# taz.de -- Grünen-Politiker zu Gesundheitsreformen: „Bei den Ärztinnen und Ärzten wird jetzt gespart werden“
> Es braucht Personalstandards auch für Ärzt*innen, sagt Grünenpolitiker
> Armin Grau. Doch die Bundesregierung überlasse das komplett den
> Krankenhäusern.
(IMG) Bild: Nur Betten reichen nicht. Es braucht auch genügend Personal in den Kliniken
taz: Herr Grau, wenn ich jetzt ins Krankenhaus müsste, kann ich dann davon
ausgehen, dass da genug Ärzt*innen arbeiten, um mich angemessen zu
behandeln?
Armin Grau: Das ist sehr unterschiedlich und variiert von Haus zu Haus
stark.
taz: Also nein.
Grau: Es gibt bisher keinen wirklich guten Überblick über die
Personalausstattung bei den Ärztinnen und Ärzten. Mit der [1][Einrichtung
des Bundes-Klinik-Atlas] der Ampelkoalition wurde überhaupt erst damit
angefangen, dass die Krankenhäuser die Zahlen der Ärztinnen und Ärzte in
den einzelnen Fachabteilungen melden mussten.
taz: Grobe Zahlen gibt es schon länger: Vor 25 Jahren arbeiteten rund
140.000 Ärzt*innen in den Krankenhäusern, heute sind es 230.000. Nach
einem Mangel klingt das nicht.
Grau: Da dürfen Sie aber Köpfe nicht mit Stellen gleichsetzen – heute
arbeiten viele Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit. Fakt ist aber, dass wir zu
viele Erkrankungen im Krankenhaus behandeln, die auch ambulant behandelt
werden könnten. Das ist ein Grundfehler im deutschen Gesundheitswesen. Aber
bevor sich das nicht ändert, haben wir sicher nicht zu viele Ärztinnen und
Ärzte in den Krankenhäusern.
taz: Der Marburger Bund, Vertretung der angestellten Ärzt*innen, spricht
von einer [2][chronischen Überlastung der Ärzt*innen in vielen Kliniken],
von zu knapp kalkulierten Dienstplänen in Krankenhäusern, die vor allem auf
Wirtschaftlichkeit achten.
Grau: Ich selbst habe fast 20 Jahre eine Klinik geleitet und kenne die
Verhandlungen mit der Geschäftsführung über das Personalbudget. Es war
immer ein Kampf, und das liegt auch daran, dass wir keine Standards dafür
haben, wie viel Personal wir für eine gute Versorgung brauchen.
taz: Für die Pflegekräfte gibt es das – noch.
Grau: In den 1990ern hatte der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer
die Personalbemessung für Pflegekräfte schon einmal abgeschafft. Es hieß,
das könnten wir uns nicht leisten. Und danach ging es mit der Pflege 20
Jahre lang bergab. Das war die Ursünde der deutschen Pflegepolitik in den
Krankenhäusern. Der Zusammenhang zwischen Personalausstattung und
Behandlungsqualität ist nachgewiesen, auch bei den Ärztinnen und Ärzten.
Deshalb brauchen wir solche Personalstandards auch für Ärztinnen und Ärzte
und alle anderen Berufsgruppen, die direkt mit den Patient*innen
arbeiten.
taz: Das ist doch auch geplant – [3][mit der Krankenhausreform.]
Grau: Ja, aber das Bundesgesundheitsministerium fährt dieses Vorhaben jetzt
gegen die Wand.
taz: Wie kommen Sie darauf?
Grau: Wie viel Ärztinnen und Ärzte genau benötigt werden, hängt vom
Fachgebiet, dem Aufkommen an Patientinnen und Patienten, der Art der
Behandlungen ab. Die Bundesärztekammer arbeitet bereits seit mehreren
Jahren an einem Instrument dafür. Dieses Instrument sollte nun erprobt
werden. Das Bundesgesundheitsministerium hat dafür KPMG beauftragt. Wir
haben jetzt in einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung nachgefragt,
was das Ergebnis war und wie die Bundesregierung damit umgeht.
taz: Und?
Grau: Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass das Instrument der
Bundesärztekammer derzeit nicht für einen flächendeckenden Einsatz geeignet
ist. Aber meiner Ansicht nach ist das Gutachten nicht gut gemacht – das
sage ich als jemand, der selbst viele Jahre klinische Forschung betrieben
hat. Es sollen aber weder der Bundesärztekammer die Erprobungsdaten zur
Verfügung gestellt werden, um ihr Instrument zu verbessern, noch zeigt die
Bundesregierung Interesse, ein anderes Instrument zu entwickeln. Sie
überlassen die Frage der Personalausstattung also weiterhin komplett den
Krankenhäusern.
taz: Die Krankenhausgesellschaft befürwortet das, weil alles andere ein
Eingriff in die Selbstverwaltung sei und noch mehr Bürokratie bedeute.
Grau: Die Krankenhausgesellschaft vertritt hier nicht die Interessen der
Ärztinnen und Ärzte und auch nicht die der Patientinnen und Patienten,
sondern die ökonomische Sichtweise der Geschäftsführungen. Das ist in der
aktuellen wirtschaftlichen Lage vieler Krankenhäuser auch bis zu einem
gewissen Grad nachvollziehbar. Trotzdem wäre die Deutsche
Krankenhausgesellschaft gut beraten, ihre Strategie zu überdenken. Wenn es
klar geregelte Verpflichtungen zur personellen Ausstattung gibt – egal ob
zu Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten oder anderen Gesundheitsberufen –,
dann müssten diese Fachkräfte auch gegenfinanziert werden; das würde auch
die Verhandlungsposition der Krankenhäuser stärken.
taz: Die Lage der Krankenhäuser könnte durch das
[4][Krankenkassen-Sparpaket] noch mieser werden: Die Kostensteigerungen in
Krankenhäusern sollen gedeckelt werden. Die Kliniken drohen schon mit
Einsparungen beim Personal.
Grau: Die Ärztinnen und Ärzte sind nach der Pflege der zweitteuerste Posten
in den Krankenhäusern – und bei den Ärztinnen und Ärzten wird jetzt gespart
werden. Auch die Ausstattung mit Therapeuten und Sozialarbeitern wird
leiden.
taz: Die Pflegekräfte waren eigentlich durch das gesonderte Pflegebudget
vor Personalkürzungen geschützt. Jetzt soll auch dieses Budget
möglicherweise wieder abgeschafft werden.
Grau: Ich sehe ganz klar die Gefahr, dass sich die Arbeitssituation in den
Krankenhäusern wieder drastisch verschlechtert, dass Stellen abgebaut
werden aus wirtschaftlichen Gründen. Und das wäre eine Entwicklung in die
ganz falsche Richtung. Das würde die Versorgung der Menschen in unserem
Land gefährden.
29 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
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