# taz.de -- Cecilia Vicuña im Castello di Rivoli: Sie baumelt darüber wie ein riesiger Berg zupfeliger Wäsche
       
       > So richtig site-specific: In ihrer Ausstellung im Castello di Rivoli bei
       > Turin erinnert Cecilia Vicuña an die verschwundenen Gletscher des
       > Piemonts.
       
 (IMG) Bild: Installationsansicht, Castello di Rivoli – Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Torino
       
       Normalerweise ist das nichts, was man jemandem beim Besuch einer
       Kunstausstellung empfehlen würde. In Cecilia Vicuñas „El glaciar ido“ im
       Castello di Rivoli aber sollte man genau das tun: erst einmal aus dem
       Fenster schauen. Auf bergige Landschaft blickt man da, sanfte Hügel
       fächerartig versetzt. Sie schieben sich vor- und hintereinander, schmiegen
       sich fast halbkreisförmig um die Ortschaft nahe Turin. Auch das Castello di
       Rivoli selbst befindet sich auf einem Hügel. Mindestens seit dem antiken
       Rom gab es hier Siedlungen aufgrund der strategischen Lage nahe der Via
       Gallica.
       
       Entstanden ist die Moränenlandschaft vor zehntausenden Jahren aus Sediment
       und Geröll, aus Relikten von Gletschern, dem riesigen Balteo etwa, die es
       hier einmal gab. Sattgrün sieht die waldig-grasige Oberfläche der Gipfel
       aus, noch zumindest. Schon Ende Mai hatte Turin die erste Hitzewelle
       erfasst. 33 Grad mitten im späten Frühling. Viel zu früh, viel zu heftig.
       
       Längst drin im Thema steckt man dann von Vicuñas Schau „El glaciar ido“, zu
       Deutsch: der verschwundene Gletscher. Cecilia Vicuña, Künstlerin,
       Dichterin, Aktivistin, ist 1948 in Santiago de Chile geboren, beschäftigt
       sich mit Übergängen und Überresten, mit der Endlichkeit, der
       Vergänglichkeit der Schönheit, des Lebens, mit der von Zerstörung bedrohten
       Natur wie auch marginalisierten Kulturen.
       
       Wenn sie, wie in Rivoli, Arbeiten extra für einen Ort anfertigt, bezieht
       sie sich dabei immer auch auf dessen direkte Umgebung. Poetisch macht sie
       das, thematisch und über ihr Material. Den Begriff der „Arte Precario“
       prägte sie selbst in den 1960ern für ihre Kunst, für ihre zerbrechlichen,
       oft vergänglichen Objekte. Das war auch in Abgrenzung zu anderen
       Kunstbewegungen der damaligen Zeit gemeint.
       
       ## Die wiederentdeckte Cecilia Vicuña
       
       In den letzten Jahren erst hat man diese wiederentdeckt. 2022 hat Vicuña,
       die Chile nach dem Militärputsch gegen Salvador Allende verließ, war
       zunächst in London und Kolumbien, seit den 1980er Jahren lebt sie in New
       York, bei der [1][Biennale in Venedig] den Goldenen Löwen für ihr
       Lebenswerk bekommen, 2025 mit dem Roswitha-Haftmann-Preis den am höchsten
       dotierten europäischen Preis für zeitgenössische Kunst. Die aktuelle
       Ausstellung ist ihre erste in einem italienischen Kunstmuseum. Für 2027 ist
       eine große Präsentation im Mailänder Hangar Bicocca geplant.
       
       Ins [2][Castello di Rivoli], einer seit 1984 als Museum für zeitgenössische
       Kunst fungierenden, nie vollendeten Barockschlossanlage, hat Vicuña als
       zentrale Arbeit einen ihrer „Quipus“ gehängt, eine raumeinnehmende, riesige
       textile Installation. Rohe weiße, ungesponnene Wolle – ein Teil davon
       stammt von Biellese-Schafen aus der Umgebung – über einer Konstruktion aus
       Bambus. Sie baumelt darüber wie ein riesiger Berg zupfeliger Wäsche. Mehr
       als 100 Meter des schlauchartigen Raumes der für Wechselausstellungen
       vorgesehenen „Manica Lunga“ nimmt die horizontale Installation ein. In der
       soll man – so will es die Künstlerin – Zeit verbringen, daneben und darin.
       Um sie sich von der Nähe anzusehen, den intensiven Geruch der Wolle
       einzuatmen. Man kann sie auch berühren, nur vorsichtig soll man dabei sein.
       
       Vicuñas Quipus, abgeleitet von dem Quechua-Begriff khipu für Knoten, sind
       eine Neuinterpretation der Kulturtechnik antiker Andenvölker, mit textilen
       Knoten an Ereignisse und Geschichten zu erinnern. Eine Art von Schrift
       also, die von den spanischen Eroberern verboten wurde, weil sie diese nicht
       lesen konnten, die aber dennoch überlebte.
       
       Seit den 1960er Jahren schon [3][arbeitet Vicuña auf diese Weise]. Im
       Castello di Rivoli jedoch gibt es gar nicht erst Knoten. Weniger als ums
       Erinnern scheint es hier ums Vergessen zu gehen. Um das bereits Verlorene,
       wie die aus den nahegelegenen italienischen Alpen bereits verschwundenen
       Gletscher.
       
       ## Die Berge befragen
       
       Dass Vicuña die Berge befragt hätte, bevor sie mit der Arbeit an der
       Ausstellung begonnen habe, erzählt Kuratorin Marcella Beccaria bei der
       gemeinsamen Besichtigung der Ausstellung. Sie hat die neu entstandenen
       Werke, zu denen auch ein mit zartem Bleistiftstrich vertikal auf eine Wand
       geschriebenes mehrsprachiges Gedicht gehört, mit solchen kombiniert, die
       sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Drei Videoarbeiten sind das etwa,
       die im Loop laufen, und allesamt mit Wasser oder Eis zu tun haben.
       
       Andere Ausstellungsstücke belegen Vicuñas Verbundenheit mit dem Museum und
       mit Turin. In einer Vitrine liegt ein kleiner Band, den der Turiner Verlag
       Giulio Einaudi Editore im Jahr 1972 herausbrachte. Ein Gedicht Vicuñas, das
       von zwei Arten des Todes erzählt, wurde in „Giovani poeti sudamericani“
       abgedruckt. Im Jahr 2000, als mit der Gruppenausstellung „Quotidiana“ der
       neue Ausstellungstrakt des Castellos eröffnet wurde, war sie eine der
       ausgestellten Künstler:innen.
       
       Fotos verweisen darauf. Und auf eine Art auch eine Arbeit, für die sich
       wieder der Blick aus dem Fenster lohnt, dieses Mal zur anderen Seite
       hinaus. Im Außenraum, auf einem mit einer Treppe zu erreichenden Dach,
       wurde dort ein fragiles, prekäres Gebilde der Witterung ausgesetzt.
       Angeleitet von Vicuña sammelten Anwohner:innen und Studierende der
       Kunsthochschule Turins an nahegelegenen Flussläufen Federn, Äste,
       Pinienzapfen und Reste von dem, was Menschen dort zurückgelassen haben, und
       bastelten daraus ein Kanu. Die Form des Kanus hatte auch ihre Arbeit in
       Rivoli im Jahr 2000. Ob das neue die gesamte Laufzeit bis Mitte September
       überstehen wird? Vermutlich nicht.
       
       Transparenzhinweis: Die Recherchen wurden unterstützt vom Castello di
       Rivoli.
       
       8 Jul 2026
       
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