# taz.de -- Internationaler Literaturpreis des HKW: Weine nicht, Mama, ich werde über alles schreiben
> András Visky und Übersetzerin Timea Tankó erhalten den Internationalen
> Literaturpreis. Verliehen wird er vom Haus der Kulturen der Welt in
> Berlin.
(IMG) Bild: Autor András Visky und Übersetzerin Timea Tankó sind die Gewiner:innen des Internationalen Literaturpreises des Berliner HKW
Während draußen der Wind die Wolken über den Himmel fegt, wird drinnen über
Gewalt gesprochen. Die Stimmung ist dennoch nicht bedrückt, und sollte sie
es doch einmal werden, heitert die Musik von Saliou Cissokho wieder auf. Im
Haus der Kulturen der Welt wird das Publikum am 3. Juli durch literarische
Welten geführt. Anlass ist die achtzehnte Verleihung [1][des
Internationalen Literaturpreises]. Das Besondere an ihm: der Preis geht an
die Autor:innen und die Übersetzer:innen.
Den Auftakt macht Safae el Khannoussi. In „Oroppa“ (Anspielung auf Europa)
schreibt sie auf Niederländisch über Migration. Sie konzentriert sich auf
die Ränder der nordafrikanischen Diaspora, die oft „zum Stillschweigen
verdammt“ sind. Stefanie Ochel übersetzt: „Salomé Abergel kreischte sich
ins Leben zurück. Sie war nicht mehr in Amsterdam, aber wo war sie dann?“
Stellen wie diese wecken die Neugier aufs Weiterhören und Lesen.
„Das Gewicht der anderen“ von Bahram Moradi (aus Farsi übersetzt von Sarah
Rauchfuß) beginnt zwei Jahre nach der iranischen Revolution. Auf über 400
Seiten entfaltet sich ein Geflecht albtraumhafter Erinnerungen. Im Zentrum
steht ein Mann, der als Jugendlicher einen Großteil seiner Zeit im
Gefängnis verbrachte. Der Roman arbeitet mit Zeitsprüngen, assoziativem und
dissoziativem Erinnern sowie einem Stimmenwechsel zwischen dem 13- und dem
40-jährigen Ich des Erzählers. In Momenten erlebter Folter wird die Sprache
brüchig: „Ich kam von der Toilette zurückgerutscht, wie ich reingerutscht
war.“
## Wenn die Bomben fielen
Keine leichte Kost ist auch „Eddos Goldenes Lächeln“, übersetzt von Larissa
Bender. Geschrieben von der Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin
Stella Gaitano. Die darin verhandelte Geschichte beginnt im Südsudan. Sie
erzählt unter anderem von der Flucht vor dem Krieg nach Khartum und dem
versuchten Ankommen in der neuen Heimat. Dabei ergibt sich ein besonderer
Blick auf Migration in Sätzen wie diesem: „Es gab keine Gräber hier.
Offenbar starben die Leute hier nicht. Das war gut.“
Auch „Der brennende Garten“, überliefert von Sophie Zeitz, handelt vom
Krieg, hier in Sri Lanka. V.V. Ganeshananthan schrieb fast 20 Jahre an
ihrem Buch. „Wenn die Bomben fielen, hörten wir die kleinen Kinder in der
Nachbarschaft schreien. Meine Mutter schrie schon längst nicht mehr und
dafür war ich dankbar.“ Der starke Sog der Geschichte wird bereits zu
Beginn deutlich: „I recently sent a letter to a terrorist I used to know.“
Beim darauffolgenden Auftritt von András Visky ist der Applaus besonders
laut. Ob das Publikum bereits etwas ahnt? An seinem Buch „Die Aussiedlung“,
übersetzt von Timea Tankó aus dem Ungarischen, arbeitete Visky 17 Jahre.
Vielleicht auch ein ganzes Leben. Das Buch enthält 822 Prosaminiaturen,
durchnominiert wie Bibelverse. Es erzählt von seinem Leben mit Familie im
Gulag.
Wenn Visky erzählt, stockt einem kurz der Atem. Wenn er seine Mutter weinen
sieht, sagt er: „Weine nicht, Mama.“ Denn er „werde über alles schreiben,
wenn die Zeit gekommen ist“. Das Erscheinen des Buchs erlebte sie jedoch
nicht mehr. „Aber ich glaube, sie weiß davon und hat es gelesen“, sagt
Visky.
## Von Gefangenen habe er Lesen und Schreiben gelernt
„Blutkreislauf“, das letzte vorgestellte Werk, ist ein Gedichtband der
belarussischen Schriftstellerin und Exilantin Julia Cimafiejeva, übersetzt
von Tina Wünschmann. Er handelt von der Familiengeschichte der Autorin und
steht stellvertretend für das Schweigen der belarussischen Gesellschaft:
„Ich flechte meine Geschichte aus Lumpen, aus Lappen, aus Schweigen, aus
Schweigen, aus Schweigen.“
Ein solches Schweigen, wenn auch ein aufgeregtes, herrscht nun im Saal, als
der Gewinner des Preises endlich verkündet wird. Die Sprache sei von Gott,
heißt es, eine Anspielung auf das Werk Viskys, der mit seiner Übersetzerin
den Preis erhält, unter anderem für die außergewöhnliche Sprache, das
gelungene Porträtieren von Zerbrechlichkeit und gleichzeitiger
Bindungskraft zwischen Menschen. Von Gefangenen habe er Lesen und Schreiben
gelernt, sagt der Preisträger.
In Stille, die in Kontrast zu dem sonst so gesprächigen Abend steht, werden
Blumen an alle Autor:innen und Übersetzer:innen überreicht, die eine
beeindruckende Vielfalt von Sprachen, Geschichten und oft überhörten
Stimmen sichtbar machten.
5 Jul 2026
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(DIR) Rahel Bueb
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