# taz.de -- Migrationspolitik der Bundesregierung: Fünf unschuldige Afghanen in Abschiebehaft
> Die Bundesregierung will bald wohl auch Männer ohne Vorstrafen nach
> Afghanistan abschieben. Kandidaten gibt es schon, wie Recherchen der taz
> zeigen.
(IMG) Bild: Derzeit sitzen mindestens fünf Afghanen in Abschiebehaft, die keine Straftäter oder Gefährder sind
Die Bundesregierung plant erstmals seit Jahren, nichtvorbestrafte Afghanen
in ihr krisengeschütteltes Heimatland abzuschieben. Eine Umfrage der taz
unter den Flüchtlingsräten aller Bundesländer zeigt, dass derzeit
mindestens fünf Afghanen in Abschiebehaft sitzen, die keine Straftäter oder
Gefährder sind. Die zuständigen Landesinnenministerien rücken keine Zahlen
dazu heraus.
Nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban in Afghanistan 2021
hatte Deutschland über Jahre gar nicht in das zentralasiatische Land
abgeschoben. Zu groß das Elend, zu hart die Unterdrückung dort. Der
deutsche Kurs änderte sich im Herbst 2024, als die damalige Ampelkoalition
erstmals wieder Afghanen in ihr Heimatland zurückzwang, damals waren aber
ausschließlich verurteilte Straftäter und Gefährder betroffen.
Das Gleiche [1][tat bisher auch die schwarz-rote Bundesregierung],
wenngleich deren Koalitionsvertrag bereits andeutete, man wolle die Praxis
künftig auch auf Nichtstraftäter und -Gefährder auszuweiten. Zuletzt hatte
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) [2][eine Art
Abschiebe-Flatrate] mit den Taliban ausgehandelt und im Gegenzug weitere
Diplomaten der Islamisten einreisen lassen.
Von den bundesweit fünf nichtvorbestraften Afghanen, die nun offenbar für
eine Abschiebung vorgesehen sind, befinden sich laut den Flüchtlingsräten
vier in Bayern in Haft. Dazu kommt noch ein weiterer afghanischer Mann, der
in Hessen einsitzt. Ein sechster Mann saß zwischenzeitlich in einem
niedersächsischen Abschiebegefängnis, wurde am Dienstag allerdings
freigelassen, wie der dortige Flüchtlingsrat mitteilte. Grund dafür sei,
dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) einen Bescheid
fälschlich zugestellt hatte.
Die Fälle scheinen einem Muster zu entsprechen. Die Betroffenen sind
offenbar unabhängig voneinander ins Visier der Bundespolizei geraten,
nachdem sie zwischenzeitlich aus Deutschland ausgereist waren. Zwei von
ihnen wurden demnach als sogenannte Dublin-Fälle nach Deutschland
zurückgeschoben. Die anderen wurden teils bei der eigenständigen
Wiedereinreise nach Deutschland von der Bundespolizei aufgegriffen.
## 350.000 Euro für einen Flug
Einen Automatismus, dass in solchen Situationen – die regelmäßig vorkommen
– eine Abschiebung folgt, gibt es nicht. Stattdessen spricht viel dafür,
dass sich der Umgang der Bundespolizei mit Afghanen in solchen Fällen
während der letzten Wochen deutlich geändert hat. Auf Anfrage der taz
streitet das Bundesinnenministerium das ab.
Wie sehr das Ministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) bei dem Thema
mauert, zeigt auch die Antwort auf eine Kleine Anfrage der
Linken-Abgeordneten Clara Bünger. Bünger, die auch innenpolitische
Sprecherin ihrer Fraktion ist, wollte insbesondere Details zu den
Anhörungen herausbekommen, die die deutschen Behörden in den afghanischen
Auslandsvertretungen durchführen. Dabei werden Abzuschiebende von
Vertretern der Taliban in Augenschein genommen und so ihre Identität
geklärt. Dass Deutschland die Abgesandten der Islamisten überhaupt ins Land
gelassen hat, hatte bei Menschrechtler*innen Entsetzen ausgelöst.
Auf zahlreiche Fragen Büngers dazu antwortet die Bundesregierung nun
ausweichend oder verweigert die Antwort gleich ganz mit Verweis auf
„Interessen des Staatswohls“. Bünger dazu: „Wesentliche Informationen, die
die Zusammenarbeit deutscher Behörden mit den Taliban betreffen, werden
entweder eingestuft oder komplett unter Verschluss gehalten.“
Einige neue Details nennt das Bundesinnenministerium aber immerhin zu den
Abschiebungen selbst. So gibt es erstmals eine Zahl für die
Einzelabschiebungen, die neben den großen Charterflügen immer wieder per
Linienflug stattfinden. Demnach wurden dieses Jahr insgesamt zehn Personen
in solchen Einzelaktionen nach Afghanistan zurückgezwungen.
Außerdem geht aus der Antwort hervor, wie groß der Aufwand für die
Charterflüge ist, bei denen im laufenden Jahr bisher 77 Afghanen
abgeschoben wurden. Beim letzten derartigen Flug Mitte Juni waren 92
Bundespolizist*innen im Einsatz, die Kosten für die Aktion lagen bei
über 350.000 Euro.
8 Jul 2026
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