# taz.de -- Kanadisches Elektro-Kollektiv Moonshine: Ganz selbstverständlich zusammenfließen
> Das Moonshine-Kollektiv aus Montreal bringt neueste Elektroniksounds aus
> Afrika, Nordamerika und Europa mit rauschenden Partys auf den Dancefloor.
(IMG) Bild: Rhythmen aus dem Kongo, Amapiano aus Südafrika gehen von Montreal aus um die Welt: Moonshine
Vor der Kontaktaufnahme mit Moonshine muss man sicherstellen, dass ein
Mensch und kein KI-Chatbot auf die Anfrage antwortet. Stunden später, ein
Rückruf von einer anderen Nummer: Mitglieder vom Moonshine-Kollektiv sind
in der Leitung. Auf die Frage ob Moonshine Partys veranstaltet, antwortet
Hervé Kalongo: „Wir veranstalten nicht einfach Partys, wir kreieren
künstlerische Welten.“
Wer verstehen will, warum das kanadische Kollektiv Moonshine in den letzten
zehn Jahren zu einem der wichtigsten Namen der weltweiten Klubkultur
geworden ist, muss nach Montreal schauen. Von dort aus bespielt Moonshine
die Tanzflächen in aller Welt und weicht stilistische Grenzen auf,
verschmelzt sie oder bringt sie vollständig zum Verschwinden. Nicht nur
musikalische Barrieren fallen, auch nationale und geografische Grenzen
überwindet ihre Musik.
Moonshine gründete ursprünglich der Sänger und DJ Pierre Kwenders 2014
[1][in Montrea]l. Heute besteht der Kern des Kollektivs aus sieben
Personen. Darunter der künstlerische Leiter Hervé Kalongo und die DJ San
Farafina. Beide sitzen zusammen mit Kwenders am Telefon. Gefestigt hat sich
Moonshine durch Freundschaften in WG-Küchen und bei illegalen Raves in den
Lagerhäusern von Montreal.
## Spitzname Coltan
Man teilte das Gefühl, dass der lokalen Klubszene etwas fehlte: „Es fehlte
vor allem die Offenheit“, sagt Kwenders. „Ein Raum, in dem Leute wie wir
sich frei entfalten können“, fügt Kalongo hinzu, dessen Spitzname „Coltan“
ist, wie der im Kongo umkämpfte Rohstoff, der für die Herstellung von
Smartphones benötigt wird.
Die Mehrheit von Moonshine sind Kinder kongolesischer Einwanderer oder
selbst noch im Kongo geboren, wie Gründer Pierre Kwenders. Doch die Musik
von zu Hause und der alten Heimat spielte in Montreal zunächst nur eine
Nebenrolle: kongolesischer Rumba, auch Rumba Lingala genannt, Coupé-Décalé
aus Cote D'Ivoire und südafrikanischer House, wie Kwaito. Stattdessen lief
überall dieselbe Musik, erinnert sich Kalongo.
„Also haben wir einen musikalischen Ort erschaffen, der sich wie Zuhause
anfühlt und an dem andere genau diesen Sound entdecken können“, sagt
Kwenders, der als Teenager von Kinshasa nach Montreal kam. Damit meint
Kwenders Dancefloorklubs. Und aus dem Mut zur Lücke entwickelte sich
Moonshine bald zu etwas Größerem.
## Immer zu Vollmond
Die Partys fanden zunächst immer am ersten Samstag im Monat nach Vollmond
statt. Uhrzeit und Location wurden per SMS bekanntgegeben. Diesen Zweck
erfüllt inzwischen ein Chatbot. Bei den Partys laufen Filme, es gibt
Kunstperformances, Merchandise. So wurde Moonshine zu dem kreativen
Kollektiv, dass es heute ist.
Schnell wurde Moonshine über Kanada hinaus bekannt. Inzwischen veranstaltet
das Kollektiv Konzerte in Europa, Afrika und Nordamerika, veröffentlicht
Musik und entwirft eigene Kleidung. Was Moonshine eigentlich ist? Die
Antwort fällt knapp aus: „Ein Kollektiv“.
Eine Klubnacht von Moonshine wirkt wie ein ständiger Temperaturwechsel: Mal
glitzernder Pop, mal schwere Drums, mal sprunghafter Jersey Club, dann
wieder rhythmische Gitarrenläufe, oder hektische Footwork-Beats oder
blubbernder Amapiano, Madonna läuft mit Papa Wemba, Crystal Waters mit
Awilo Longomba. Woanders wäre es ein Stilbruch, bei Moonshine ergibt es
einen ständigen Puls.
Vielfalt im Mix wirkt sich positiv aus. Wie selbstverständlich fließen bei
Moonshine elektronische Dancefloorgenres zusammen. „Das ist einfach unsere
Identität“, sagt San Farafina, die eigentlich aus Paris kommt. „Wir bilden
einfach nur ab, wer wir sind.“
Vielleicht erklärt genau das, warum Moonshine heute als Bindeglied zwischen
Musikszenen wirkt, die Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen.
Moonshine klingen wie Montreal, Paris, Brüssel, London, [2][Nairobi] oder
Hamburg. Für das Kollektiv gehören diese Orte zur selben kulturellen
Landkarte. Auch, weil es dort eine große afrikanische Diaspora gibt. Aber
nicht nur deswegen:
„Die Codes von Klubkultur werden global verständlicher. Wenn man heute
zwischen großen Städten reist“, sagt Kalongo. „Wir merken, dass Menschen
über Musik miteinander verbunden sind. Sie verstehen die Codes.“ Für die
Mitglieder von Moonshine ist diese globale Vernetzung nichts Neues, aber
sie ist durch Social Media beschleunigt worden. [3][Sounds aus Abidjan],
London oder Kinshasa verbreiten sich heute binnen weniger Stunden über den
Globus.
Dabei sprechen Moonshine auffallend selten über Diversität. Stattdessen
fallen immer wieder andere Begriffe: Freiheit. Zugehörigkeit. Gemeinschaft.
„Diversität ergänzt das“, sagt Kwenders. Auch Inklusivität beginne bei den
Menschen, die einen Klub organisieren. Wenn die Strukturen nicht vielfältig
seien, könne sich ein Raum kaum wirklich inklusiv anfühlen. Am wichtigsten
sei Moonshine, für einen kurzen Moment neue Welten zu schaffen, losgelöst
von jeglichen Grenzen.
2 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Victor Efevberha
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