# taz.de -- Höhepunkte auf der Buchmesse: Lieber gefüllte Weinblätter als gedruckte Blätter
> Autoren sabotieren andauernd mit Jammern die kulinarische Idylle in der
> Kantine der Istanbuler Buchmesse. Dabei verkauft Jammern kein einziges
> Buch.
(IMG) Bild: Weil er eh keine Bücher verkauft, geht Osman auf der Buchmesse – hier die Leipziger – am liebsten in die Kantine
Das Schönste an einer Buchmesse ist ja der Augenblick, sozusagen der
Höhepunkt des ganzen anstrengenden Tages, dass man nach stundenlangem
Umherschwirren durch die riesigen Bücherhallen, endlich in der
Messe-Kantine landet und sich mit all den Köstlichkeiten dort den Bauch
vollschlagen darf.
Mein Favorit unter den Buchmessen ist die Istanbuler Messe, weil das
Angebot dort, im Vergleich zur Frankfurter- oder Leipziger-Buchmesse,
unvergleichlich besser ist. Ich meine natürlich, was das kulinarische
Angebot betrifft.
Deshalb halte ich mich in der Istanbuler Buchmesse mehr bei den gefüllten
Weinblättern auf als bei gedruckten Blättern.
Meine kulinarische Idylle wird jedoch andauernd von vielen Autoren
sabotiert, die von morgens bis abends in der Kantine herumlungern und
jammern, wie schlecht es ihnen geht und dass kein Mensch mehr ein Buch
kauft.
## Ein anständiger Beruf wäre besser gewesen
Ich werfe denen natürlich nicht vor, dass sie selbst daran schuld sind –
wie mir meine Frau immer vorwirft –, dass sie anstatt zu schreiben, was
Anständiges hätten machen sollen. Nach jahrelanger eigener Erfahrung weiß
ich, dass man durch Jammern kein einziges Buch mehr verkauft. Ich habe es
lange versucht, bevor ich dann in Halle 4 anfing.
Deshalb sage ich nicht „Leute, lasst mich in Ruhe essen und geht was
Anständiges arbeiten“, sondern: „Leute, ich weiß, ihr könnt kein Buch
verkaufen und seid pleite. Aber seid doch froh, ihr schreibt immerhin in
der Türkei. Hier müsst ihr die Inhalte eurer Bücher für die türkischen
Reporter nicht selbst übersetzen, so wie ich. In Deutschland können alle
türkischen Reporter aus Prinzip kein Wort Deutsch, nur um mich zu nerven.“
„Was meinst du, was ich hier tue?“, ruft jemand, der eifrig am Tippen ist.
„Wieso? Können die Reporter in der Türkei etwa auch kein Türkisch? Toll,
dann hat es ja Tradition und ist nicht gegen mich persönlich gerichtet“,
sage ich voller Freude.
„Für die Reporter schreibe ich auch wieder nicht“, schmunzelt er.
„Für wen denn sonst? Schreibst du für die Autoren? Bist du etwa die
türkische [1][Version von KI]?“
„Du kommst nie darauf. Ich schreibe für den [2][Geheimdienst].“
„Wie bitte? Sie sind vom Geheimdienst?“
„Nein, ich doch nicht. Der Hidayet, der Hauptberuflich mein Telefon abhört,
ist vom Geheimdienst. Der arme Kerl, der mich die ganze Zeit ausspionieren
und täglich einen langen Bericht für den Geheimdienst verfassen soll, ist
ein Analphabet.“
„Ich kapiere gar nichts mehr. Wie macht der Hidayet das dann?“
„Bei Allah, die Deutschlinge sind aber schwer von Begriff. Deshalb schreibe
ich doch an seiner Stelle.“
„Sie spionieren sich selbst aus? Warum machen Sie das?“
„Als [3][Schriftsteller] hat man doch gewisse Verantwortung dem Volk
gegenüber“, sagt er staatsmännisch. „Ich will nicht, dass man Hidayet
kündigt. Er muss doch ein Dach über dem Kopf haben und seine [4][Miete
bezahlen] können.“
„Wooow! Sie sind ja so was von selbstlos! Alle Achtung“, bewundere ich ihn.
„Muss ja“, lacht er. „Hidayet und ich wohnen seit sechs Monaten zusammen.“
9 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kann-KI-das-Verhalten-von-Menschen-vorhersagen/!6196750
(DIR) [2] /Bundesdatenschutzbeauftragte-ueber-Geheimdienstreform-Seid-ihr-bescheuert/!6198179
(DIR) [3] https://pen-deutschland.de/
(DIR) [4] /Debatte-um-Enteignung/!6195959
## AUTOREN
(DIR) Osman Engin
## TAGS
(DIR) nord-kolumnen
(DIR) Kolumne Alles getürkt
(DIR) Autoren
(DIR) wochentaz
(DIR) Kyjiw
(DIR) Russische Literatur
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rechte Verlage im Literaturbetrieb: „Es geht um die kulturelle Stabilisierung eines Milieus“
Rechte Verlage und Autoren haben es im Literaturbetrieb schwer – noch.
Literaturwissenschaftlerin Mareike Gronich über die Anschlussfähigkeit
rechter Positionen.
(DIR) Besuch bei der Buchmesse in Kyjiw: Im Hauptquartier der Kulturstreitkräfte
Kyjiw wurde kurz vor dem „Book Arsenal“-Festival massiv beschossen. Die
Kulturszene ist stark davon betroffen, zeigt sich aber unerschütterlich.
(DIR) Russische Buchmesse in Berlin: Mit Literatur gegen die „Schizo-Realität“
Die zweite Exil-Buchmesse für russischsprachige Literatur in Berlin war
größer und bunter als die erste Ausgabe. Es wurde kontrovers diskutiert.