# taz.de -- Von Kindern lernen: Hört den Jungen zu!
> Wer heute mit Kindern und Jugendlichen spricht, dürfte erstaunt und
> erschrocken sein. Denn sie fühlen sich von Erwachsenen nicht
> wahrgenommen.
(IMG) Bild: Jugenliche wollen gesehen und respektiert werden
Vor ein paar Wochen war ich zu Besuch an einer Schule, einem Gymnasium. Ich
gehe gerne und oft in Schulen. Es gibt wenige Gespräche, die mich klüger
machen, von denen ich mehr lerne, als wenn ich Kindern und Jugendlichen
zuhöre. Vor mir saßen an diesem sommerlichen Vormittag viele junge
Menschen, die meisten zwischen 13, 15 und 16 Jahre alt. Eigentlich hatten
die Schüler:innen meinen Besuch mit Fragen an mich vorbereitet, und
einige davon stellten sie mir auch. Aber ich wollte keine Fragen
beantworten, ich wollte sie stellen. Also begann ich mit der Frage: Was
macht euch wütend?
Kaum jemand hob die Hand. Dann, zögerlich, erste Antworten. Der gebrochene
Arm, die verspätete Bahn. Ich merkte, dass es den jungen Menschen
schwerfiel, zu sprechen. Ich verstand zunächst noch nicht, warum. Egal,
welche Frage ich stellte, nur wenige antworteten. Nur ein Schüler meldete
sich bei jeder einzelnen Frage, und ich war berührt und beeindruckt von
seinem Selbstbewusstsein und seinem Wissen. Seine Neugier war in diesen
eineinhalb Stunden, die ich dort verbrachte, für mich eine Motivation,
dranzubleiben.
Okay, sie sprechen nicht. Also mache ich etwas anderes. In der Pause bat
ich eine der anwesenden Erwachsenen, für jede Schülerin und jeden Schüler
einen Zettel und einen Stift zu besorgen. Zu Beginn der zweiten Hälfte der
Veranstaltung bat ich die Schüler:innen, auf diesen Zetteln zwei Fragen zu
beantworten: Erstens: Was macht euch Angst? Zweitens: Was wünscht ihr euch
von Erwachsenen? Ich bat sie, dabei nicht miteinander zu sprechen. Ich ließ
sie in Ruhe schreiben, dann sammelte ich die Zettel ein. Ich setzte mich
auf die Couch und las jeden einzelnen Zettel laut vor. Und die Antworten
beschäftigen mich bis heute.
Bei der Frage, wovor die jungen Menschen Angst haben, schrieben viele
„Krieg“. Außerdem: Vor dem Tod von Mama und Papa, von meinem besten Freund.
Vor Spinnen. Eine Schülerin – ich nehme an, es war ein Mädchen – schrieb,
dass sie Angst hat, eines Tages sexuelle Gewalt zu erfahren oder sogar
vergewaltigt zu werden. Laut [1][Statistik ist das wahrscheinlich], schrieb
sie. Schon an diesem Punkt fiel es mir schwer, weiterzulesen. Dann kamen
die Antworten auf die zweite Frage.
Fast ausnahmslos antworteten die Jugendlichen auf die Frage, was sie sich
von Erwachsenen wünschen: Dass sie zuhören. Dass sie die Jungen wahrnehmen.
Respekt. [2][Dass sie Kindern und Jugendlichen denselben Respekt zollen],
den sie den Erwachsenen zeigen sollen. Dass sie zuhören, dass sie die
Jüngeren wahrnehmen, dass sie zuhören, dass sie wahrnehmen … In meiner
Erinnerung stand das auf jedem einzelnen Zettel, nur vereinzelt war die
Antwort eine andere. Mir brach die Stimme. Und weil das zu hören war, sagte
ich in den Raum hinein: „Das macht mich gerade wirklich traurig.“
## Kinder spüren Verwerfungen der Gesellschaft
Es macht mich bis heute traurig. Vor mir saßen Reihen und Reihen junger
Menschen, denen diese Welt nicht zuhört. Die sich, zu Recht, nicht gehört
fühlen. Wenn ich sehe, wie ein Kind bei Mama und Papa um Aufmerksamkeit
bettelt, die mit dem Handy beschäftigt oder im Gespräch sind, und das Kind
vertrösten oder sogar ignorieren, bricht mir das Herz, wissend um all die
Herausforderungen des Alltags, unter denen aber am Ende Kinder am
allermeisten leiden. Sie spüren als Erste, wenn in dieser Gesellschaft
etwas nicht stimmt.
Wir leben in einem politischen System, in dem die Wünsche von Kindern nicht
ansatzweise eine Rolle spielen. [3][Angst vor der Wehrpflicht? Sei froh,
dass du für dieses schöne Land kämpfen darfst!] Deine Eltern haben kein
Geld? Dir geht’s hier noch gut! Dir hört niemand zu? Setz dich vors iPad!
Es gibt, soweit ich weiß, in keiner anderen als der deutschen Sprache
[4][das Wort „Kinderlärm“]. Kinder machen keinen Lärm. Kinder sind Kinder.
Sie haben nicht zu gehorchen, sondern zu rebellieren, um ihre eigenen
Grenzen kennenzulernen. Sie dürfen laut sein und frech und unausstehlich.
Das ist die Jobbeschreibung eines Kindes. Nicht aber in dieser
Gesellschaft.
Möglicherweise hat das mit der Geschichte dieses Landes zu tun.
Berühmt-berüchtigt ist das NS-Erziehungsbuch „Die deutsche Mutter und ihr
erstes Kind“ von Johanna Haarer, das Eltern anleitet, Kinder für ihre
Gefühle zu bestrafen, sie zum Beispiel allein zu lassen, bis sie
einschlafen, egal, wie sehr sie schreien und weinen und um Zuwendung
bitten. Das bedeutet nichts anderes, als einem Kind, das gerade erst auf
die Welt gekommen ist, beizubringen: Die Welt ist schlecht, ich bin allein,
niemand hört mich, niemand liebt mich. Für die NS-Zeit ist das nicht
verwunderlich. Das wahrlich Schreckliche daran ist, dass diese Methoden bis
heute vielerorts als legitim gelten. Das Buch „Jedes Kind kann schlafen
lernen“ wird in Deutschland bis heute verkauft. Die Methode lehnt stark an
die grausamen „Erziehungstipps“ von Johanna Haarer an.
## Kinder sind das Kostbarste einer Gesellschaft
Kinder sind das Kostbarste, das wir in unserer Gesellschaft haben. Sie sind
vollkommen von den Erwachsenen abhängig. Sie nehmen das auf, was wir ihnen
beibringen. Sie lernen das, was wir ihnen zeigen. Und viel zu oft verstehen
sie: Was ich fühle, ist nicht wichtig. Was ich fühle, ist falsch. Was ich
fühle, nervt. Vielleicht hat der eine Schüler, der sich zu sprechen getraut
hat, Erwachsene in seinem Leben, die ihm zuhören. Auch wenn ihnen nicht
gefällt, was er sagt. Auch wenn es anstrengend ist. Auch wenn es schwierig
ist. Ich weiß es nicht, ich denke nur laut.
Natürlich sitzen diese jungen Menschen vor mir und sprechen nicht. Sie
wachsen in einer Welt auf, in der sie brav sein sollen und das tun sollen,
was Erwachsene ihnen sagen, ihnen wird nicht zugehört, und mit einem Mal
sollen sie sprechen? Hell, no. Wer Respekt haben möchte, muss zuallererst
Respekt geben. Ein Kind anzuschreien, es soll gefälligst Respekt zeigen,
ist mit das Absurdeste, was es gibt. Wer möchte, dass junge Menschen
zuhören, muss zuerst ihnen zuhören. Sonst gehen diese jungen Menschen in
die Welt und hören einander nicht zu. Und ihren Kindern werden sie auch
nicht zuhören. Und so geht es weiter, Generation um Generation.
26 Aug 2026
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