# taz.de -- Garten für Geflüchtete auf Lesbos: Gedeihen im Transit
       
       > Der Garten von Paréa auf Lesbos ist für Geflüchtete ein Ort der Begegnung
       > und kurzen Entlastung, während nebenan das EU-Lager den Alltag bestimmt.
       
 (IMG) Bild: „Egal, aus welchem Land die Menschen kommen, irgendwer ist immer dabei, der Ahnung vom Gärtnern hat“, sagt Mohamed Ayash
       
       Ein sauberer Schnitt, dann noch einer. „Ein ordentlicher Gemüsegarten
       braucht Zeit“, sagt Mohamed Ayash. Der 28-jährige Palästinenser aus
       al-Zawaida, einer Stadt im Gazastreifen, sammelt verwelkte Blätter ein und
       schmeißt sie in eine Box. Die Tomaten werden gerade reif, rot und glänzend
       hängen sie an den Pflanzen, die in zwei Reihen in einem Beet stehen. Der
       Garten ist ein Gemeinschaftsgarten auf der griechischen Insel Lesbos,
       betrieben von der NGO Europe Cares. Ayash ist der Chefgärtner, er
       koordiniert das Projekt.
       
       Ayash ist groß, wenn er sich unter den Olivenbaum setzen will, muss er
       unter den Ästen den Kopf einziehen. Er weiß noch genau, wann er nach Lesbos
       gekommen ist, das war am 17. Juli 2023.
       
       Sehr schnell kam er nach Paréa und sah den Gemeinschaftsgarten. „Der Garten
       erinnerte mich daran, wie ich zu Hause mit meinem Vater gearbeitet habe –
       wir hatten auch Olivenbäume.“ Mohamed Ayash trägt einen breitkrempigen Hut,
       eine dunkel getönte Sonnenbrille und ein langärmeliges Shirt, um sich vor
       der stechenden Sonne zu schützen. Damals beobachtete er die Arbeit
       aufmerksam. „Einiges sah irgendwie ungewohnt aus, ich hätte es anders
       gemacht.“ Ayash fragte, ob er mithelfen könne. „Und sie haben sich
       gefreut.“ Also begann er, beim Beschneiden der Bäume zu helfen.
       
       Das Gemeinschaftszentrum Paréa mitsamt seinem Gartenprojekt ist auf Lesbos
       ein Anlaufpunkt für Menschen auf der Flucht, die auf der Durchreise sind.
       Die meisten erreichen die griechische Insel aus Afghanistan, viele fliehen
       auch aus den Bürgerkriegsländern Sudan und Jemen. Von der türkischen Küste
       sind es auf kürzestem Wege nur rund 9 Seemeilen, etwa 17 Kilometer, bis
       nach Lesbos, bis nach Europa. Knapp ein Drittel der in Griechenland
       registrierten Geflüchteten kommt auf Lesbos an.
       
       [1][Laut dem Monitoring des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind die Zahlen
       zuletzt eher rückläufig]. 2025 kamen knapp 41.700 Menschen über das Meer
       nach Lesbos. Bis Mitte Juli dieses Jahres waren es im Vergleich erst rund
       13.500. Das hängt mit einer schärferen Grenzpolitik der EU zusammen.
       Berichte über Pushbacks auf See haben zugenommen.
       
       ## Wasser
       
       Vom Gemeinschaftsgarten aus kann man das Mittelmeer sehen. Jede Nacht ist
       die Küstenwache dort unterwegs auf der Suche nach Geflüchteten ohne gültige
       Papiere. Zwischen dem Meer und der Straße, die häufig von Autos der
       europäischen [2][Grenzsicherungsagentur Frontex] befahren wird, steht ein
       sogenanntes Closed Control Access Centre, kurz CCAC. Es ist eines der
       Geflüchtetenlager, das die EU hier betreibt und kontrolliert. Eine weiße
       Zeltstadt hinter einem hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zaun. Für viele
       Menschenrechtsorganisationen, die auf der Insel arbeiten, ist es ein
       Gefängnis.
       
       Der Flecken Grün des Gemeinschaftsgartens, eingebettet in die ockerfarbene
       Landschaft der umliegenden Hügel, ist nicht nur eine kühlende Oase im
       Sommer. Der Garten ist auch ein Experiment in Sachen Solidarität und
       Zusammenhalt an einem Ort, an dem sich die Folgen der europäischen
       Grenzpolitik besonders deutlich zeigen.
       
       In den vergangenen Monaten hat es unter den Asylsuchenden und den NGOs viel
       Verunsicherung gegeben. Grund ist [3][der neue EU-Migrationspakt, der im
       Juni in Kraft trat]. Er sieht unter anderem beschleunigte Asylverfahren –
       also schnellere Abschiebungen – an den EU-Außengrenzen vor. Menschen können
       dafür künftig bis zu zwölf Wochen in den Lagern interniert werden. In
       Vastria auf Lesbos ist ein weiteres CCAC gebaut worden, einen
       Eröffnungstermin gibt es seitens der griechischen Behörden allerdings noch
       nicht.
       
       „Das Lager hat keinen Wasseranschluss, und keine befestigte Straße führt
       dorthin“, sagt Joakim O’Ryan, Sprecher des Gemeinschaftszentrums Paréa.
       „Diese neue Anlage liegt komplett isoliert im Inneren der Insel, mitten in
       einem Hochrisikogebiet für Waldbrände und 45 Autominuten von der Stadt
       entfernt.“
       
       Die abgelegene Lage würde es Geflüchteten unmöglich machen, Anlaufstellen
       wie Paréa und andere solidarische Projekte zu erreichen. Sollte das CCAC in
       Vastria eröffnet werden, wäre das „eine direkte Bedrohung fundamentaler
       Menschenrechte“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Paréa,
       Anwaltskollektiven und NGOs. Auch wenn noch nicht klar ist, inwiefern die
       Migrationspaktregeln überhaupt praktisch umgesetzt werden können: „Das ist
       ein Regelwerk, das Repression gegenüber Migranten und solidarischen
       Initiativen verstärkt – in einem politischen Klima, in dem die Europäische
       Union immer weiter nach rechts rückt“, sagt Tatiana Svorou, Sprecherin von
       Lesbos Solidarity, einer Initiative, die seit Jahren Geflüchtete auf der
       Insel unterstützt.
       
       Der 20. Juni ist ein besonderer Tag in Paréa, Weltflüchtlingstag. Ein Kind
       spielt Flöte und schaut dabei sehr ernst, es ist immer derselbe Ton, den es
       zum Rhythmus der Trommeln bläst. Eine Gitarre begleitet, Bongos, Rasseln
       und andere Percussioninstrumente stimmen ein in die improvisierte
       Jamsession. Es gibt Mittagessen für alle im Schatten. Ein junger Mann, der
       im CCAC lebt, tritt an ein Mikrofon: „Wir haben uns nicht freiwillig von
       unserer Heimat getrennt“, sagt er. Omar* ist Anfang 20 und kommt aus Jemen.
       Die Fahrt in den meist unsicheren Booten über das Meer beschreibt er so:
       „Ich war wie versteinert vor Angst, komplett hilflos, ich dachte, ich
       ertrinke vor Furcht.“
       
       Stille liegt über dem Hof des Gemeinschaftszentrums. Alle hören Omar zu:
       „Wir wollen kein Mitleid, aber wir wollen, dass man hinter das Wort
       ‚Flüchtling‘ blickt: Wir sind Menschen, deren Träume oftmals zerbrochen
       sind.“ Hoffnung, sagt Omar, geben ihm Orte wie Paréa: „Die Gemeinschaft
       hier zeigt mir, dass es bei all dem Leid auch positive Dinge gibt, die
       nicht so einfach totzukriegen sind.“ Solidarität, Mut, der Wille, zu leben.
       
       Am hinteren Ende des Gartens steht ein Gewächshaus. Ein kleines, buntes
       Gebäude, errichtet aus Treibholz. Die Innenwände sind bemalt von Menschen,
       die auf dieser Insel Schutz gesucht haben. Gemeinsam mit Terra Psy, einer
       auf psychosoziale Beratung spezialisierten Organisation, würden hier
       Workshops stattfinden, sagt Mohamed Ayash. „Das können einfache Dinge sein,
       wie etwa einen Samen pflanzen und ihn aufgehen sehen.“ Er bekomme Briefe
       von Menschen, denen Asyl gewährt wurde und die nun weit weg lebten, die
       sich nach dem Wohlergehen ihrer Pflanze erkundigten und ob sie Früchte
       trage.
       
       Thomas Sharifi, einer der Mitarbeiter von Terra Psy, sagt: „Dieser Ort hier
       ist wichtig. Viele Menschen kommen unter enormem Stress hier an. Sie
       befinden sich in einer Phase des Übergangs, und das Gartenprojekt hilft
       ihnen, einen Fokus zu finden – besonders jenen, die kaum noch Kraft haben
       und labil sind.“
       
       Die Zusammenarbeit mit dem Gartenprojekt begann vor etwas über einem Jahr.
       Sharifi erzählt die Geschichte von einem Mädchen, das im Lager schwer
       depressiv wurde und nicht mehr zur Schule ging. Sie habe sich allem
       verweigert. Terra Psy vermittelte sie an Ayash, es war März, Anfang der
       Gartensaison. Gemeinsam pflanzten Ayash und das Mädchen Gemüse. Das Mädchen
       kam bald freiwillig, stellte Fragen und zeigte Interesse. „Jedes Mal, wenn
       sie wiederkam, haben wir gemeinsam die Pflanzen gegossen“, sagt Ayash.
       
       Mohamed Ayash’ eigene Geschichte geht so: Im Oktober 2023 erhielt er einen
       Asylstatus. Er ging nach Athen, arbeitete auf dem Bau. Aber die Stadt wurde
       ihm zu viel. „Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Und außerdem ist in Athen
       das Meer zu weit weg.“ Also ging Ayash zurück nach Lesbos. Das war Anfang
       2025. „Sie haben mir angeboten, den Gemeinschaftsgarten zu leiten, und ich
       habe angenommen.“ Es sei über die letzten Monate sehr ruhig hier gewesen,
       sagt er. „Im Moment leben nur ein paar Hundert Menschen im CCAC nebenan.“
       
       ## Erde
       
       Als es noch mehrere Tausend waren, seien ständig Leute vorbeigekommen, die
       helfen wollten oder einen Platz fürs Picknick suchten und vielleicht ein
       paar Tomaten und Gurken als Ergänzung zu hart gekochten Eiern. Manche
       fragten nach Pflanzen, um sie im Lager hochziehen zu können. „Und egal aus
       welchem Land die Menschen kommen, irgendwer ist immer dabei, der Ahnung vom
       Gärtnern hat“, sagt Ayash. Die Paréa-Mitarbeiter*innen organisieren auch
       immer wieder ein gemeinsames Frühstück oder Garten- und Kochworkshops, für
       die sie das Gemüse aus dem Garten nutzen. Bleiben mal Gurken oder Salat
       übrig, teilt Paréa es mit anderen NGOs, die sich ebenfalls um die
       Versorgung der Menschen in den Lagern auf Lesbos kümmern.
       
       Vornübergebeugt in der Sonne steht ein Mann zwischen den Gurken und pflückt
       Portulak. „Yussef*, wie heißt das in Syrien?“, fragt Mohamed den
       Mittvierziger, während er am Bewässerungssystem hantiert. „Bakleh!“, sagt
       Yussef. „Gut für Salate. Warum? Wie nennst du es in Palästina?“ – „Rijla“,
       sagt Ayash, und deutet auf das Grün im Tomatenbeet: „Guck, da wächst es
       auch.“
       
       Im nächsten Beet entfernt Ali* Unkraut zwischen den Zucchini. „Ich bin vor
       zwei Monaten hier angekommen, aus Syrien“, sagt Ali. Da habe er auch als
       Gärtner gearbeitet, sich um Tomatenpflanzen und anderes Gemüse gekümmert.
       Vor Kurzem konnte er das CCAC verlassen, sagt er. „Dort drinnen war alles
       voll mit Kakerlaken und Ratten. Aber du musst dahin, wenn du Asyl bekommen
       willst.“ Nun lebe er in Mytilini, der größten Stadt der Insel, unweit des
       Lagers. Wo genau Ayash untergekommen ist, sagt er nicht. Aber er komme
       jeden Tag in den Garten: „Man kann viel lernen und Wissen teilen.“
       
       Im Café des Gemeinschaftszentrums trinken Menschen Tee und Limonade. „Wir
       warten auf die Menschen, die vor zwei Wochen angekommen sind“, sagt ein
       junger Mann aus Jemen. „Normalerweise dauert der Registrierungsprozess
       nicht so lange“, ergänzt ein junger Mann aus Syrien. Er fragt sich, ob es
       an den neuen Regeln liegen könnte, die seit Juni gelten.
       
       Hilfsorganisationen wie Collective Aid haben nach dem Inkrafttreten der
       neuen Regeln im Juni öffentlich kritisiert, dass es zu Verzögerungen komme
       im Registrierungsprozess, weil Formulare fehlten oder nicht klar sei,
       welche Daten genau wie registriert werden sollen.
       
       Thea Rawe von der NGO Europe Cares, die das Paréa-Projekt betreibt,
       beschreibt die Zustände in dem Flüchtlingslager so: „Momentan leben etwa
       300 Menschen dort, die meisten in Zelten mit fünf oder sechs Personen. Im
       Sommer wird es dort drin unglaublich heiß.“ Zwar seien die Ankünfte
       zurückgegangen – wegen der Pushbacks der griechischen Küstenwache und
       veränderter Migrationsrouten –, doch die Lebensbedingungen in dem für 8.000
       Menschen ausgelegten Lager hätten sich nicht gebessert. „Sie hätten Platz,
       um die Leute individuell unterzubringen, aber sie machen es nicht. Viele
       Zelte sind leer“, sagt Rawe.
       
       Der Migrationspakt wirke sich bereits darauf aus, wie lange die Menschen in
       den Geflüchtetenlagern festgehalten werden, sagt Rawe: „Eine Gruppe
       Geflüchteter, die im Juni ankamen, durfte das Lager einen Monat lang nicht
       verlassen, bevor sie ihren Asylbewerberstatus bekommen haben. Es war de
       facto ein Gefängnis für sie.“ Die Menschen würden komplett in der Luft
       hängen. „Ich hoffe, dass die Prozesse in Zukunft schneller werden“, sagt
       Rawe. „Aber der Punkt ist: Aufgrund der neuen EU-Gesetze dürfen diese
       Menschen in den Lagern eingesperrt werden, und sie gelten offiziell als
       nicht eingereist in die EU.“
       
       Rawe macht sich Sorgen über den Tag, an dem das neu gebaute CCAC in Vastria
       tatsächlich eröffnet wird. „Das ist noch mal mehr wie in einem Gefängnis
       dort. Die Menschen sind noch isolierter vom Rest der Insel.“
       
       ## Luft
       
       Mittagszeit in Paréa, die Sonne brennt und einige Menschen suchen Schutz im
       Schatten des Gemeinschaftsgartens, um zu essen. Annaelle und Giulia, zwei
       Freiwillige, versuchen, eine Gruppe Kinder zusammenzurufen, die auf dem
       Gelände Fangen spielen. Es sind Kinder, die mit ihren Eltern im
       benachbarten Geflüchtetenlager leben. Jeden Tag kommen sie nach Paréa, um
       ein bisschen herumzutoben.
       
       Die beiden Frauen schaffen es schließlich, die Kinder an einem hölzernen
       Tisch im Garten des Projekts zu versammeln, im Schatten von zwei großen
       Olivenbäumen. „Hier, nehmt etwas Reis“, sagt Annaelle zu einem der Kinder.
       Das Kind nimmt einen Löffel voll, dann zeigt es auf ein anderes Kind, das
       ebenfalls zu essen anfängt. „Sehr gut!“, sagt Giulia. In der Stille,
       unterbrochen nur durch leises Windrauschen, isst die Gruppe gemeinsam. Ein
       Moment zum Luftholen.
       
       * Namen zum Schutz der Geflüchteten geändert
       
       9 Aug 2026
       
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