# taz.de -- Hamburger Alkoholverbotszone ausgeweitet: Verdrängung statt Hilfe
> Die Alkoholverbotszone am Hamburger Hauptbahnhof wird vergrößert.
> Straßensozialarbeiter:innen warnen, dass ihre Arbeit so
> unmöglich wird.
(IMG) Bild: Für viele Besucher schockierend: Drogenszene am Hamburger ZOB
Gefahrenort, Brennpunkt, Endstation: Der Hamburger Hauptbahnhof wird in
viele Schreckensgewänder gekleidet und ist als Schmelztiegel der
Gesellschaft immer wieder Anlass für politische Diskussionen und neue
Vorschriften. So auch jetzt: Ab August soll jetzt die Alkoholverbotszone im
und rund um den Bahnhof verdreifacht werden.
Menschen, die ihre Tage im Bahnhofsviertel verbringen, auf der Straße leben
und [1][suchtkrank] sind, können sich also ab August nicht mehr dort
aufhalten, ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Künftig gilt das Verbot
auch auf dem Hansaplatz, vom Anfang des Steindamms fast bis zum U-Bahnhof
Lohmühlenstraße und auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB). Die Ausgehmeile
Lange Reihe bleibt ausgenommen.
Bislang war es nur im direkten Umfeld des Hauptbahnhofs und im Gebäude
selbst verboten, Alkohol zu trinken. Der Hamburger Senat hoffte auf diese
Weise, Gewalt, [2][Drogenkriminalität], Ordnungsstörungen und das
Unsicherheitsgefühl im öffentlichen Raum zu reduzieren.
In der Pressemitteilung des Senats heißt es, bereits das jetzige
Alkoholverbot am Hauptbahnhof habe Wirkung gezeigt. Die [3][Straftaten im
Stadtteil St. Georg], in dem der Hamburger Hauptbahnhof liegt, seien im
letzten Jahr um 5,9 Prozent gesunken. Auf taz-Anfrage schreibt die
Innenbehörde jedoch, dass die Belastung für die Anwohnenden im erweiterten
Umfeld des Hauptbahnhofs weiterhin hoch sei und es zu einer Vielzahl von
Straftaten unter Alkoholeinfluss komme.
## Soziale Arbeit lebt vom Vertrauen
Deniz Çelik, innenpolitischer Sprecher der Linksfraktion in der
Bürgerschaft, kritisiert das scharf: „Der Senat weitet seine Verbotspolitik
aus und verkauft Verdrängung als Sicherheit und die Ärmsten in dieser Stadt
werden kriminalisiert.“
Auch die Diakonie Hamburg, die mit der Bahnhofsmission oft erste
Ansprechpartnerin für suchtkranke und obdachlose Menschen am Hauptbahnhof
ist, warnt vor einer Ausweitung der Alkoholkonsumverbotszone: „Unsere
Straßensozialarbeitenden haben mir immer wieder davon berichtet, dass sie
ihre Klient:innen schon jetzt nicht mehr an ihren [4][angestammten
Plätzen angetroffen] haben“, sagt Peter Ogon vom Diakonie-Hilfswerk in
Hamburg.
Weiter mahnt er, Sozialarbeit lebe davon, dass Kontakt hergestellt und
Vertrauen aufgebaut werden könne. Wenn Menschen im öffentlichen Raum keinen
Ort fänden, an dem sie sein dürften, sei soziale Arbeit nicht möglich.
Die Sozialbehörde sagt auf taz-Anfrage: „Wir erwarten nicht, dass die
Ausweitung der Alkoholkonsumverbotszone lediglich zu einer Verlagerung der
Problemlagen führt.“ Die Maßnahme sei Teil eines Gesamtkonzepts aus
Sicherheit, Suchthilfe und sozialer Unterstützung, koordiniert durch einen
[5][Social Hub].
Der Social Hub soll die Hamburger Straßensozialarbeit neu ausrichten und
als Schnittstelle aller Akteure am Hauptbahnhof agieren. Er soll also
[6][Suchtberatung], Jobcenter, DB-Sicherheit, Bezirksamt-Mitte und
Straßensozialarbeit koordinieren.
Was zunächst wie ein sinnvoller Gedanke wirkt, bietet Behörden gleichzeitig
die Möglichkeit, in Straßensozialarbeit einzugreifen und sie für
ordnungspolitische Ziele zu instrumentalisieren. In einer Stellungnahme aus
dem August 2025 warnen die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streetwork und
der Verein Mobile Jugendarbeit: „Dies ist eine Verschiebung vom Recht auf
Hilfe zur Pflicht zur Veränderung. Sie rückt Straßensozialarbeit in die
Nähe von Kontrolle und Disziplinierung.“
Die frisch aufgepustete Alkoholverbotszone und der Social Hub sind aber nur
Teil eines Rundumschlages des Hamburger Senats. Ein ganzes Maßnahmenpaket
soll die Lage am Hauptbahnhof verändern. Ein zusätzlicher restriktiver
Hebel ist die Koordinierungsstelle von Polizei Hamburg, [7][Amt für
Migration] und Bundespolizei (Kostars), die ihre Arbeit bereits im November
vergangenen Jahres aufgenommen hat.
Ziel von Kostars ist es, sogenannte „besonders auffällige Ordnungsstörer“
und Straftäter ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland auszuweisen. Welches
Verhalten eine Person genau zu einem „besonders auffälligen Ordnungsstörer“
macht, bleibt unklar.
## Mehr Abschiebungen zu erwarten
Der Konsum von Alkohol am Hauptbahnhof wird meist mit einer Ordnungsstrafe
von 40 bis 200 Euro geahndet. Kommt eine Person einem Platzverweis nicht
nach, kann das als Hausfriedensbruch gewertet werden und gilt als Straftat.
Passierte dies häufiger, würde man sich den Regelungen der Kostars nach
bereits als „besonders auffälliger Ordnungsstörer“ qualifizieren.
Wenn jetzt also die Fläche zunimmt, auf der der Konsum von Alkohol
Ordnungsstrafen und [8][Platzverweise] nach sich ziehen kann, könnte auch
die Zahl der potenziellen Verurteilungen und Rückführungen steigen. Seit
November 2025 wurden durch Kostars bereits 30 Straftäter und sogenannte
Ordnungsstörer aus dem Bereich Hauptbahnhof und St. Georg [9][abgeschoben].
Auch die [10][KI-gestützte Kameraüberwachung] des Hachmann- und
Hansaplatzes soll von 16 auf 28 Kameras aufgestockt werden. Die Kameras
zeichnen bereits seit Juni 2025 Menschen auf und verwandeln ihre Bilder in
Strichmännchen. Deren Bewegungen werden dann live auf verdächtiges
Verhalten hin analysiert. Meint die KI eine potenzielle Straftat zu
erkennen, löst sie Alarm aus.
Auf taz-Anfrage schreibt die Innenbehörde, es habe während der mehr als 365
aufgezeichneten Tage lediglich 18 polizeilich relevante Auslösungen
gegeben. Die Zahl der tatsächlichen Verurteilungen werde im Rahmen des
Projekts nicht erhoben. Trotzdem wird die Anzahl der Kameras nun fast
verdoppelt.
Alkoholverbotszonen gibt es auch in anderen Städten. In Freiburg hatte
schon 2009 ein [11][Jura-Doktorand gegen das Verbot geklagt] und gewonnen.
Die Begründung: Dieser Eingriff in die Freiheitsrechte müsse voraussetzen,
dass jeder, der Alkohol trinkt, auch gewaltbereit ist. Da das natürlich
nicht der Fall sei, habe das Gesetz keinen Bestand.
9 Jul 2026
## LINKS
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(DIR) [7] /Rassismus-im-Hamburger-Amt-fuer-Migration/!6155686
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(DIR) [10] /Kuenstliche-Intelligenz-im-Einsatz/!6099559
(DIR) [11] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/freiburg-wie-ein-doktorand-das-alkoholverbot-kippte-a-638879.html
## AUTOREN
(DIR) Nele Rebentisch
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