# taz.de -- Rechte Verlage im Literaturbetrieb: „Es geht um die kulturelle Stabilisierung eines Milieus“
       
       > Rechte Verlage und Autoren haben es im Literaturbetrieb schwer – noch.
       > Literaturwissenschaftlerin Mareike Gronich über die Anschlussfähigkeit
       > rechter Positionen.
       
 (IMG) Bild: Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 löste ein Podium des rechten Antaios-Verlags Proteste aus
       
       taz: Mareike Gronich, Sie forschen zu neurechten Ästhetiken in der
       Literatur. Was ist darunter zu verstehen? 
       
       Mareike Gronich: In erster Linie forsche ich zu Literatur- und
       Kulturpolitik der sogenannten Neuen Rechten. Die Frage nach neurechten
       Ästhetiken ist ein Teilbereich, aber es geht mir aktuell vor allem darum
       herauszufinden, welche strategische Funktion Kunst und insbesondere
       Literatur unter Rechtsintellektuellen zukommt. Den Begriff „Neue Rechte“
       versuche ich zu vermeiden, da es sich ursprünglich um eine
       Selbstbezeichnung der extremen Rechten handelt, die geprägt wurde, um sich
       von Anhänger*innen des Nationalsozialismus abzusetzen. Präziser müsste
       man von einer diskursorientierten extremen Rechten sprechen.
       
       taz: Lange Zeit war der Literaturbereich vermeintlich verschont geblieben
       von rechter Raumnahme. In den letzten Jahren sind aber auch hier
       Publizisten, Verleger und Autoren aus dem rechten bis rechtsradikalen
       Umfeld aktiver geworden. Was ist ihre Strategie? 
       
       Gronich: Das Schlüsselwort lautet hier „Hegemoniepolitik“, oder wie es in
       der Selbstbeschreibung der extremen Rechten heißt: Metapolitik. Es geht
       darum, auf dem Feld der Kultur Hegemonie zu erringen, wobei Kultur hier
       nicht nur die schönen Künste meint, sondern auch Gedenkstätten,
       Bildungseinrichtungen oder Vereine. Interventionsfelder der Metapolitik
       sind alle gesellschaftlichen Bereiche, die sich eignen, um Mentalität,
       Normvorstellungen und Weltanschauungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.
       Versuche rechtsextremer Raumnahme im Kultur- und Literaturbetrieb gibt es
       schon länger, zunächst verpufften diese Versuche, aber spätestens seit dem
       bewusst inszenierten Skandal [1][auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr
       2017] um die Präsenz rechter Verlage verfangen solche Versuche mehr und
       mehr. Interessant an diesem „Skandal“ war weniger der Skandal selbst als
       dessen Nachspiel, wo es dem rechtsintellektuellen Milieu gelang, sich als
       Opfer einer vermeintlichen Meinungsdiktatur und als Kämpfer*innen für
       Meinungsfreiheit zu inszenieren. Schon hier spielte übrigens Susanne Dagen,
       die Organisatorin [2][der rechten Buchmesse in Halle,] mit der von ihr
       initiierten Charta 2017 eine entscheidende Rolle.
       
       taz: Die Buchbranche steckt in der Krise. Wie finanzieren sich neurechte
       Verlage? 
       
       Gronich: Extrem rechte Verlage und Zeitschriften haben eine
       Kernleserschaft, in der sich ihre Publikationen auf einem gewissen Niveau
       immer absetzen lassen, damit generieren sie einen Teil ihres Umsatzes. Aber
       der ökonomische Erfolg ist nicht das Hauptmotiv dieser Verlage. Es geht in
       erster Linie um die kulturelle Stabilisierung eines Milieus. Einige der
       Akteur*innen, wie Benedikt Kaiser und Erik Lehnert, arbeiten für
       AfD-Bundestags- bzw. eine Landtagsfraktion, verfügen also über Gehälter,
       die es ihnen erlauben, unentgeltlich oder für geringe Honorare Bücher zu
       schreiben oder sich für ein Verlags- oder Zeitschriftenprojekt zu
       engagieren. Insgesamt ist über die Geldflüsse in dem Milieu aber wenig
       bekannt.
       
       taz: Bisher veröffentlichen Autoren, die auch sich selbst eindeutig im
       rechten Spektrum verorten, in entsprechend gelabelten Verlagen. Wäre es
       nicht eher in ihrem Sinne, die eigenen Texte bei Verlagen unterzubringen,
       die nicht gleich erkennbar eine Verbindung in die rechte bis rechtsradikale
       Szene haben? 
       
       Gronich: Ich vermute, dass es zumindest aktuell noch schwierig ist, extrem
       rechte Publikationen bei den großen Publikumsverlagen unterzubringen. Hinzu
       kommt, dass die Belletristik-Produktion der deutschen extremen Rechten sehr
       überschaubar ist. Aber wer weiß, wenn es jetzt üblich wird, dass ein Roman
       aus dem Milieu in großen deutschen Zeitungen rezensiert wird, interessieren
       sich vielleicht auch die großen Publikumsverlage irgendwann für diese
       Texte. Viel wichtiger scheint mir aber, dass das im Moment gar nicht
       unbedingt im strategischen Interesse der Akteur*innen liegt. Ein
       wesentlicher Aspekt von Hegemoniepolitik ist, dass diese zunächst möglichst
       unmerklich abläuft. Es geht erst mal gar nicht so sehr darum, die eigenen
       rechtsextremen Positionen offensiv zu vertreten, sondern sich harmlos zu
       geben und so Brücken in nicht rechte Milieus zu bauen. Götz Kubitschek, der
       Leiter des Antaios-Verlags, spricht von einer Strategie der
       „Selbstverharmlosung“. Literatur ist dafür ein geeignetes Vehikel, weil
       offenbar immer noch die Idee vorherrscht, dass das Lesen eine linke,
       pluralistische oder emanzipatorische – zumindest aber keine genuin rechte
       oder rechtsextreme – kulturelle Praxis sei. Am Beispiel des kinder- und
       jugendliterarischen Kanons „Vorlesen“ aus dem Antaios-Verlag kann man diese
       Strategie besonders gut beobachten. Viele der Leseempfehlungen, die darin
       gegeben werden, gehören zu einem bürgerlich linksliberalen Kanon und sind
       gänzlich unverdächtig, rechts zu sein. Dazu gehören Autor*innen wir Tove
       Jansson, die Erfinderin der Mumins, aber auch Klaus Kordon oder Gudrun
       Pausewang.
       
       taz: Auch die Literaturrezeption gerät in den Fokus der Neuen Rechten.
       Autoren wie [3][Leif Randt] oder Christian Kracht finden bei der Diskussion
       um einen vermeintlichen neurechten Kanon häufig Erwähnung. Dabei geht es um
       die Re-Lektüre etablierter Texte. Welches Ziel verfolgt die Neue Rechte
       damit? 
       
       Gronich: Hier greift dieselbe Strategie, die ich im Zusammenhang mit
       „Vorlesen“ schon beschrieben habe: Es geht darum, sich als
       Literaturkenner*innen und damit als Teil einer intellektuellen
       bildungsbürgerlichen Elite auszuweisen und zu zeigen: Autor*in XYZ, die
       in allen Feuilletons gelobt wurde, finden wir auch gut und eigentlich ist
       das, was sie schreibt, auch aus rechter Sicht vertretbar. Dafür wird dann
       gerne der Begriff des Konservativen benutzt, der selbst einerseits der
       Selbstverharmlosung dient und andererseits eben konservative, nicht rechte
       Milieus ansprechen soll.
       
       taz: Gibt es eine Möglichkeit für Autor*innen, sich vor rechter
       Vereinnahmung zu schützen? 
       
       Gronich: Ich fürchte nicht, zumindest nicht um den Preis, die eigene Poetik
       aufgeben zu müssen – und auch das ist keine Garantie. Das hängt aus meiner
       Sicht damit zusammen, dass ein Charakteristikum von Literatur ihre
       Deutungsoffenheit ist und diese können sich selbstverständlich auch
       Rechtsextreme zu eigen machen. Es gibt aber schon Themen, Motive, Topoi und
       auch ästhetische Verfahren, für die sich das Milieu besonders interessiert:
       Alles, was beispielsweise mit der Ablehnung von sogenannter Political
       Correctness, Geschlechtervielfalt oder „Wokeness“ zu tun hat oder so
       gedeutet werden kann, bietet Anknüpfungspunkte.
       
       18 Jul 2026
       
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