# taz.de -- Student über Kindeswohl an Schulen: „Das hat nichts mit Sensibilisierung von Lehrkräften zu tun“
       
       > Wer Lehramt studiert, muss auf Fälle von Kindeswohlgefährdung vorbereitet
       > sein. Das sind aber die wenigsten, kritisiert Student Noah Dejanović.
       
 (IMG) Bild: Warnzeichen für Kindeswohlgefährdung müssen besser erkannt werden
       
       taz: Herr Dejanović, Sie haben vor zwei Jahren eine Mail erhalten. Der
       Betreff lautete „Kein Scherz, kein Spam – Sie sind [1][Student des Jahres
       2025]“. Was hat sich seither in Ihrem Leben verändert?
       
       Noah Dejanović: Mein Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Es sind Dinge
       möglich geworden, die ich mir vorher nicht hätte erträumen können. Ich
       spreche regelmäßig vor Hunderten Menschen über meine Geschichte und
       Kinderschutz, setze mich auf Bundesebene für betroffene Kinder und
       Jugendliche ein und werde für Drehs und Interviews angefragt. Diese Arbeit
       gibt mir ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit.
       
       taz: Was ist Ihre Geschichte? 
       
       Dejanović: Ich habe in meiner Kindheit psychische, physische und
       sexualisierte Gewalt durch meine Mutter erlebt, bis ich von ihr abgehauen
       bin. Meine Eltern waren getrennt und mein Vater hat mich an einem
       Umgangswochenende nicht nach Hause gebracht, sondern wir sind zur Polizei
       gegangen und ich habe ausgesagt. Ich musste noch einmal beim
       Familiengericht aussagen und konnte dann bei meinem Vater bleiben. Da war
       ich elf Jahre alt.
       
       taz: Was hätten Sie sich damals von Ihrem Umfeld gewünscht? 
       
       Dejanović: Ich hätte mir gewünscht, dass Lehrkräfte mich angesprochen
       hätten und mir Fragen gestellt hätten wie: Hey Noah, ist irgendetwas los?
       Du wirkst abwesend auf mich und ich mache mir Sorgen. Möchtest du darüber
       reden? Vor allem hätte ich gerne präventiv gelernt, was okay ist und was
       nicht. Ich hätte gern sehr früh gelernt, dass das mein Körper ist und ich
       eigene Grenzen und Rechte habe. Dass es Dinge gibt, die mir niemand antun
       darf, niemand sagen darf, wo mich niemand anfassen darf, auch nicht meine
       eigene Mutter.
       
       taz: Was können Warnzeichen für Kindeswohlgefährdung sein? 
       
       Dejanović: Betroffene Kinder und Jugendliche können unterschiedlich
       reagieren. Es gibt kein Musterrezept. Die einen können plötzlich selbst
       sehr aggressives Verhalten an den Tag legen. Andere können sich sehr
       ängstlich zeigen und sich zurückziehen. Worüber man stutzig werden kann,
       sind plötzliche Verhaltensveränderungen. Ein plötzlicher Leistungsabfall,
       starke Gewichtszu- oder -abnahme. Oder auch selbstverletzendes Verhalten
       kann ein Anzeichen sein, beispielsweise, wenn Menschen lange Kleidung
       tragen, auch wenn es nicht zur Jahreszeit passt, um Narben zu verdecken.
       
       taz: Sie setzen sich dafür ein, dass Lehrkräfte im Studium systematisch für
       das Thema Kindesmissbrauch sensibilisiert werden. Wie ist da der Stand? 
       
       Dejanović: Nach einem Gespräch im Rahmen meiner Preisverleihung als Student
       des Jahres wurde Kinderschutz in Mecklenburg-Vorpommern verpflichtend in
       das Lehramtsstudium aufgenommen. Das ist das erste und einzige Bundesland,
       in dem das bisher der Fall ist. In Sachsen waren wir fast so weit.
       
       taz: Woran ist es gescheitert? 
       
       Dejanović: Die Universität Leipzig sagt: Uns fehlen die Vorgaben vom Land,
       die in Lehrkräftebildungsgesetzen und Prüfungsordnungen festgehalten sind.
       Das Land Sachsen wiederum hat es nicht für nötig befunden, Kinderschutz im
       Studium zu verankern. Wir haben Gespräche mit dem Wissenschaftsministerium
       und dem Kultusministerium geführt. Hier wurde uns gesagt: Das
       Lehramtsstudium sei eine wissenschaftlich grundständige Ausbildung. Man
       solle das Thema Kinderschutz im Referendariat behandeln. Aber dort passiert
       das nur auf einer rechtlichen Ebene.
       
       taz: Das heißt? 
       
       Dejanović: Im Lehrplan für das Referendariat gibt es eine
       Unterrichtseinheit, die das Thema Kinderschutz anreißt. Aber hier geht es
       nur um Gesetzestexte wie das Sächsische Schulgesetz. Dort steht zwar, dass
       Lehrer:innen verpflichtet sind, bei Anhaltspunkten für eine
       Kindeswohlgefährdung erforderliche Maßnahmen einzuleiten. Im Referendariat
       aber lernen angehende Lehrkräfte dann nichts zu Warnzeichen, Reaktionen von
       Betroffenen auf Gewalt und was von Gewalt betroffene Schüler:innen
       brauchen könnten. Sie lernen auch nicht, die eigene Haltung oder das eigene
       Verhalten gegenüber Betroffenen zu reflektieren. Das hat nichts mit
       Sensibilisierung von Lehrkräften zu tun.
       
       taz: Warum ist so eine Sensibilisierung wichtig? 
       
       Dejanović: Die Ministerien glauben, dass man solche Fälle als Lehrkraft bei
       betroffenen Kindern schon merke, da diese auffällig werden würden. Dann
       könne man Hilfe organisieren. Aber das ist nicht immer der Fall. Das
       beweist meine Geschichte: Ich war ein super angepasstes und engagiertes
       Kind.
       
       taz: Zusammen mit Katja Sturm vom [2][Kinderschutzbund Sachsen] halten Sie
       heute Vorträge an Unis und thematisieren die Leerstelle im Studium. Wie
       reagieren Studierende darauf?
       
       Dejanović: In zwei Jahren waren wir an zehn Universitäten in Deutschland
       und Österreich und haben über 6.000 Studierende sensibilisiert. Überall
       sind wir auf das gleiche Problem gestoßen: Die meisten Studierenden haben
       vorher noch nie von dem Thema gehört. Unsere Vorträge waren eine große
       Ausnahme.
       
       taz: Aktuell gibt es in Deutschland rund 260.000 Lehramtsstudierende. Ihr
       Engagement wirkt da wie ein Tropfen auf den heißen Stein … 
       
       Dejanović: Genau das ist das Problem. Schutz von Schüler:innen wird
       strukturell nicht mitgedacht. Es gibt einzelne Professor:innen und
       Dozent:innen, die sehr engagiert sind. Der einzige Weg, der viele Kinder
       schützen würde, wäre die verpflichtende und strukturelle Verankerung im
       Lehramtsstudium. Denn in jeder Klasse befinden sich statistisch gesehen ein
       bis zwei Kinder, die sexualisierte Gewalt erleben und noch mehr Kinder, die
       von physischer Gewalt, Vernachlässigung oder psychischer Gewalt betroffen
       sind.
       
       taz: Der Lehrberuf geht mit einer hohen Burnout-Rate einher. Ist es nicht
       nachvollziehbar, wenn Lehrkräfte es nicht schaffen, alles aufzufangen?
       
       Dejanović: An einzelne Personen würde ich nie Vorwürfe richten. Auch nicht
       an meine ehemaligen Lehrkräfte. Ich habe viel Verständnis dafür, dass einem
       als Lehrkraft, die täglich vielen Kindern gegenüber steht, nicht jede
       Verhaltensänderung eines Kindes auffallen kann. Grundsätzlich wichtig ist
       die Offenheit dafür, sich neues Wissen anzueignen. Es ist auch wichtig,
       dass Lehrkräfte sich nicht als Einzelkämpfer sehen und sich bei
       Unsicherheiten Hilfe einholen. Das heißt, mit Kolleg:innen ins Gespräch
       zu gehen und bei Fachberatungsstellen oder Hilfetelefonen anzurufen.
       
       taz: Welche Rolle könnten multiprofessionelle Teams spielen?
       
       Dejanović: In der Idealvorstellung sollte eine Lehrperson nicht mit 28
       Kindern alleine sein. Ideal wäre eine Form des Teamteaching oder eine
       Aufteilung zwischen Fachlehrkraft und Sozialpädagog:in oder
       Schulsozialarbeiter:in.
       
       taz: Reicht es nicht, eine:n Schulsozialarbeiter:in an der Schule
       zu haben? 
       
       Dejanović: Betroffene Kinder und Jugendliche schauen sich im seltensten
       Fall ein Organigramm an und informieren sich, ob es an ihrer Schule eine:n
       Sozialarbeiter:in gibt. Sie wenden sich an Menschen, denen sie
       vertrauen. Deswegen müssen wir die Menschen sensibilisieren, die täglich
       mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten: die Lehrkräfte.
       
       taz: Als Mitglied eines Betroffenenrates arbeiten Sie der
       Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, zu. Wie sieht
       Ihre Arbeit aus? 
       
       Dejanović: Wir sind in dem [3][Bundesbetroffenenrat] 18 Menschen, die in
       unterschiedlichsten Formen und Tatkontexten sexualisierte Gewalt in
       Kindheit und Jugend erlebt haben. Wir schreiben Positionspapiere, beraten
       die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, machen
       Öffentlichkeitsarbeit, nerven Regierungen. Wir weisen auch darauf hin, dass
       der Fonds Sexueller Missbrauch ab dem Jahr 2028 eingestellt werden soll,
       über den Betroffene bereits jetzt keine Leistungen mehr beantragen können.
       Als betroffene Person konnte man über den Fonds niedrigschwellig Hilfe
       beantragen, um sich beispielsweise einen Namenswechsel oder einen Umzug
       finanzieren zu können. Das Problem ist, dass es einen Betroffenenrat zwar
       auf Bundesebene, aber auf Landesebene nur in Rheinland-Pfalz, Hessen und
       Thüringen gibt. In Leipzig setze ich mich dafür ein, dass es Deutschlands
       ersten kommunalen Betroffenenrat gibt, damit Betroffene strukturell an
       jeder Ebene in der Politik beteiligt werden.
       
       taz: Was steht für Sie als Nächstes an? 
       
       Dejanović: Aktuell ist im Gespräch, ob ein Kinderschutzmodul an der
       Universität Leipzig entstehen kann. Das sind Momente, in denen ich mir
       denke: Das zahlt sich aus, Menschen jahrelang für Kinderschutz auf den Sack
       zu gehen.
       
       11 Aug 2026
       
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