# taz.de -- 1.598 Tage Krieg in der Ukraine: Ein Leuchtturm, tausend Kilometer vom Meer entfernt
       
       > Im Café Dsendsyk in Lwiw erschaffen Berdjansker tausend Kilometer vom
       > Meer entfernt ihre Heimat neu. Und erinnern an das Schicksal der russisch
       > besetzten Gebiete.
       
 (IMG) Bild: Das Café Dsendsyk in Lwiw – ein Anker für Geflüchtete aus dem südukrainischen Berdjansk am Asowschen Meer
       
       Ein Leuchtturm in Lwiw, der einzigen Großstadt in der Ukraine, die nicht an
       einem großen Gewässer liegt – das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Anblick.
       Gerade das Meer fehlt hier vielen Menschen aus dem Süden der Ukraine, die
       kriegsbedingt ihre Heimat verlassen mussten.
       
       Allerdings zieht das Modell des Leuchtturms, der neben dem Café Dsendsyk
       steht, viele Binnenvertriebene an, die hier tausend Kilometer von ihren
       früheren Wohnorten entfernt ein Stück Heimat suchen. Denn das Original des
       Turms steht auf der gleichnamigen Halbinsel nahe Berdjansk.
       
       An den Wänden des kleinen Cafés in der Nähe des Militärkrankenhauses hängen
       Fotos der Stadt am Asowschen Meer, die schon in den ersten Tagen des
       russischen Großangriffs 2022 besetzt wurde.
       
       Auf einem der Bilder sieht man ein Paar, das auf einer Bank am Ufer des
       Meeres sitzt und auf ein brennendes Schiff im Hafen schaut. „Ich war dabei,
       als im April 2022 eine ukrainische Rakete das russische Landungsschiff
       traf“, erzählt die 20-jährige Tetjana, eine Geflüchtete aus Berdjansk.
       
       ## Leben unter russischer Besatzung
       
       Tetjana hat mit eigenen Augen gesehen, wie der einst lebhafte Badeort nach
       und nach verstummte, nachdem die russischen Soldaten auf den Straßen
       aufgetaucht waren und die Proteste brutal unterdrückt hatten.
       
       „Berdjansk ist für mich eine warme Brise, fröhliches Lachen und
       Zuckerwatte, die auf der Promenade verkauft wurde“, sagt sie. „Jetzt sieht
       man auf den Straßen neue, fremde Gesichter, und die Einheimischen, die dort
       geblieben sind, reden nur noch leise, um nicht gehört zu werden.“
       
       Die junge Frau hält Kontakt zu ihren Verwandten, [1][die nach wie vor unter
       Besatzung leben]. Doch in den Gesprächen muss sie sich selbst immer wieder
       daran erinnern, sich nicht zu offen zu äußern. Jedes Wort zu viel könnte
       den Russen als Vorwand für eine Festnahme dienen.
       
       Sie selber kann frei darüber sprechen, dass sie an den Sieg der
       Gerechtigkeit glaubt – und das, obwohl das Schicksal der besetzten Gebiete
       in den diplomatischen Gesprächen über ein mögliches Kriegsende kaum noch
       Thema ist.
       
       „Uns bleibt keine andere Wahl, als durchzuhalten. Wir sind ein
       freiheitsliebendes Volk und sehnen uns sehr nach Freiheit“, unterstreicht
       Tetjana.
       
       ## Café als Anker für Geflüchtete
       
       Genau das denkt auch die Besitzerin des Cafés Dsendsyk, Ksenija Klejnos.
       Die junge Frau mit sanftem Lächeln leitete jahrelang das Anti-Café in
       Berdjansk, wo viele Initiativen entstanden, die die Stadt verändert haben.
       Die Eröffnung des Cafés in Lwiw ist für sie nicht nur Basis für ihr neues
       Leben, sondern auch ein [2][Anker für Hunderte Geflüchtete aus Berdjansk].
       
       Der Ort ermöglicht es ihnen, zwischen all dem Neuen in der großen Stadt
       nicht unterzugehen, erklärt Ksenija, die ihre Leitungsposition im Café mit
       der Betreuung ihres kleinen Sohnes verbindet.
       
       Im Dsendsyk tauschen ehemalige Berdjansker ihre Erinnerungen aus, feiern
       gemeinsam den Tag der Stadt und stellen Souvenirs her, mit deren Verkauf
       sie die ukrainischen Streitkräfte unterstützen. An der Infotafel hängen
       Dutzende von Nachrichten geflüchteter Berdjansker, die von der Befreiung
       ihrer Heimatstadt träumen.
       
       ## Träume vom Meer
       
       Ksenija und Tetjana glauben nicht daran, dass Gespräche unter der Führung
       der USA den Krieg beenden können. [3][„Es ist unmöglich, mit Russen zu
       verhandeln“], sagt Ksenija.
       
       „Unter der Besetzung leiden sowohl die Menschen als auch die Natur. Es wird
       sehr schwer werden, den Zustand von 2022 wiederherzustellen“, meint
       Ksenija, und dabei verschwindet ihr sanftes Lächeln.
       
       Sie träumt davon, mit ihrem in Lwiw geborenen Sohn zum Baden ans Meer zu
       fahren. Aber sie hat Angst, das nicht zu schaffen, denn Umweltschützer
       sagen, dass das Meer durch den Krieg zu verschmutzt sei.
       
       ## Glauben an den Wiederaufbau der Heimat
       
       Ksenija ist allerdings davon überzeugt, dass die Verbindungen, die gerade
       in Lwiw geknüpft und gepflegt werden, dazu beitragen werden, die
       Heimatstadt wiederaufzubauen. Und sie durch diejenigen bereichert werden,
       die im Café Dsendsyk Berdjansk für sich entdeckt haben.
       
       „Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir irgendwann zurückkehren werden“,
       sagt Ksenija. „Die Frage ist nur: wann?“
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       10 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rostyslav Averchuk
       
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