# taz.de -- Der Hausbesuch: Sie will die Dinge öffnen
> Maria Rave-Schwank arbeitete als erste Frau an der Spitze einer deutschen
> Psychiatrie. Für ihre Ziele kämpft sie auch heute noch, mit 91 Jahren.
(IMG) Bild: Was sie fernab der Psychiatrie umtreibt? Da hat Maria Rave-Schwank ausnahmsweise wenig zu erzählen
Wer mit Maria Rave-Schwank spricht, erfährt viel darüber, wie Institutionen
sich wandeln können – und auf welche Widerstände solch ein Wandel häufig
stößt.
Draußen: Eine ruhige Wohngegend in Karlsruhe; in der Nähe ein Park. Maria
Rave-Schwank erzählt, sie gehe dort gerne spazieren. Ansonsten wird die
91-jährige Psychiaterin auf die Frage, was sie fernab der Psychiatrie
umtreibt, wenig erzählen. Die war und ist ihr Leben.
Drinnen: Auf dem Boden im Wohnzimmer stehen Ordner mit Unterlagen zu den
sogenannten Karlsruher „Euthanasie“-Opfern – mit diesem Begriff
verharmlosten die Nazis die grausame Tötung von Psychiatrie-Patient:innen
und Menschen mit Behinderung. „Morgen habe ich einen Termin im Stadtarchiv
und übergebe sie im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziale
Psychiatrie. Danach kann ich das Chaos hier aufräumen.“ Auf dem Tisch
stehen Rosen und Erdbeerkuchen. An einer Wand hängt eine „Politische Karte
der Welt“. Nach ihrer Berentung hat Rave-Schwank sich viel mit der
psychiatrischen Versorgung von Migrant:innen beschäftigt.
Krieg: Maria Rave-Schwank ist 1935 in Karlsruhe geboren. Als die Alliierten
nach Deutschland kamen, war sie neun. Sie erinnert sich an die
Bombardierung, daran, „dass wir hier in dieser Straße im Keller saßen und
dass alles zusammenfiel“. Sie und die Schwester, die Mutter in der Mitte,
alle unter einer Decke. Ihnen ist nichts passiert. „Aber im Schrank, wo
meine Puppensachen waren, war alles verbrannt.“ Die Brüder waren im Krieg.
Einer von ihnen ist gefallen.
USA: Während der Schulzeit bekam sie die Chance, für ein Jahr zu einer
Familie in den USA zu gehen. Dort habe sie gelernt, dass vieles „auch
anders geht“. Das war dann auch im Studium so. Sie studierte Medizin in
Heidelberg, Berlin und München. Ihr Vater, ein Allgemeinarzt, hatte sich
gewünscht, dass sie seine Praxis übernimmt. Aber in München merkte Maria
Rave-Schwank: Arbeiten möchte sie in der Psychiatrie.
Auslöser: Den Anstoß dazu gab ihr ein Freund. Er hatte „einen starken
Zitterer und ist dadurch von Valium abhängig geworden“. Zum Entzug kam er
in die psychiatrische Klinik in Haar bei München. Dort hätten „alle in
einem Rechteck auf einer Holzbank“ gesessen, erzählt Rave-Schwank. Ihren
Freund mit „gestreiftem Anzug und komischem Bart“ habe sie nicht
wiedererkannt. Alles, sagt sie, bestand bloß aus Warten. Sie wollte es
anders machen.
Tagesklinik: Nach ihrer Ausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie in
Heidelberg begann Rave-Schrank in einer der ersten Tageskliniken zu
arbeiten und Hausbesuche bei Patient:innen zu machen. Auch [1][in der
Psychiatrie-Enquête von 1975], in der auf über 400 Seiten über die Lage der
Psychiatrie in Deutschland berichtet wurde, setzte sie sich dafür ein:
Betroffene schneller nach Hause zu entlassen und dort ambulant zu betreuen,
„die Angehörigen nicht alleine zu lassen“. Zudem wollte Maria Rave-Schwank
die Ausbildung von Pfleger:innen voranbringen. Die, so ihre Überzeugung,
hätten eine Schlüsselfunktion. Rave-Schwank ging es um einen persönlicheren
Kontakt zu den Patient:innen.
Und heute? Sei in den Kliniken zwar vieles besser geworden, Pfleger:innen
„näher dran“, sagt sie. Aber „es ist noch nicht so, wie es sein kann“.
Ihrer Erfahrung nach hänge vieles davon ab, wie die „Pflegehierarchie sich
verhält“. Das sei in jeder Klinik anders.
England: Wichtige Impulse hatte Rave-Schwank in England bekommen, wo vieles
„zehn, zwanzig Jahre voraus“ war. Warum? Unter den vielen Kriegsveteranen
nach dem Zweiten Weltkrieg, die mit traumatischen Störungen in der Klinik
waren, seien Männer gewesen, die sich nicht alles gefallen ließen. „Dadurch
kam ein Aufmucken auf.“ Angehörigenvereinigungen habe es dort früh gegeben,
außerdem die Überzeugung, dass das Biologische bei einer psychischen Krise
nur einen kleinen Anteil ausmacht und „die Umwelt ganz wichtig ist“.
SPK: In Heidelberg erlebte Rave-Schwank in den 70ern Proteste rund um das
Sozialistische Patientenkollektiv (SPK). Sie arbeitete „Zimmer an Zimmer
mit Herrn Huber in der Ambulanz“. Der Mediziner Wolfgang Huber hatte das
SPK mitgegründet. „Er hat eine wichtige Beteiligung des Patienten an der
Behandlung ermöglicht. Die haben dann zusammen Marx und Engels gelesen.“
Doch nicht alles sei im Sinne der Patient:innen gewesen. Rave-Schwank
erzählt etwa von einer Patientin, die sich die Haare gefärbt hatte, um sich
etwas Gutes zu tun. „Die wurde vom SPK dafür fertiggemacht“, dass sie den
Hersteller der Haarchemikalien kapitalistisch unterstützt hätte.
Nationalsozialismus: 1979 wurde Rave-Schwank im Phi–lipps-Hospital in
Riedstadt die erste Direktorin in einer Psychiatrie in Deutschland. Es war
die Zeit, in der in Deutschland die Ausstrahlung [2][der vierteiligen
„Holocaust“-TV-Serie] für eine breite Diskussion über die NS-Vergangenheit
sorgte. In dieser Zeit begann sie sich auch [3][mit den Verbrechen der
Nazis an Psychiatrie-Patient:innen] zu befassen und setzte sich für ihr
Gedenken ein.
Widerstände: Viele Mitarbeiter:innen in Riedstadt hatten Rave-Schwanks
Pläne, den Opfern des Nationalsozialismus ein Denkmal zu errichten, als
„Nestbeschmutzung“ empfunden. Die Stimmung sei erst umgeschlagen, als einer
bei einer Mitarbeiterversammlung erklärt habe, dass ein Denkmal helfen
würde „das Lebensrecht zu akzeptieren“. 1989 wurde das Denkmal errichtet.
Rave-Schwank erinnert sich, dass Erinnerungen unter Pflegern hochkamen, die
in der Nazizeit gearbeitet hatten. „Die wollten das nicht so nah an sich
ranlassen.“
Aufklärung: Sie selbst hätte von den Naziverbrechen spät erfahren. „Ich
habe meine Schule, Abitur und auch mein Medizinstudium gemacht, ohne dass
ich wirklich darüber informiert worden wäre.“ Bei ihrer Facharztausbildung
in Heidelberg mit Ende 20 habe sie sich gefragt: „Warum hat der Professor
Wendt sein Zimmer im Keller?“ Die meisten anderen Oberärzte hätten ihre
Zimmer in oberen Stockwerken gehabt. Eine Stationsärztin sagte, er sei an
den Naziverbrechen beteiligt gewesen. Das Zimmer im Keller, sagt
Rave-Schwank, war seine einzige Strafe.
Kluft: Als Klinikdirektorin in Riedstadt war es für sie später keine
leichte Aufgabe, die „Kluft“ zwischen alten und neuen Mitarbeitenden zu
überwinden. Die neuen, darunter Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen,
hätten die Psychiatrie als eine „Schlangengrube“ empfunden.
Langzeitpatient:innen sollten ihrer Meinung nach möglichst schnell
entlassen werden. Es wurde gesagt: „Raus hier, dieses Haus ist schrecklich.
Aber es wurde nicht überlegt: Wohin?“ Sie hätten angefangen, mit den
Patient:innen zu sprechen, sich aber lieber rausgehalten aus unangenehmen
Situationen, etwa, wenn ein:e Patient:in aggressiv wurde. Die alten
Mitarbeitenden hingegen hätten auf Kontrolle und Distanz gesetzt.
Öffnung: Bei der Bürgerversammlung hätten Anwohner:innen moniert, die
Patient:innen hätten zu viel freien Ausgang, würden betteln, um Geld für
Zigaretten zu bekommen. Rave-Schwanks Bestreben, die Psychiatrie stärker zu
öffnen, wurde erst mal nicht gut aufgenommen. Ihre Lösung: Bei der
„Arbeitstherapie“ sollten die Patient:innen Geld verdienen, um nicht
betteln zu müssen. „Das war nicht viel, aber das gehörte ihnen und sie
konnten damit machen, was sie wollten.“
Veränderungen: 1990 kam Rave-Schwank wieder nach Karlsruhe, wo sie bis zum
Ruhestand als Direktorin der Psychiatrischen Klinik arbeitete. Wichtig an
Veränderungen in großen Betrieben sei, „dass man das nicht alleine macht“,
sagt sie. Und es helfe Geduld.
Ruhestand? Auch mit 91 Jahren ist der Kalender voll. Rave-Schwank ist unter
anderem an einem Krisenprojekt für wohnungslose Frauen beteiligt. Gerade
war sie als Rednerin auf einer internationalen Konferenz von
Angehörigenverbänden. 2022 erschien ihr Buch „Aufbruch in der Psychiatrie“,
in dem sie über ihre Erinnerungen schreibt. Für ihr Engagement wurde sie
mehrfach ausgezeichnet, auch mit dem Bundesverdienstkreuz.
Biologie: Sie kritisiert, dass die biologische Psychiatrie wieder „sehr en
vogue“ sei. „Es wird viel geforscht. Man sucht zurzeit sehr nach
biologischen Ursachen [4][für die seelische Krankheit]. Aber das, was man
gefunden hat, sind nur die Folgen der Anspannung, nicht die Ursache.“
Wichtig sei es, „gesellschaftliche Probleme zu sehen“. Sie sagt: „Das kann
nicht die Psychiatrie alleine machen.“
Alter: Jetzt im Alter lerne sie, selbst Hilfe anzunehmen. Das sei nicht
einfach: „Es ist leichter zu helfen, als um Hilfe zu bitten.“ Wenn man sie
nach dem Gespräch fragt, ob man ihr beim Abräumen der Teller helfen könne,
dann trägt sie das Tablett mit dem Geschirr schnell selbst in die Küche.
2 Aug 2026
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(DIR) [1] https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychiatrie-reform-auf-halbem-weg-stecken-geblieben-94632ee0-db88-47a8-802e-5d46cd897401
(DIR) [2] /Regisseurin-ueber-Serie-Holocaust/!5559358
(DIR) [3] /Behindertenfeindlichkeit-der-AfD/!6178792
(DIR) [4] /Depressionen-Angststoerungen-und-Co/!6185714
## AUTOREN
(DIR) Lea De Gregorio
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