wurde ein Dutzend der
       Täter zu Haftstrafen verurteilt. Zeitzeugen sprachen von circa vierzig
       Hauptbeteiligten. Im Jahr 2001 erschien dazu das maßgebliche Buch
       „Nachbarn“ des amerikanisch-polnischen Historikers Jan Tomasz Gross.
       
       ## Die örtliche Bevölkerung wurde angefeuert
       
       In den ersten Monaten nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion
       gab es nicht nur in Jedwabne ein von der lokalen Bevölkerung initiiertes
       Pogrom. In dieser Gegend nördlich von Bialystok griff das Pogrom von einem
       auf den nächsten Ort über. Nicht selten kamen EinwohnerInnen der
       Nachbarorte, um die örtliche Bevölkerung anzufeuern und dann die Häuser der
       gerade Ermordeten mitzuplündern. Auch die literarische Reportage „Wir aus
       Jedwabne“ der polnisch-jüdischen Journalistin Anna Bikont, schon 2004
       erschienen, legt darüber Zeugnis ab.
       
       Jetzt, im Jahr 2026, einen Tag vor dem 85. Jahrestag des Pogroms regnet es
       am Nachmittag. Der Gedenkort ist unter einem weißen Zelt verschwunden, das
       exakt dieselben Maße hat wie die Scheune, in der am 10. Juli 1941
       mindestens 400 Menschen zu Tode gekommen sind. Vier Polizeiautos stehen da,
       hinter sich den jüdischen Friedhof, vor sich den überdachten Gedenkort und
       links die Wiese. Dort findet gerade ein katholischer Gottesdienst statt.
       
       Der Priester spricht von „unserer Kultur, unseren Bräuchen, die bewahrt
       werden müssen“. Dann wird die polnische Nationalhymne intoniert. „Die Erde
       lügt nicht“, behauptet ein Plakat mit einer KI-generierten Darstellung. Sie
       zeigt eine brennende Scheune und davor Wehrmachtssoldaten, die die Scheune
       mit angezogener Waffe umstellt haben.
       
       ## Forderung nach Exhumierung der Getöteten
       
       Der rechte Publizist Wojciech Sumlinski hat die zweitägige Veranstaltung
       organisiert. Am Eingang des Zuschauer-Zelts, das bis auf den letzten Platz
       gefüllt ist, werden seine Bücher verkauft. Er ist Autor und Verleger in
       Personalunion. „Rückkehr nach Jedwabne“ heißt eines davon. Kürzlich
       erschienen ist das Buch „Exhumierung“.
       
       Vor dem Stand, an dem Unterschriften gesammelt werden, die die Forderung
       nach einer Exhumierung der Überreste der im Juli 1941 getöteten Menschen
       unterstützen, hat sich eine kleine Schlange gebildet, als Sumlinski das
       Wort ergreift. Er behauptet, der Zeuge Szmul Wasersztein sei zur Tatzeit in
       Sibirien gewesen, wäre also von den Sowjets deportiert worden.
       
       Sein Hauptangriff aber richtet sich gegen die vor 25 Jahren abgebrochene
       Exhumierung, nachdem man die Überreste von mehr als 350 Pogrom-Opfern
       ausfindig gemacht hatte. Sumlinski konstruiert daraus, dass vertuscht
       werden soll, dass die Deutschen die eigentlichen Täter waren, was anhand
       von Einschusslöchern in den Schädeln leicht zu beweisen wäre. Sumlinskis
       Rede ist stark appellativ und bedient sich gängiger antisemitischer
       Stereotype. So sagt er: „Die Juden haben zuerst die Deutschen ausgequetscht
       wie eine Zitrone und jetzt sind wir Polen dran.“
       
       ## Es geht auch anders
       
       Ortswechsel. Wie Jedwabne war auch [2][Sejny ein Schtetl. Die kleine Stadt
       liegt etwa 100 km nördlich von Jedwabne an der litauischen Grenze]. Auch
       hier überblickt eine Barockkirche den Marktplatz. Und auch hier wird an die
       nach Sibirien Deportierten mit einem Kreuz erinnert. Einen Steinwurf vom
       Platz entfernt steht eine imposante Synagoge, erbaut in der Mitte des 19.
       Jahrhunderts, als die hiesige jüdische Gemeinde in ihrer Blüte stand.
       
       Etwa 4.000 EinwohnerInnen von Sejny waren damals jüdisch, 75 Prozent der
       lokalen Bevölkerung. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als die Wehrmacht
       das Städtchen besetzt und ins Dritte Reich eingliedert, leben noch 800
       Juden und Jüdinnen in Sejny. Sie werden im November 1939 in Arbeitslager
       deportiert und 1942 in Treblinka ermordet.
       
       Die Synagoge dient während des Krieges als Feuerwache und entgeht so der
       Zerstörung. Gegenüber der Synagoge steht das Haus, das bis 1939 den Cheder
       – die religiöse Schule für Knaben – und die kleine Synagoge beherbergte.
       Seit dreißig Jahren hat hier das Sejny-Synagogen-Orchester seine
       Probenräume. Es ist Teil des Vereins „Pogranicze“ (Grenzland), der das
       Synagogengebäude mit Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen
       bespielt.
       
       ## Die Namen der Vertriebenen an der Synagogenwand
       
       Letzten Samstag lud das Orchester zum Konzert. Dabei werden lange Zeit nur
       die 500 Namen, die die Innenwand wie ein breites Band bedecken,
       angeleuchtet. Es sind die Namen derer, die in dieser Synagoge ihre Gebete
       sprachen, bis sie von den deutschen Besatzern aus ihrem Heimatort getrieben
       wurden.
       
       Ein Akkordeon sendet einen zaghaften Ton in die Stille, dann folgen
       Klarinette, Bass und Xylofon. Mit dem Einsatz des Schlagzeugs wird der hohe
       Raum mit Licht geflutet. Junge Gesichter blicken von der Bühne. Im Publikum
       sitzen Familien, Jugendliche in Gruppen, die ältere Generation. Die ersten
       Oberkörper beginnen im Takt zu wippen.
       
       Dann ertönt ein altes jiddisches Lied von einem, der weg muss und nie mehr
       wiederkehrt. Die Scheinwerfer gehen aus, die Tonfolgen stehen im Raum, und
       es ist, als wäre der Geist derer, deren Heimat diese Synagoge war, für
       einen kurzen Moment körperlich spürbar.
       
       17 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Katja Kollmann
       
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