# taz.de -- Weniger Steuereinnahmen als erwartet: Die Mär vom Ausgabenproblem
> Der Staat wird dieses Jahr weniger Steuern einnehmen als erwartet. Viel
> wichtiger als die absolute Zahl ist aber die Frage: Wer trägt die
> Steuerlast?
(IMG) Bild: Die Mehrheit der Deutschen spricht sich für eine Reichensteuer aus
Deutschland wird in diesem Jahr nun doch keine Billion Euro an Steuern
einnehmen. Die jüngste Steuerschätzung korrigiert die erwarteten Einnahmen
nach unten: Statt der zuvor prognostizierten Billion [1][rechnet der Staat
jetzt mit 998,7 Milliarden Euro]. Für Bund, Länder und Kommunen bedeutet
das Mindereinnahmen von rund 17,8 Milliarden Euro.
Doch obwohl die Einnahmenprognose sinkt, werden einige Stimmen daraus
wieder die politische Botschaft ableiten, Deutschland habe kein
Einnahmeproblem, sondern vor allem ein Ausgabenproblem. Der Staat müsse
sich endlich „zusammenreißen“, Sozialausgaben begrenzen und Investitionen
zurückfahren, statt ständig über neue Einnahmen oder gerechtere Besteuerung
zu sprechen. Diese Erzählung greift zu kurz und verkennt die eigentlichen
Probleme.
Zunächst zeigt die neue Steuerschätzung vor allem, wie stark globale
Entwicklungen die öffentlichen Einnahmen beeinflussen. Bundesfinanzminister
Lars Klingbeil (SPD) erklärte, die Steuerschätzung zeige, wie sehr uns
[2][der Irankrieg wirtschaftlich schade]. Die positive wirtschaftliche
Dynamik werde durch Trumps verantwortungslosen Krieg und den daraus
resultierenden weltweiten Energiepreis-Schock vorerst ausgebremst.
Die schwächeren Einnahmeerwartungen sind Ausdruck einer vertieften
Krisensituation. Die neue Steuerschätzung dürfte die Kürzungsdebatten
weiter verschärfen und die Spannungen innerhalb der Koalition erhöhen. Denn
sinkende Einnahmeerwartungen erhöhen den Druck auf den Bundeshaushalt
erheblich: Während Investitionsbedarfe bei Infrastruktur, Wohnen oder
Klimaschutz bestehen bleiben, werden Forderungen nach Einsparungen und
Sozialkürzungen nun noch aggressiver vorgetragen.
## Jedes Jahr ist Rekordsteuerjahr
Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Punkt bestehen: Auch knapp 999 Milliarden
Euro sind historisch betrachtet weiterhin extrem hohe Einnahmen. Nach
Jahren hoher Inflation und steigender Löhne ist das wenig überraschend.
Seit 2011 war beinahe jedes Jahr ein Rekordsteuerjahr, abgesehen vom
Corona-Krisenjahr 2020. Das ist der normale Effekt einer wachsenden
nominalen Wirtschaftsleistung.
Entscheidend ist deshalb nicht die absolute Zahl, sondern die Steuerquote,
also das Verhältnis der Steuereinnahmen zur Wirtschaftsleistung. Und diese
Quote bewegt sich in Deutschland seit Jahren relativ stabil zwischen etwa
21 und 22 Prozent. Von einem ausufernden Staat kann also keine Rede sein.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Wer trägt die Steuerlast?
Denn Deutschland hat sehr wohl ein Einnahmeproblem – allerdings nicht, weil
insgesamt zu wenig Geld erwirtschaftet würde, sondern weil die Politik sich
seit Jahrzehnten weigert, große Vermögen und hohe Kapitaleinkommen
angemessen zu besteuern. Gleichzeitig werden Arbeitseinkommen besonders
stark belastet. Für viele Beschäftigte fließen erhebliche Teile des Lohns
in die Einkommensteuer und Sozialabgaben. [3][Große Vermögen hingegen
bleiben weitgehend verschont] und leisten einen vergleichsweise kleinen
Beitrag – gemessen an dem, was für sie leistbar wäre.
Eine Vermögensteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben, obwohl sie rechtlich
möglich wäre und zur Durchsetzung grundlegender Verfassungsprinzipien, wie
der sozialen Verpflichtung von Eigentum, nötig wäre. Die Erbschaftsteuer
enthält zahlreiche Ausnahmen für große Betriebsvermögen, und Kapitalerträge
werden häufig niedriger besteuert als Arbeitseinkommen. Kryptogewinne
können nach Ablauf der einjährigen Spekulationsfrist sogar steuerfrei
realisiert werden. Zumindest hier soll sich nun etwas ändern.
Hinzu kommt, dass etwa die Körperschaftssteuer bis 2032 wesentlich gesenkt
werden soll – auf zehn Prozent. Obwohl die ökonomische Studienlage recht
klar zeigt, dass solche Steuersenkungen für Unternehmen nachweislich nicht
zu mehr Investitionen oder Innovation führen.
Das Ergebnis ist eine strukturelle Schieflage: Menschen, die von ihrer
Arbeit leben, finanzieren einen erheblichen Teil des Gemeinwesens, während
sehr Vermögende gemessen an ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
vergleichsweise wenig beitragen.
## Die Mehrheit will die Vermögenssteuer
Gerade deshalb ist die Behauptung, Deutschland habe lediglich ein
„Ausgabenproblem“, politisch irreführend. Natürlich muss über effiziente
Ausgaben diskutiert werden. Aber ein Staat, der marode Infrastruktur
sanieren, Schulen modernisieren, sozialen Wohnungsbau ausweiten, Sicherheit
gewährleisten, die Bahn erneuern und den Klimawandel bekämpfen soll,
braucht stabile, langfristige und gerechte Einnahmen.
Wer allein auf Kürzungen setzt, blendet aus, dass Deutschland auch ein
Gerechtigkeitsproblem auf der Einnahmeseite hat. Nicht die Gesamthöhe der
Steuereinnahmen ist das zentrale Problem, sondern ihre soziale Verteilung.
Trotz Rekordeinnahmen zeigt die abgesenkte Steuerschätzung deshalb vor
allem eines: Öffentliche Einnahmen hängen von geopolitischer und
wirtschaftlicher Stabilität ab. Und ein Steuersystem, das Arbeit stark
belastet, Vermögen aber schont, macht den Staat zusätzlich anfällig. Die
entscheidende Debatte sollte daher nicht lauten, ob der Staat „zu viel“
ausgibt. Sondern ob die Lasten fair verteilt sind – und ob die
wirtschaftlich Stärksten endlich einen angemessenen Beitrag leisten.
Es gibt gesellschaftliche Mehrheiten in Deutschland, die eine solche
Politik befürworten. [4][Jüngst zeigte eine ARD-Umfrage], dass 81 Prozent
der Deutschen finden, dass der wirtschaftliche Wohlstand im Land ungleich
verteilt ist. Mehr als 60 Prozent befürworten die Wiedereinführung einer
Vermögensteuer und die Anhebung von Steuern auf große Erbschaften. Wer über
Haushaltslöcher spricht, darf deshalb nicht bei Kürzungen stehen bleiben –
sondern muss endlich auf die Mehrheit der Bevölkerung hören und die Frage
stellen: Warum tragen ausgerechnet die Reichsten in diesem Land noch immer
so wenig zur Finanzierung des Gemeinwesens bei?
10 May 2026
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