# taz.de -- Joachim Rock zu Kürzungsplänen: „Das wäre verheerend für einkommensarme Familien“
> Schwarz-Rot will armen Kindern 25 Euro pro Monat streichen. Der
> Paritätische Wohlfahrtsverband hält das für fatal und befürchtet noch
> Schlimmeres.
(IMG) Bild: 25 Euro haben oder nicht haben, für viele Familien macht das einen Unterschied
taz: Herr Rock, die Bundesregierung will den Sofortzuschlag in Höhe von 25
Euro pro Kind und Monat, den Familien in verschiedenen Sozialleistungen
erhalten, streichen. Welchen Unterschied macht dieser Betrag für die
Betroffenen?
Joachim Rock: In einer armen Familie macht er einen Riesenunterschied. Dort
ist am Ende des Geldes immer noch sehr viel Monat übrig. Diese Kürzung wird
das Vertrauen der Berechtigten darauf, dass sich mit den Sozialreformen
ihre prekäre Lage nicht noch weiter verschlechtert, drastisch einschränken.
taz: Spüren Sie das in Rückmeldungen schon jetzt oder ist die Nachricht von
der Kürzung zu vielen Betroffenen noch gar nicht durchgedrungen?
Rock: Ich fürchte, das ist bislang untergegangen. Die Regierung hat die
Kürzung ja auch sehr diskret in ihrem Haushaltsbegleitgesetz versteckt.
taz: Die Regierung argumentiert im Gesetzentwurf damit, dass die Ampel den
Sofortzuschlag vor vier Jahren als Übergangslösung bis zum Start der
Kindergrundsicherung eingeführt hat. Da [1][die Kindergrundsicherung
abgeblasen ist], brauche es jetzt auch diese Übergangslösung nicht mehr.
Das folgt zumindest einer gewissen Logik.
Rock: Das hat überhaupt keine Logik. Das Ausmaß an Kinderarmut in
Deutschland ist seit Jahren viel zu hoch. Das ist ein Armutszeugnis für ein
reiches und wohlhabendes Land. Es darf nicht sein, dass die Kinder das
politische Versagen bei der Schaffung der Kindergrundsicherung ausbaden.
taz: Dem Gesetzentwurf zufolge soll der Sofortzuschlag zunächst im
Kinderzuschlag wegfallen – einer Leistung für Menschen, die zu viel
Einkommen für die Grundsicherung haben, aber zu wenig für den
Lebensunterhalt ihrer Kinder. Im nächsten Schritt will Schwarz-Rot den
Zuschlag aber auch in anderen Leistungen wie der neuen Grundsicherung
„überprüfen und anpassen“. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie?
Rock: Ich befürchte, dass der Sofortzuschlag auch hier komplett entfällt.
In der Summe kommt man dann auf über eine Milliarde Euro, die allein bei
den Ärmsten gespart werden soll.
taz: Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Rock: Das lässt sich leicht hochrechnen aus der Anzahl der Kinder in den
Leistungen, für die der Sofortzuschlag bislang gilt: Kinderzuschlag,
Wohngeld, Grundsicherung, Sozialhilfe und Asylbewerberleistungen.
taz: Der Finanzminister hat Geldsorgen. Woher sollte er die Milliarde denn
alternativ nehmen?
Rock: Wir reden hier über einen extrem notwendigen Zuschlag für die
verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft. Er soll wegfallen, aber
Einkommen besonders vermögender Menschen werden nicht stärker herangezogen.
Damit betreibt diese Regierung Reichenschutz.
taz: Der Sofortzuschlag ist nur eine Stellschraube. Die Regierung
[2][berechnet derzeit die Regelsätze] für die Grundsicherung (ehemals
Bürgergeld) und andere Leistungen grundlegend neu. Das passiert turnusmäßig
alle fünf Jahre. Womit rechnen Sie hierbei?
Rock: Im Haushaltsbegleitgesetz findet sich auch dazu ein Hinweis: Die
Regierung formuliert ausdrücklich, dass sie im Rahmen der Neuberechnung die
Frage des Bestandsschutzes aufgreifen will. Der Bestandsschutz besagt, dass
die Regelsätze hinterher nicht niedriger sein dürfen als vorher. Es steht
also zu befürchten, dass die Bundesregierung eine Senkung plant. Das wäre
verheerend für einkommensarme Familien und würde die Unsicherheit von
Bevölkerungsgruppen bis weit in die Mittelschichten hinein erheblich
vergrößern.
taz: Die Berechnung der Regelsätze basiert auf Daten des Statistischen
Bundesamtes. Ihre Höhe orientiert sich daran, wofür Haushalt mit niedrigem
Einkommen im Schnitt wie viel Geld ausgeben. Ist das kein objektives
Verfahren?
Rock: Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass Bundesregierungen
immer Mittel und Wege finden, sich den Regelsatz passgenau zurechtzulegen.
Schon in den bestehenden Regelbedarfen haben wir eine Menge an methodisch
nicht zu rechtfertigenden Kürzungen. Und die Regierung hat bereits
angekündigt, die erst vor wenigen Jahren beschlossenen Änderungen am
Fortschreibungsmechanismus zurückzudrehen.
taz: Die Fortschreibung sorgt dafür, dass die Regelsätze nicht nur einmal
berechnet werden und dann für fünf Jahre gleich bleiben, sondern dass sich
zwischendurch die Inflation niederschlägt. Nach der Coronapandemie
[3][hatte die Ampel den Mechanismus reformiert,] damit Preissteigerungen
schneller zu höheren Leistungen führen. Im Ergebnis stieg das Bürgergeld
2024 aber stärker als die Inflation. Darunter litt doch tatsächlich die
Akzeptanz in der Bevölkerung?
Rock: Nein. Zu Akzeptanzproblem hat geführt, dass die ganze Debatte gerade
in Wahlkampfzeiten häufig mit falschen und grob verzerrenden Angaben
geführt wurde. Fakt ist, dass das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber
aufgegeben hatte, zeitnah auf Preissteigerungen zu reagieren. Fakt ist
auch, dass die Anpassungen, die dann stattgefunden haben, die Versäumnisse
aus der Vergangenheit nicht einmal kompensiert haben. Und Fakt ist darüber
hinaus, dass wir jetzt im dritten Jahr hintereinander keine
Regelsatzerhöhung hatten, trotz Preissteigerungen. Und das wirkt sich fatal
aus.
taz: Markus Söder sagt, die Sätze müssten runter auf das „absolute
verfassungsrechtliche Minimum“. Sie entgegnen, dass rechtlich gar nicht
weniger geht?
Rock: Das Existenzminimum kann man nicht weiter kürzen. Unter diese Sätze
kann man nicht gehen, schon gar nicht nach drei Nullrunden. Das sieht man
übrigens auch daran, dass die Jobcenter in der Grundsicherung Jahr für Jahr
etwa 270.000 Darlehen mit einer Gesamtsumme von über 200 Millionen Euro
vergeben. In all den Fällen reicht das Geld schon jetzt nicht und die
Jobcenter sehen selbst Nachholbedarf, den sie mit den Darlehen befrieden.
taz: Aktuell liegt der Regelsatz der Grundsicherung bei 563 Euro. Wo läge
er, wenn Sie ihn berechnen dürften?
Rock: Aus unserer Sicht wäre ein angemessener Regelsatz bei über 800 Euro.
Das würde zusammen mit der Übernahme der Wohnkosten auch reichen, um die
Leistung über die Armutsgrenze zu heben. Und das ist das Ziel, aus dem man
aus unserer Sicht festhalten kann und muss: Armut tatsächlich abzuschaffen.
taz: Wie könnte man das politisch durchsetzbar machen?
Rock: Indem man sehr viel stärker vermittelt, dass jeder und jede von einem
Schicksal betroffen sein kann, das den Bezug von Grundsicherungsleistungen
notwendig macht.
taz: Sehen Sie innerhalb der Koalition im Moment noch Partner für solche
Kämpfe?
Rock: Ich sehe Abgeordnete, die sich klar darüber sind, in welcher prekären
Lage sich viele Familien befinden. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass wir
mit unseren Forderungen im Gespräch bleiben.
taz: Sie setzen also eher auf den Bundestag als auf die Bundesregierung?
Rock: Wir setzen darauf, dass der Bundestag im Zweifel Nachbesserungen an
den Plänen vornimmt. Die Bundesregierung dreht gerade an extrem vielen
Stellschrauben auf einmal, ohne sie aufeinander abzustimmen. Das wird zu
einer Kulmination von Belastungswirkungen führen, die man sich bisher
offenbar gar nicht vor Augen geführt hat. Nachbesserungen werden
unumgänglich sein.
taz: Ansonsten?
Rock: Ich mache mir große Sorgen darüber, was passiert, wenn den Menschen
bewusst wird, welche Folgen all diese Sozialreformen weit über die
Grundsicherung hinaus auch für Haushalte mit geringen und mittleren
Einkommen haben. Fast jeder wird das in den nächsten Monaten entweder
selbst spüren – oder sehen, dass sich die Lebenssituation von befreundeten
Familien, Bekannten und Kollegen massiv verschlechtert. Ich denke da auch
an die Streichungen beim Wohngeld, die zu massiven Protesten führen wird.
Und das vor dem Hintergrund der Landtagswahlen, die wir im September haben.
Das ist politisch kurzsichtig und es ist sozialpolitisch falsch.
19 Jul 2026
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