# taz.de -- Tagebuch-Lesung in der Fahimi-Bar Berlin: Hirnwindungen eines Geisteswissenschaftlers
       
       > In „Knister“ hat Autor Christoph Narholz aus Jahrzehnten von Notizen ein
       > Jahr destilliert. Bei einer Berliner Lesung wurde wildes Denken
       > anschaulich.
       
 (IMG) Bild: Autor Christoph Narholz liest in der Fahimi-Bar in Berlin-Kreuzberg
       
       Alles belebt ein diesiger Schleier an diesem Dienstagabend in der
       Fahimi-Bar in Berlin-Kreuzberg. Draußen versinkt die Hochbahn im Dunst der
       Stadtausscheidungen von Menschen, Tieren und Maschinen und hier, drinnen im
       ersten Stock, da dampfen schon die Zigaretten, die Lüftung pfeift, Tropfen
       rinnen die Stirn entlang und das Glas herunter.
       
       Nur Christoph Narholz scheint intakt. Aufrecht sitzt der Autor im
       fleckenlosen Hemd auf der kleinen Bühne, um sein neues Buch vorzustellen:
       „Knister“. Aus mehr als drei Jahrzehnten händisch geschriebener Notizbücher
       editierte Narholz hierfür jeden Tag einen Eintrag zusammen „Ein Jahr aus
       Allen“ so der Beititel. 365 Notizen auf 517 Seiten. „Das kleine Mädchen
       betastet das geparkte Motorrad mit einer schönen Neugier, die noch nichts
       vom Angebergehabe und erwachsenen Gebrauch dieser Maschine weiß“, heißt es
       da beispielsweise am 3. Juli 2010.
       
       Alltägliches, Beobachtungen, Fragmente, Dokumente, Politisches,
       Kommentierendes, Privates sammelte Narholz in dem weich gebundenen
       Schinken, allerdings mit einem sogenannten „Dezenzfilter, als Schonung der
       Lebenden“, wie der Autor im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Johannes
       Ullmaier verrät. Abwechselnd lesen die beiden Notizen, Narholz kommentiert
       sie im Anschluss, verrät, wie nah er sich beispielsweise Roland Barthes
       fühle, sich zumindest eng identifiziere mit dem „Begehren zu schreiben“.
       
       ## Werkzeug für lose Gedanken
       
       Notizen sind keine narrative Literatur, aber eben auch kein Tagebuch. Sie
       sind ein Werkzeug für lose Gedanken, für kleine Formen der Neugierde. Und
       so bereitet es große Freude den Hirn- und Lebenswindungen des Autors und
       Geisteswissenschaftlers zu folgen.
       
       „Knister“ ist ein Buch-Buch, ein Werk für Menschen mit Freude an
       intellektuellen Neurosen und Toleranz für die Nischen, den Snobismus und
       das Abseitige – auch in der Theorie. Zitiert wird viel, nicht immer
       nachvollziehbar, aber meist unterhaltsam. Narholz ist ein wilder Denker,
       einer, der diesen anscheinend strömenden Überfluss beständig teilen muss:
       30. Dezember 2022: „Platons Ideenhimmel ist [1][so ausgedacht wie Freuds
       Triebhölle]. Da ‚ist‘ nichts, weder oben noch unten. Die Wahrheit: Denke
       so, wie ein Tier denken würde, könnte es das tun – immer erwachend, immer
       in der Drift der Sinne, Metabolismen, Ströme und Chemien, immer über sich
       selbst erstaunt.“
       
       Folgt man den schwül gemurmelten Worten hinterm Mikrofon, den
       ameisenartigen Zeichenströmen in Narholz’ neuem Buch, die sich zu Tagen,
       Jahrzehnten, einem Jahr zusammenfügen, dann erliegt man schnell dem
       meditativen Sog des filterlosen Zuhörens. Und wenn man daraus erwacht, ist
       man ganz schön erstaunt, dass es solche Bücher noch gibt.
       
       2 Jul 2026
       
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