# taz.de -- Schulen und Kliniken während Hitzewelle: Heiß! Heiß! Baby?!
       
       > Rekordtemperaturen fordern Hunderte Opfer, Schulen sind nicht mehr
       > funktionsfähig. Wann begreifen wir, dass die Hitze nicht nur die
       > Schwächsten trifft?
       
 (IMG) Bild: Klimaanlagen müssen her, besonders in Pflege und Schule
       
       Unwetter – das ist die Kategorie, mit der wir einer [1][für unsere
       Breitengrade] extremen Hitze begegnen müssen. Bei Unwetter ändern sich
       Routinen. Lang und liebevoll vorbereitete Feste werden abgesagt, Ausflüge
       verschoben, Kultur-Events gecancelt. Das ist für alle Beteiligten
       enttäuschend oder gar schmerzhaft. Doch die Verhältnisse, sie sind eben so.
       
       Wenn der subjektive Eindruck nicht täuscht, dann sind die Leugner der
       Klimaverschlechterung, ob nun persönlich verdummt oder als putinsche Bots
       unterwegs, inzwischen etwas leiser geworden.
       
       Wer etwa als Häuslebauer und/oder Selbstständiger nicht völlig
       ideologisiert ist und sich also gern ins eigene Fleisch und Portemonnaie
       schneidet, hat die Kombi von Isolierung, Wärmepumpe, Solar und Elektroauto
       längst umgesetzt oder ist dabei, die Aufträge und Anträge auszufüllen –
       auch in den AfD-Countries. Die Leute sind verhetzt, aber nicht blöd, die
       Fakten brennen auf der Haut.
       
       Vielleicht hat die [2][Eventisierung der Wettervorhersage] ihren Höhepunkt
       erreicht oder überschritten. Es gibt Menschen, die keinen Zweifel daran
       haben, dass die einst für hiesige Verhältnisse unvorstellbaren 40 Grad
       erreicht werden, und die darüber aber nicht in Panik geraten, sondern
       sagen: Ich komme damit klar. Oder sogar: Ich freu mich drauf.
       
       Zu ihnen gehören zwei Köche, die ich kenne. „Die zehn Tage im Jahr, die ich
       gesotten in der Küche stehe“, erzählte mir einer, „die genieße ich.“ Er ist
       ein guter Mensch und ein sehr guter Koch. Meine 87-jährige Mutter ist eine
       sehr gute Mutter. Sie sagt zur Hitzewelle: „Endlich friere ich mal nicht.“
       
       ## Risikovorsorge und Moralismus
       
       Mir geht es da anders. Aber was meine Eigenverantwortung angeht, lassen
       sich die nächsten Tage mehr oder weniger problemlos durchstehen. Ich muss
       nicht auf der Straße leben, ich muss nicht körperlich arbeitend draußen
       unterwegs sein und werde mich eben unwettergerecht verhalten. Wer das als
       erwachsener Mensch nicht tut, handelt nach eigenem Vergnügen. So ist
       Risikovorsorge gedacht in einer Gesellschaft, die einem ja auch etwa das
       Recht lässt, sich mit 16 Jahren für ein paar Euro eine Alkoholvergiftung
       einzuschenken. Moralismus und Besserwissertum unter Erwachsenen sind privat
       unangenehm und politisch dumm.
       
       Was wieder mal, ähnlich wie bei der Coronapandemie, verstört, ist [3][die
       Weigerung, als Gesellschaft diejenigen schnell und konsequent zu schützen],
       die gern ab- und ausgrenzend die Schwächsten genannt werden. Dabei sind wir
       das alle. Wir alle waren mal Babys und Kinder, wir alle werden –
       hoffentlich – alt, viele von uns werden einmal pflegebedürftig sein. Fast
       jeder war schon mal ernsthaft krank, mehr als jeder Zweite in Deutschland
       leidet sogar unter einer chronischen Erkrankung. Und last but not least:
       Auch wir können in einem völlig überhitzen Knast landen.
       
       Für „kritische Orte“ wie Krankenhäuser oder Altenpflegeheime, [4][sagt der
       TU-Professor Daniel Fenner dem rbb], werde es ohne technische Lösungen,
       „auch Klimaanlagen“ [5][nicht gehen]. Zu diesen kritischen Orten gehören
       auch Kitas und Schulen. Wo ist hier der nationale Aktionsplan? Wo sind die
       Besuche von Spitzenpolitikern in den kochenden Klassenzimmern und neben den
       [6][brodelnden Bettpfannen] des Landes? Man kann sich gern wochenlang über
       Details der Renten- und Krankenversicherung streiten: Wenn dabei allerdings
       untergeht, dass Menschen durch die Klimaverschlechterung um ihre Chance auf
       ein besseres und längeres Leben gebracht werden, ist das politisches
       Versagen und emotionale Verrohung.
       
       Nichts Neues unter der Sonne, könnte man mit Versen aus [7][Robert
       Gernhardts Gedicht „Nachdem er durch Rom gegangen war“] sagen:
       
       Arm klein, arm schwach 
       
       Reich groß, reich stark 
       
       Arm heiß, arm Krach 
       
       Reich kühl, reich Park 
       
       Weiter sind wir anscheinend noch nicht gekommen. Um aus einem [8][aktuellen
       Facebook-Post des römischen Schriftstellers und Lehrers Christian Raimo] in
       Übersetzung zu zitieren: „Ich erhalte ständig Berichte von meinen Kollegen,
       die gerade die Abiturprüfungen abhalten, über Schüler, die wegen der Hitze
       zusammengebrochen sind, über unerträgliche Bedingungen und über
       Erschöpfung, die zu sinnloser Qual geworden ist.“ Und er fordert dazu auf,
       die Hitze endlich zu politisieren.
       
       In diesem Fall wäre es tatsächlich mal ein Zeichen von Widerstand, nichts
       zu tun; also im Schatten, im Freibad, am See zu chillen, anstatt sich auf
       einer Baustelle oder in einer Schule verkohlen zu lassen, ein „cooler
       Sommer“ anstatt eines „heißen Herbstes“, ein Bruch mit den Routinen, der
       bei jeder Art von Unwetter schlicht ein Gebot der Selbsterhaltung, immer
       öfter sogar des Überlebens ist.
       
       26 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erderwaermung-in-Pakistan/!6179575
 (DIR) [2] https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/wetter/id_101313160/hitzewelle-in-deutschland-zweifelhafte-extrem-prognose-fuer-den-sonntag.html
 (DIR) [3] https://unrast-verlag.de/produkt/die-verdraengte-pandemie/
 (DIR) [4] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/06/klimaanlagen-hitze-sommer-sinnvoll-berlin-brandenburg.html
 (DIR) [5] https://jacobin.com/2018/08/air-conditioning-climate-change-energy-pollution
 (DIR) [6] https://www.aerzteblatt.de/archiv/altenheim-klimaanlage-reduziert-sterblichkeit-an-hitzetagen-f4ee58dd-3b7b-4eab-9723-354ff7b51674
 (DIR) [7] https://www.robertgernhardt.de/gernhardts-welten/italien
 (DIR) [8] https://www.facebook.com/christian.raimo.7
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
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