# taz.de -- Neues Album von Carla dal Forno: Millennial-Ennui am Abgrund
       
       > Carla dal Forno ist eine Meisterin der Songwritingreduktion. Auf ihrem
       > Album „Confession“ treibt die Australierin das Spiel mit dem Runterkochen
       > zu weit.
       
 (IMG) Bild: Carla dal Forno in einem Café: Ihr Songwriting riecht verdächtig nach Berghain-Toilette
       
       Bei Carla dal Forno dreht sich alles um Reduktion: Reduzierte Stimme,
       minimalistisches Instrumentarium, kaum Auflösung. Für ihr Album „Come
       Around“ hat die australische Künstlerin 2022 sogar ihren Schlaf reduziert.
       Womöglich war es aber auch die Geburt ihres Kindes, die beigetragen hat zur
       somnambulen Stimmung, die dal Forno so gekonnt in ihrer Musik in Szene
       gesetzt hat.
       
       Bei diesem Maß an Verknappung besteht indes die Gefahr, dass am Ende alles
       versiegt: [1][Vier Jahre bangten Fans von dal Fornos LoFi-Postpunk um ein
       neues Lebenszeichen]. Würde sie gar ihre eigene Karriere runterkochen? Von
       der Songwriterin zur Radio-DJ?
       
       ## Badewasser im Fundament
       
       Beim an großen Namen reichen Moderatoren-Line-up des englischen
       Netzradio-Senders NTS gehören die monatlichen Shows der Australierin
       nämlich seit Längerem zur Speerspitze.
       
       Man kann dem Musikkritiker Florian Aigner folgen, der in ihrer Radiosendung
       die Essenz von dal Fornos Musik besser abgebildet sieht als in ihren
       eigenen Songs. Umso gespannter schaut man nun auf den mittlerweile vierten
       Langspieler „Confession“.
       
       Die Gratwanderung zwischen Trademark-Sound und altersgemäßem Starrsinn hält
       an, besonders, da die musikalischen Mittel erneut aufs Nötigste
       runtergefahren wurden. Man müsste lügen, wenn man dem meist kühlen,
       skelettierten Postpunk-Klangkosmos unendliche Weiten attestieren würde,
       denn das Gegenteil ist der Fall.
       
       Dal-Forno-Arrangements fußen oft auf einem Badewasser-warmen
       E-Bassfundament. Darauf bauen minimal gehaltene Synthesizer-Melodien und
       schrullige, aber charmante Soundeffekte auf.
       
       Abgerundet wird das dann von nützlichen Drummaschinen und dal Fornos
       Stimme, die zwischen fragiler Ungeschultheit und saftiger Verhallung einen
       unheimlich hypnotischen Sog entwickeln kann. Nach drei sehr gelungenen
       Alben steuert sie mit „Confession“ dennoch auf eine Sackgasse zu, obwohl
       ihre treue Fancommunity bisher jedes Werk aufs Neue gefeiert hat.
       
       Man rechnete ihr hoch an, dass sie es früher und besser als andere
       Zeitgenoss*innen verstand, eine Brücke zu bauen zwischen der
       reservierten Coolness minimalistischer Popbands wie Young Marble Giants und
       der Transgressivität des Nachtlebens.
       
       ## Songs mit Toilettenduft
       
       Ihr Songwriting roch verdächtig nach Berghain-Toilette, könnte man sagen.
       Geadelt wurde das einst vom (Post-)Industrial-Techno-Label Blackest Ever
       Black, das ihr Debütalbum rausbrachte. „Confession“ schlägt mit dem
       Auftaktsong „Going Out“ in die gleiche Kerbe – es hätte sich auf allen
       Vorgängern ohne große Reibung eingereiht.
       
       Das hierauf folgende Titelstück führt hingegen gleich (und erstmalig) eine
       deutliche andere Soundsignatur ein. Es wird gebummelt. Wie in einem
       Kinder-Abzählreim spielt dal Forno Hüpfekästchen mit uns, dubbt dabei
       betulich, Offbeat-Gitarren unterstreichen die pfiffige Wave-Stimmung.
       
       Es wäre aber kein Carla-dal-Forno-Song, wenn er trotz Unschuldsatmosphäre
       nicht am Abgrund entlangschlurfen würde. Die textliche Ebene [2][gibt sich
       als Stalker-Pop à la „Every breath you take“]. Das wäre saulangweilig, wenn
       dal Fornos Stalkerin nicht an penetrantem Millennial-Ennui leiden würde.
       
       ## Indifferente Klänge
       
       Deshalb denkt sie nur „most of the time“ an das Objekt ihrer Begierde. Das
       grenzt in der Tat an Hintersinn und ist auf ganz reizende Weise sehr
       bekloppt.
       
       Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Musik indifferent klingt. Die
       Befreiung vom einstudierten Schema betont eher die Unzulänglichkeiten, die
       man bereits auf vorherigen Dal-Forno-Werken erkennen konnte (ihr fehlendes
       Gesangsvermögen zum Beispiel). Sie wurden aber von der klaren Struktur
       aufgefangen. Die vier Instrumentals überzeugen dieses Mal mehr – noch so
       eine Reduktion. Die hat Carla dal Forno halt drauf.
       
       13 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Australische-Musikerin-Carla-Dal-Forno/!5889866
 (DIR) [2] /Das-Weltgewissen-des-Pop-Sting-kitscht-wieder/!704495&s=Sting+every+breath+you+take&SuchRahmen=Print/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lars Fleischmann
       
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