# taz.de -- An der Grenze zu Rumänien und Moldau: Bessarabische Miniaturen
       
       > Über viele Schlaglöcher poltert der Minibus durch Budschak, dem
       > ukrainischen Teil der historischen Provinz Bessarabien. An die
       > Sowjetunion erinnert nur noch ein goldener Lenin.
       
 (IMG) Bild: Die demontierte goldene Leninstatue steht nun hinter dem gagausischen Kulturzentrum in Wynohradiwka, in der Region Odesa
       
       Die Fenster lassen sich nicht öffnen. Unsere Marschrutka, ein zum Minibus
       umgebauter Lieferwagen, düst mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die mit
       Schlaglöchern übersäte Straße. Ich schwitze im Stehen. „Wie in der
       Sowjetunion damals! Eingepfercht wie Sprotten“, scherzt unser Fahrer. Ich
       bin in Budschak unterwegs, im ukrainischen Teil der historischen Provinz
       Bessarabien, an der Grenze zu Rumänien und [1][Moldau] – eine schöne Gegend
       mit ihren Steppen und Gewässern, aber auch eine vergessene.
       
       Ich bin hier, weil mich die Peripherie interessiert – der Ort, an dem
       Kulturen aufeinandertreffen. Während ich auf meine nächste Marschrutka
       warte, düsen mehrere Ladas vorbei.
       
       Infolge der Kolonisationspolitik des Russischen Zarenreichs im 19.
       Jahrhundert ist Budschak ethnisch außergewöhnlich divers. Nachdem die
       Russen die Osmanen besiegt und die Tataren, die einst hier beheimatet
       waren, vertrieben hatten, wurden Bulgaren, [2][Deutsche], Russen, Ukrainer,
       Juden und Gagausen angesiedelt. Bis heute ist hier das Russische als
       Sprache der interethnischen Kommunikation dominant.
       
       Im Dorf Wynohradiwka, direkt an der Grenze zu Moldau, leben viele Gagausen,
       ein christliches Turkvolk. Wynohrad, das bedeutet Trauben auf Ukrainisch.
       Und tatsächlich: Auf jedem Grundstück wachsen Reben, jede Familie stellt
       eigenen Wein her. Olga Kulaksyz, die Leiterin des gagausischen
       Kulturzentrums, organisiert Feste und arbeitet mit Schulklassen – damit die
       Bräuche und die Sprache der Gagausen fortleben. Stolz präsentiert sie mir
       die Exponate: traditionelle Kleidung, Ruschnyky – bestickte Tücher – und
       Susaky – bemalte hohle Kürbisse, die als Behälter dienen.
       
       ## Die Grenze zur Republik Moldau ist zu
       
       Die meisten Gagausen leben heute in Gagausien, einer autonomen Region im
       benachbarten Moldau. Zu Sowjetzeiten gab es keine Grenze, da standen die
       Gemeinden noch in regem Austausch, erzählt Kulaksyz. Doch an die UdSSR
       erinnert jetzt nur noch ein goldener Lenin, der nach der Demontage von
       seinem alten Platz in der Dorfmitte hinter dem Kulturzentrum abgestellt
       wurde.
       
       Dieses ist Kulaksyz’ Lebensaufgabe. Keine leichte, in Zeiten, da immer
       weniger Gagausen ihre Muttersprache beherrschen und immer mehr ihre Dörfer
       verlassen. „Ein Schritt nach vorne in technologischer Hinsicht bedeutet
       einen Schritt zurück, was die Traditionen angeht“, sagt sie mit einem Hauch
       Nostalgie in der Stimme. Und die Traditionen seien doch das Wertvollste,
       was der Mensch besitzt. Wer ihre Stelle antritt, wenn sie in Rente geht?
       Die Zukunft könne man jetzt nicht planen, entgegnet sie. Es herrscht Krieg.
       
       Während [3][die Gagausen] in Moldau mehrheitlich prorussisch eingestellt
       sind, dienen viele auf dieser Seite der Grenze in der ukrainischen Armee.
       Auch Kulaksyz’ Sohn verteidigte sein Land. Von den mehr als 600
       gagausischen Soldaten seien über 40 gefallen, schildert sie – und dann gebe
       es noch die Verschollenen.
       
       ## Regale voller Bücher
       
       Nebenan, in der Kleinstadt Bolhrad, leben vor allem Bulgaren. Galina
       Iwanowa leitet seit über 20 Jahren das hiesige bulgarische Kulturzentrum.
       Ich treffe sie in der Bibliothek mit Regalen voller bulgarischer Bücher an,
       die bis an die Decke reichen.
       
       Iwanowa möchte vergessene Traditionen wiederaufleben lassen: Feste, Rituale
       – die bulgarische Kultur. Außerdem erhalten Schüler im Zentrum Unterricht,
       um später in Bulgarien studieren zu können. Auch Iwanowa hat in Sofia
       studiert, ehe sie hierher zurückkehrte. Heutzutage würden viele junge
       Menschen nach Bulgarien ziehen und nicht mehr zurückkommen, erzählt sie.
       „Und jetzt sind es noch mehr, denn bei uns gibt es Luftalarm.“ Sie verstehe
       das, in der EU gebe es mehr Chancen und nun mal keinen Krieg. Dennoch
       stimmt sie der Fortgang der jungen Generation traurig – wie auch die vielen
       an der Front gefallenen Bulgaren.
       
       Von meinem Hotelzimmer in Ismajil, der größten Stadt Budschaks, aus kann
       ich den Hafen an der Donau sehen. Wenn russische Drohnen in unsere Richtung
       fliegen sollten, werden alle Gäste in den Keller geschickt, erklärt die
       Rezeptionistin. Glücklicherweise bleibt es ruhig. Vor meiner Abreise gehe
       ich am platanengesäumten Ufer spazieren. Schiffe legen an, ein Mann angelt
       oberkörperfrei, es weht eine angenehme Brise. Auf der anderen Flussseite,
       der rumänischen, herrscht Frieden.
       
       23 Jul 2026
       
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