# taz.de -- Russisch als Muttersprache: Nicht nur die Sprache des Aggressors, sondern auch meine
> Die Abkehr vom Russischen wird als Teil der Dekolonialisierung
> dargestellt. Selbst wenn dies bedeutet, sich selbst zu verleugnen.
(IMG) Bild: In Aserbaidschan, der Heimat der Autorin, gehört Russisch zum Alltag dazu
Im Jahr 2022, nach dem Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der
Ukraine, war es plötzlich fast unanständig, Russisch zu sprechen. Fast so,
als wäre man Kollaborateur*in. In den postsowjetischen Republiken wurde mit
neuer Vehemenz darüber gesprochen, dass Russisch eine Sprache der
Kolonialisierung sei, die unseren Vorfahren vor zweihundert Jahren
aufgezwungen wurde. Und im Prinzip stimmt das auch.
Die Sprache wurde wie Englisch in Indien, Französisch in Algerien und
Marokko oder Spanisch für die indigene Bevölkerung Lateinamerikas
etabliert. Allerdings verhalten sich Großbritannien, Frankreich und Spanien
derzeit nicht so wie Russland. Dementsprechend werden die Sprachen, die von
Millionen Menschen sprechen, nicht diskreditiert.
Die Abkehr von der russischen Sprache wird derzeit als [1][Teil der
Dekolonialisierung] dargestellt. Selbst wenn dies bedeutet, sich selbst zu
verleugnen. Doch erzwungene Dekolonialisierung ist keineswegs besser als
Kolonialisierung. Es ist dieselbe Form von Gewalt. Es ist dieselbe
Forderung, die eigene Identität aufzugeben, weil sie „beschämend“ und
„falsch“ sei.
Ich bin eine russischsprachige Aserbaidschanerin und habe nicht vor, meine
sprachliche Identität zugunsten geopolitischer Trends aufzugeben.
Sprachliche Identität ist ebenso wichtig wie die nationale. Vielleicht ist
sie sogar wichtiger, wenn man bedenkt, dass die Kategorie der Nationalität
ein recht neues und unklares Konzept ist, während die Muttersprache die
Menschheit schon begleitet, seit sie sprechen gelernt hat.
Manchmal sind sprachliche und nationale Identität deckungsgleich. Manchmal
auch nicht. So wie zum Beispiel bei mir. Ja, vielleicht ist das „falsch“.
Vielleicht hat mich mein Russisch zu einer Chimäre gemacht. In der Biologie
bezeichnet man damit einen Organismus, der aus genetisch unterschiedlichen
Zellen besteht. So ist das auch bei Menschen, deren sprachliche Identität
nicht mit der nationalen übereinstimmt. Wir sind weder das eine noch das
andere. Man kann das problematisch finden – oder als wertvolle Ressource
betrachten. Aber es ist, wie es ist. Es ist keine Entscheidung, die die
Chimäre selbst getroffen hat.
## Niemand entscheidet über seine Muttersprache
Denn niemand entscheidet, in welcher Sprache er zu sprechen, zu denken und
die Welt zu erkunden beginnt. Das entscheiden unsere Eltern und die
jeweiligen historischen Umstände für uns. Unsere sprachliche Identität
bildet sich unabhängig von unserem Willen heraus, beeinflusst unsere
Persönlichkeit. Dieser Prozess ist unumkehrbar. Deshalb ist es eine der
gröbsten und dümmsten Formen der Diskriminierung, einem Menschen seine
„unechte“ sprachliche Identität vorzuwerfen.
Nicht weniger dumm und sogar beleidigend ist es, einen Menschen dafür zu
bemitleiden, dass er „nicht seine Muttersprache spricht“, ihn damit auf
seine nationale Zugehörigkeit hinzuweisen und ihn automatisch zu einem
Kolonialismus-Opfer zu erklären. Übrigens tun genau das manchmal Russen,
die historische Schuld fühlen und denen es darum wichtig ist, [2][Menschen
aus den postsowjetischen Ländern] zu „dekolonialisieren“.
Im Wettlauf mit den Nationalisten aus diesen Ländern erklären sie uns, dass
unser Russischsprechen ein historisches Trauma sei, dass wir zutiefst
unglückliche, minderwertige Menschen seien und wie wichtig es für uns sei,
unsere „wahre“ Sprache zu sprechen. Mir scheint, sie sind von ihrem Monopol
auf die russische Sprache überzeugt. Und sie sind einfach nicht in der Lage
zu verstehen, dass ich nicht „ihre“ Sprache spreche. Denn es ist genauso
meine Sprache. Und niemand kann für mich entscheiden, wie ich damit
umzugehen habe. Ja, vielleicht haben sie gute Intentionen, aber ich muss
nicht zwangsweise dekolonialisiert werden.
## Russisch macht dich nicht zu einem Russen
Es gibt noch ein paar wichtige Punkte, die man nur verstehen kann, wenn man
selbst eine „Chimäre“ ist. Die sprachliche Identität verdrängt nicht die
nationale, sondern ergänzt sie. Sie beeinflusst unsere Persönlichkeit, aber
dominiert sie nicht. Russisch macht dich nicht zu einem Russen, genauso
wenig wie ein freiwillig-zwanghafter Verzicht darauf dich zu einem
„besseren“ Aserbaidschaner oder zu jemand anderem macht.
Und obwohl jede Sprache eine Zugehörigkeit zur entsprechenden Kultur
impliziert, beschränkt sie sich nicht nur darauf. Und umgekehrt – um sich
in die Kultur eines Landes hineinzuversetzen, muss man nicht unbedingt die
entsprechende Sprache beherrschen. Ich kenne eine Menge Menschen, auf die
Dostojewski, den sie in Übersetzung gelesen haben, einen viel größeren
Einfluss hatte als auf mich, die ich ihn im Original gelesen habe.
Man sollte das reale Böse nicht durch ein erfundenes ersetzen. Und das
reale Böse ist für mich der Nationalismus in all seinen Ausprägungen,
einschließlich des sprachlichen Nationalismus. Ich bin eine
russischsprachige Aserbaidschanerin, und das ist Teil meiner
vielschichtigen Identität, auf die ich nicht verzichten möchte.
Ich will und werde meine Muttersprache nicht aufgeben, nur weil sie derzeit
als „Sprache des Aggressors“ gilt (so wie Deutsch vor einigen Jahrzehnten
noch als „Sprache der Faschisten“ galt). Ich möchte keinen [3][Teil meiner
eigenen Identität] aufgeben, nur um „gut“ zu wirken und jemandem zu
gefallen. Und selbst wenn ich und andere russischsprachige Menschen dies
tun würden, wäre das kein Sieg von uns über Putin. Es wäre sein Sieg über
uns. Vielleicht klingt zumindest dieses Argument überzeugend genug?
Aus dem Russischen von Gaby Coldewey
Die Autorin ist Journalistin und Autorin aus Aserbaidschan. Sie ist Alumna
der [4][Osteuropa-Projekte der taz panterstiftung]. Lebt aktuell in
Georgien.
12 Jul 2026
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