# taz.de -- Ausstellungen über Krankenbetten: Leben in der Horizontalen
       
       > Wenn das Krankenbett zum Zentrum der Existenz wird, verändert das auch
       > Wahrnehmung und Weltbezug. Davon erzählt in Berlin eine Ausstellung.
       
 (IMG) Bild: Wie man sich bettet: Patientinnen bei der Liegekur in der Lungenheilanstalt Falkenstein, 1888
       
       Vielleicht würde man nicht gleich darauf kommen, aber die US-amerikanische
       Dichterin Anne Boyer hat gute Gründe zu behaupten, dass es kein
       tragischeres Möbelstück gebe als das Bett. Sie schreibt das in ihrem Buch
       [1][„Die Unsterblichen“] (im Original „The Undying“) und führt als
       Begründung sogleich aus, wie es sich wandelt, wenn die Person erkrankt, die
       sich darin bettet: „Wie leichthin es stürzt – von dem Ort, an dem wir Liebe
       machen, zu dem anderen Ort, an dem wir vielleicht sterben. Und von dem Ort,
       an dem wir schlafen, zu dem Ort, an dem wir irrewerden.“
       
       Boyer, die für „Die Unsterblichen“ 2020 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet
       wurde, berichtet in ihrem Buch vom Leben im US-amerikanischen
       Gesundheitssystem mit einer hochaggressiven Brustkrebserkrankung und ihrem
       Überleben. Sie schildert die Folgen ihrer Diagnose und ihrer Therapie, es
       ist ein so persönliches wie hochpolitisches Buch. Das eben auch davon
       handelt, wie sich urplötzlich alles verschiebt, wenn das Bett zum
       Lebensmittelpunkt wird, wenn sich die Körperhaltung von der Vertikalen in
       die Horizontale verlagert.
       
       Für das, was Boyer mit Worten beschreibt, sucht die neue Wechselausstellung
       im Berliner Medizinhistorischen Museum nach Bildern und Belegen.
       „Horizontal“, kuratiert von Museumsdirektorin Monika Ankele, widmet sich
       dem Mikrokosmos Krankenbett in Länge und Breite. Die Schau bietet einen
       Abriss der Geschichte des Objekts – schließlich ist die Aufbereitung von
       Medizingeschichte zentrale Aufgabe des Museums, das sich auf dem Gelände
       der Charité befindet.
       
       Es geht um seine Entwicklung seit der Gründung allgemeiner Krankenhäuser im
       18. Jahrhundert, um die „Geburt des Klinikbetts“, frei nach Foucault, samt
       seiner horizontalen Ordnung, der man liegend ausgeliefert ist.
       
       ## Normierung des Möbels
       
       Überaus erhellend ist, was man da so erfahren kann über die Normierung des
       Möbels und seiner Ausstattung, darüber, wie sich mit dem Krankenbett auch
       die medizinische Ausbildung veränderte, über die therapeutische Bedeutung
       des Liegens ab dem späten 19. Jahrhundert. Für Letzteres steht
       stellvertretend eine „Davoser Liege“ im Raum, wie sie der deutsche
       Lungenfacharzt Peter Dettweiler für an Tuberkulose Erkrankte entwickelte,
       eine Leihgabe aus dem Germanischen Museum und zentrales Requisit des von
       [2][Thomas Mann] im „Zauberberg“ verklärten Lebens „auf horizontale Art“.
       
       Wie das dauerhafte Liegen, nicht nur auf dem „Zauberberg“, eine Veränderung
       der Wahrnehmung, des Weltbezugs und der sozialen Beziehungen mit sich
       bringt, zieht sich als Fragestellung durch. Sich beim Besuch Zeit zu
       lassen, empfiehlt sich, dann treten Details hervor, die schon in der
       Architektur der Ausstellung – die Gestaltung stammt von der Künstlerin
       Kathrin Mayer – angelegt sind. Sie ahmt die Blickrichtungen nach, die man
       einnimmt, wenn man aus dem Bett heraus- oder ins Bett herabschaut. Um die
       Tafeln lesen zu können, muss man den Kopf regelmäßig heben oder senken, so,
       wie die Patient:innen auf Ärzt:innen und Pflegepersonal blicken und
       umgekehrt.
       
       Überhaupt das Schauen vom Bett aus, für das man beim Kranksein so viel Zeit
       hat: aus dem Fenster, an die Decke, in den Raum. Auf Kunst vielleicht auch.
       Von Kunst im Bett berichten in der Ausstellung Künstler:innen, die ihre
       chronische Erkrankung künstlerisch verarbeiten. Fürs Kunstmachen ist das
       Im-Bett-Liegen eine Herausforderung – abgebildete Spezialkonstruktionen,
       mittels derer [3][Frida Kahlo] weiterarbeitete, zeugen davon.
       
       Angenehmeres gibt es, mit dem man sich beschäftigen kann, als die eigene
       Verwundbarkeit. Dennoch nehmen sich Gegenwartsliteratur und Kunst, wo care
       sich schon seit Längerem als Buzzword vordrängt, häufiger als zuvor des
       Themas an. Seltener zwar widmet man sich dabei so konkret Krankheiten wie
       kürzlich in Berlin mit „Sick Days“, einer weiteren kleinen, aber sehr
       feinen Gruppenausstellung der beiden jungen Kurator:innen Philipp Lange und
       Sophia Yvette Scherer im Projektraum Studio Hannibal, aber es tut sich
       etwas.
       
       ## Chronisch Kranke werden lauter
       
       Vielleicht liegt es an der alternden Gesellschaft oder an lauter werdenden
       chronisch Kranken oder an der Erkenntnis, dass es – wie es Lange und
       Scherer im Vorwort der Publikation zu „Sick Days“ schreiben – das ist, was
       menschliche Körper gemein haben: „die Vergänglichkeit und das Potential
       einer Erkrankung“.
       
       Nicht zuletzt hat Covid den Blick auf Krankheit nachhaltig verändert. Und
       Long Covid. Ivna Žic, die selbst daran erkrankt ist, setzt sich in ihrem
       literarischen Essay „Die Unversehrten“, der gerade mit dem
       Wortmeldungen-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, mit ihrer chronischen
       Erschöpfung auseinander.
       
       Eindrücklich beschreibt sie auch ihr Bett, wie es sich Platz verschafft,
       mit einem Mal mitten im Raum steht, weil für alles andere eigentlich keiner
       mehr vonnöten ist, sowie den Nachttisch oder Beistelltisch und das, was
       sich darauf so ansammelt. Die „Nachmittagsversorgung“: „Tee,
       Zitronenwasser, ein Apfel, Nahrungsergänzungsmittel, Kopfwehtabletten,
       andere Tabletten, Nüsse, Pfefferminzöl, Kopfhörer mit Noise-Cancelling,
       Handy, ein Buch“.
       
       Auch in der Ausstellung im Medizinhistorischen Museum ist eine Wand dem
       Nachttisch gewidmet. Bilder hängen da, die aus dem partizipatorischen
       Fotoprojekt „The Nightstand Collective“ der Künstlerin Emma Jones stammen.
       Über Social Media hatte Jones chronisch kranke Menschen aufgerufen, ihr ein
       Foto ihres Nachttischs zu schicken. Bücher und Magazine sieht man darauf,
       Medikamente, Kuscheltiere, Snacks und Fernbedienungen, Trinkbehältnisse,
       Taschentücher, Schreibgeräte und was man eben sonst noch so brauchen kann,
       alles, was überlebensnotwendig und was wichtig ist für den Alltag und fürs
       Wohlbefinden.
       
       Benoît Piéron reicht der Nachttisch nicht aus. Der französische Künstler
       hat gleich ein ganzes Bett aufgestellt. „Le Lît“ ist als Gegenentwurf zu
       den Betten zu verstehen, in denen er schon als Kind in Krankenhäusern viel
       Zeit verbrachte. Alles ist weich und bunt und luxuriös, es gibt viel Platz
       – auch für Gesellschaft –, einen seidenen Baldachin, um sich darunter
       zurückzuziehen, allerlei Ablageflächen und eine Regenrinne für
       Körperflüssigkeiten.
       
       ## Baselitz im Krankenhaus
       
       Piérons Bett bietet selbst genug Stoff zum Anschauen, auch das
       unterscheidet es vom Krankenbett in seiner Sterilität, die selbst in
       modernen Stationszimmern kaum gebrochen wird. Auf einer der
       Ausstellungstafeln im Medizinhistorischen Museum sind Seiten aus einem
       Katalog aus den 1920er Jahren abgedruckt.
       
       Der Leipziger Verlag R. Voigtländer bot damals Kunstdrucke mit
       Blumenmotiven an, die den „Kranken Ablenkung und Genuss bereiten“ sollten.
       Ob das wohl funktioniert hat mit ein paar gemalten Sträußen? Heute blickt
       man üblicherweise maximal auf einen vergilbten Chagall-Druck oder
       irgendetwas belanglos Abstraktes.
       
       Dass es auch anders gehen kann, beweisen in Berlin die DRK Kliniken Berlin
       Westend. Seit 2002 bringt dort der Verein Kunst im Westend Kunst in
       wechselnden Ausstellungen auf Stationen, in Aufgänge, Wartezonen und
       öffentliche Bereiche. Tatsächlich reicht die Idee, am Klinikum Kunst zu
       integrieren, noch weiter zurück. In den 1970er Jahren wurde dort ein acht
       Meter langes Triptychon von Georg Baselitz als Kunst-am-Bau-Projekt
       realisiert.
       
       In der Anfang Juni eröffneten neuen Ausstellung überspannt das riesige
       Filzbild „Runtastic“ des Berliner Malers Marlon Wobst fast die ganze Wand
       eines Treppenaufgangs, während in den Fluren der Stationen 1b und 4b der
       chirurgischen Klinik grafische Arbeiten von Heinz Mack und Otto Piene
       hängen. Der Regenbogen als Bildidee wie Symbol der Hoffnung steht im Fokus,
       passend für Patient:innen, die sich von einer Operation eine Besserung
       ihres gesundheitlichen Zustands erhoffen.
       
       Dass Kunst und Kultur der Gesundheit dienen, Genesung und Prävention
       unterstützen können, gilt mittlerweile als belegt. In Großbritannien
       startete bereits 2014 ein Pilotprojekt dazu. Inzwischen sind soziale oder
       kulturelle Aktivitäten zur Gesundheitsförderung ein fester Baustein des
       staatlich finanzierten Gesundheitssystems NHS.
       
       Auch in mehreren anderen europäischen Ländern gibt es Initiativen und
       Programme, „Kunst auf Rezept“ zu verordnen. In Deutschland forscht unter
       anderem die Charité Berlin dazu. Erst im März hat Griechenland als erstes
       EU-Land die Verschreibung von Kunst- und Kulturkonsum im öffentlichen
       Gesundheitswesen offiziell institutionalisiert. Vom Bett aus ein Museum zu
       besuchen, ist allerdings etwas schwierig.
       
       13 Jun 2026
       
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