# taz.de -- Taube Geflüchtete: Unsichtbar in einer hörenden Welt
       
       > Wer taub ist und fliehen musste, kämpft mit einer doppelten
       > Benachteiligung. Beim Stammtisch in einem Leipziger Späti unterstützt man
       > sich gegenseitig.
       
 (IMG) Bild: Viele taube* Geflüchtete müssen erstmal die deutsche Gebärdensprache lernen. Dieses Zeichen heißt Dolmetscher
       
       „Makan“, Arabisch für Raum, steht in geschwungener Schrift über der Tür des
       Spätis im Leipziger Osten. Für einen Freitag ist noch wenig los. Nanke
       Maart schaut auf ihr Handy: 18 Uhr. Sie rückt ein paar Stühle zusammen,
       dann setzt sie sich auf die Fensterbank. Von hier aus hat Maart den ganzen
       Raum im Blick – eine zusammengewürfelte Einrichtung aus Vintagelampen,
       zerknautschten Wohnzimmermöbeln und gestapelten Bierkästen.
       
       Die Glastür des Ladens schwingt auf, ein leichter Luftzug: Menschen trudeln
       ein. Anfangs sind es fünf, dann immer mehr. Zwischen 20 und 60 Personen
       kommen zum monatlichen Stammtisch des Leipziger Gebärdensprachvereins. „Es
       reisen sogar einige aus anderen Städten wie Berlin, Dresden oder kleineren
       umliegenden Städten an“, sagt Maart. Sie ist Mitglied im Verein,
       organisiert mit anderen den Stammtisch und ist Dolmetscherin für deutsche
       Gebärdensprache (DGS).
       
       Erneut öffnet sich die Tür: Ahmad Farouk und Fatima Saad treten ein und
       winken in die Runde. Dann legen sie den Zeigefinger ans Ohr und ans Kinn,
       um zu fragen: „Hörend oder nicht hörend?“
       
       Nach ihrer Flucht lernten sie sich in Leipzig kennen und sind heute ein
       Paar. Beim Gebärdensprachstammtisch im Makan können sie sich vernetzen.
       Etwas, das für sie im Alltag sonst kaum möglich ist. Eigentlich heißen die
       beiden anders. In diesem Text wollen sie aber unter Pseudonymen auftreten.
       
       Taube Geflüchtete sind praktisch unsichtbar 
       
       Wie viele taube* Geflüchtete in Deutschland leben, ist unklar. Das
       bundesweite Netzwerk [1][Deaf Refugees] geht von 10.000 bis 12.000 Personen
       aus – offizielle Zahlen gibt es nicht. Denn weder Taubheit noch andere
       Behinderungen werden im Asylverfahren systematisch erfasst. Dass Personen
       taub sind, wird deshalb oft nicht erkannt oder fehlinterpretiert.
       
       Wenn Taubheit nicht registriert wird, sind die Bedürfnisse tauber
       Geflüchteter unsichtbar, sagt Clara Belz, Flüchtlingsbeauftragte des
       Gehörlosenverbands Berlin. Belz berät Geflüchtete und übersetzt
       ehrenamtlich als taube Person von deutscher in ukrainische Gebärdensprache.
       Sie fordert, bei der Registrierung von Geflüchteten ein Ankreuzfeld für
       Taubheit einzuführen.
       
       Schließlich verpflichtet sich Deutschland mit der unterschriebenen
       [2][UN-Behindertenrechtskonvention], Gleichberechtigung, Selbstbestimmung
       und Teilhabe für Menschen mit Behinderung zu gewähren. Wie weit die
       Realität davon entfernt ist, erleben Ahmad Farouk und Fatima Saad
       tagtäglich.
       
       Kommunikation wird zur täglichen Herausforderung 
       
       „Ich saß in Dresden allein als taube Person im Sprachkurs für Hörende, aber
       mein Gehör funktioniert ja gar nicht“, erinnert sich Ahmad Farouk. Wie
       viele taube Geflüchtete konnte er anfangs nur die Gebärdensprache seines
       Heimatlandes. Durch Zufall erfuhr er von einem Dozenten in Leipzig, der DGS
       als Zweitsprache unterrichtet.
       
       „Er hat zum Beispiel auf einen Gegenstand gezeigt, uns gefragt, wie wir das
       gebärden und uns dann die deutsche Gebärde vorgemacht“, erzählt Ahmad
       Farouk. Fatima Saad belegte den gleichen Kurs, obwohl sie zunächst in
       Borna, südlich von Leipzig, wohnte. Wie viele musste sie daher pendeln.
       Denn Dozent*innen, die tauben Geflüchteten DGS beibringen, sind eine
       Seltenheit.
       
       Während die Betroffenen oft jahrelang auf einen Kursplatz warten,
       verstreicht wertvolle Zeit. „Solange sind sie isoliert, haben unter
       Umständen gar keine Kontakte und erhalten auch keine Informationen in
       Gebärdensprache“, betont Dolmetscherin Maart. „Eine bedarfsgerechte
       Versorgung sieht definitiv anders aus.“ Das liege auch an der Verteilung
       tauber Geflüchteter.
       
       Das Problem der Verteilungspraxis 
       
       Wer in Deutschland Asyl beantragt, wird nach dem sogenannten Königsteiner
       Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, der sich nach Steueraufkommen und
       Bevölkerungszahl richtet. Innerhalb der Länder koordinieren die
       Landesbehörden die Verteilung auf Landkreise und Gemeinden.
       
       In Sachsen ist die Landesdirektion zuständig und betont, dass sie an die
       Quoten gebunden ist. Bedarfe tauber Geflüchteter würden jedoch beachtet,
       man stehe dazu im Austausch mit dem Stadtverband der Gehörlosen Dresden.
       Der Verband entgegnet, dass seine Expertise trotzdem nicht berücksichtigt
       worden sei. Weiterhin seien Personen auf Landkreise verteilt worden – mit
       der Begründung, dass die Gruppe tauber Geflüchteter „zu klein“ sei.
       
       Dass Fatima Saad für ihren [3][Sprachkurs] regelmäßig pendeln musste, lag
       auch an ihrer Verteilung auf einen Landkreis. Denn Angebote für taube
       Geflüchtete konzentrieren sich auf Großstädte, erklärt Clara Belz vom
       Gehörlosenverband. Wer auf Landkreise verteilt wird, sei etwa auf lange
       Wege angewiesen oder sozial isoliert.
       
       Umso wichtiger ist der Stammtisch für taube Personen im Makan-Späti. Der
       Stuhlkreis ist mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt. Ahmad Farouk
       scheint viele zu kennen – ein kräftiger Händedruck hier, eine Umarmung
       dort. Zwischen gestapelten Getränkekisten balanciert eine Mitarbeiterin des
       Spätis dampfendes Essen. Fatima Saads Augen glänzen: „Dieser Geruch, Reis
       mit Hähnchen – köstlich! Genau wie zu Hause.“ Doch sobald die beiden den
       Makan-Späti verlassen, sind sie wieder auf sich allein gestellt.
       
       „Ohne Dolmetschende falle ich ständig auf die Schnauze“
       
       Um sich im Alltag verständigen zu können, sind taube Geflüchtete auf
       Dolmetschende angewiesen. Nach dem sächsischen Inklusionsgesetz haben sie
       das Recht, mit Landesbehörden in deutscher Gebärdensprache zu
       kommunizieren. Auf kommunaler Ebene gilt das Gesetz aber nicht, da kommt es
       auf die Behörden an. Und die meisten sind nach der Erfahrung von
       Dolmetscherin Maart gehemmt oder sträuben sich, Dolmetschende zu
       beauftragen. So müssen Betroffene häufig selbst aktiv werden: „Wenn ich mit
       einer hörenden Person reden will, muss immer ich Dolmetschende
       organisieren“, sagt Ahmad Farouk.
       
       Ein weiteres Problem: Es gibt zu wenige. Ahmad Farouk und Fatima Saad
       erzählen, dass Dolmetschende oft schon Wochen im Voraus ausgebucht sind.
       Das sächsische Sozialministerium bestätigt auf Anfrage der taz diesen
       Mangel. Der Bedarf an Leistungen sei in den vergangenen Jahren
       kontinuierlich gestiegen, das Angebot an Dolmetschenden aber nicht
       gleichmäßig mitgewachsen.
       
       Für die Betroffenen kann das gravierende Folgen haben. „In allen
       Situationen, wo ich allein bin, ohne Dolmetschende, falle ich ständig auf
       die Schnauze“, sagt Ahmad Farouk. Der Gehörlosenverband berichtet von
       Fällen, in denen taube Geflüchtete wegen fehlender Verdolmetschung kurz vor
       einer Abschiebung gestanden hätten – obwohl sie die Voraussetzungen für ein
       Bleiberecht erfüllten.
       
       Behinderungsgrad von 100 verwehrt 
       
       Während der Mangel an Dolmetschenden auch taube Deutsche betrifft, werden
       taube Geflüchtete bei der Anerkennung ihrer Behinderung oft zusätzlich
       benachteiligt. So wurden bei Ahmad Farouk und Fatima Saad nur ein
       Behinderungsgrad (GdB) von 80 anerkannt. Damit haben sie Anspruch auf
       bestimmte Dolmetschleistungen, aber nicht auf das monatliche Gehörlosengeld
       von 150 Euro.
       
       Dieses Gehörlosengeld soll Nachteile ausgleichen, die durch die Behinderung
       verursacht werden. Ahmad Farouk nennt als Beispiel einen Autoschaden: „Wenn
       der Motor mal defekt ist, höre ich das nicht. Ich fahre weiter und bei der
       Reparatur heißt es: Totalschaden. Taube sind dann wie die Blöden.“
       
       Seit acht Jahren setzt er juristisch alle Hebel in Gang, um auf den vollen
       GdB zu kommen. Bislang ohne Erfolg. „Taube aus Deutschland haben meistens
       100 Grad und ich fühle mich da ungerecht behandelt“, sagt Farouk. Für einen
       höheren GdB scheitert es an Nachweisen. Das in Leipzig zuständige Sozialamt
       erklärt, dass Antragstellende nach dem sächsischen Landesblindengeldgesetz
       belegen müssen, dass sie vor dem siebten Lebensjahr ertaubt sind. Genau das
       ist für Geflüchtete aber häufig nicht möglich.
       
       So auch bei Ahmad Farouk und Fatima Saad, denen aus ihrer Heimat keine
       entsprechenden Unterlagen vorliegen. Für taube Deutsche hingegen ist es
       einfacher, Nachweise zu organisieren. Letztendlich hängt die Anerkennung
       des GdBs aber auch bei ihnen vom zuständigen Sozialamt ab.
       
       Nanke Maart vom Leipziger Gebärdensprachverein fordert eine
       Ausnahmeregelung für taube Geflüchtete: „Wenn Ämter Dokumente verlangen,
       von denen klar ist, dass diese nie ausgestellt wurden oder aus Ländern im
       Krieg nicht beschafft werden können, wird am Ende Geld zu Lasten tauber
       Geflüchteter gespart.“
       
       Ohne Lobby, aber nicht allein 
       
       Für Maart ist diese Benachteiligung Ausdruck eines strukturellen Problems.
       „Die absolute Unwissenheit über den Umgang mit tauben Menschen macht
       eigentlich jede Situation zu einer Diskriminierung“, sagt sie und fordert
       mehr Menschen mit Fachwissen in Entscheidungspositionen.
       
       Der Stadtverband der Gehörlosen Dresden sieht auch die
       Mehrheitsgesellschaft in der Verantwortung: „Es ist schwierig für unsere
       Community, in der privilegierten Gesellschaft des Hörens Gehör zu finden,
       weshalb wir auf Allies angewiesen sind.“
       
       Der Stammtisch im Makan-Späti ist deshalb auch offen für Hörende. Ahmad
       Farouk und Fatima Saad freuen sich, mit Menschen aus der hörenden Welt in
       Kontakt zu kommen – mal mit Dolmetscher*in, mal mit Blickkontakt, gängigen
       Gebärden und Zeigen auf Gegenstände. So entstehen Gespräche auch ohne
       gemeinsame Sprache.
       
       *Wir verwenden den Begriff „taub“ statt „gehörlos“, weil taub von vielen
       Menschen aus der Community als Selbstbezeichnung genutzt wird. Der Begriff
       betont nicht nur den Hörstatus, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer
       sprachlichen und kulturellen Gemeinschaft. 
       
       Transparenzhinweis, 03.08.2026: Wegen eines redaktionellen Fehlers haben
       wir zunächst ein unpassendes Bild verwendet. Außerdem haben wir
       nachträglich zwei Fehler im Text korrigiert.
       
       31 Jul 2026
       
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