# taz.de -- Gesundheitsreform: Das Sparpaket ist nicht historisch, sondern erkauft nur Zeit
> Die „Gesundheitsreform“ müsste Sparpaket heißen. Die Beschlüsse sind zwar
> relativ sozialverträglich, doch sie machen das System nicht
> zukunftssicher.
(IMG) Bild: Mit der jetzigen Gesundheitsreform wird allenfalls etwas Zeit gewonnen. Systemische Probleme werden dagegen nicht gelöst
Seit dieser Woche steht der Entwurf für die „Reform, die wir durchaus
historisch nennen können“. Gemeint ist das Gesetz zur Stabilisierung der
Krankenkassenbeiträge. Die Behauptung zur Tragweite stammt von
Bundeskanzler Friedrich Merz und ist vor allem eine Floskel. Was am 28.
April im Kabinett beschlossen wurde, geht sicher nicht in die
Geschichtsbücher ein.
Es ist auch keine Reform, sondern [1][in erster Linie ein Sparpaket], das
vielleicht drei Jahre Stabilisierung bringt und bei dem sich bislang nicht
einmal die Regierungsfraktionen wirklich einig sind, ob das jetzt so vom
Bundestag beschlossen werden soll. Deren Zerren daran ist nicht nur eine
Einladung an die zahlreichen Lobbygruppen im Gesundheitswesen. Es lenkt
auch von den wesentlichen Herausforderungen ab.
Seit Jahren entwickeln sich Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen
Krankenkassen immer weiter auseinander. Für nächstes Jahr ist ein Defizit
von rund 15 Milliarden Euro prognostiziert. Ohne Einsparungen drohen
weitere Beitragssteigerungen. Ende März hatte eine vom
Gesundheitsministerium einberufene [2][Expert*innenkommission 66
Vorschläge vorgelegt], mit einem möglichen Einsparvolumen von über 40
Milliarden Euro allein für 2027.
Das [3][nun geplante Sparpaket] bleibt mit 16,3 Milliarden Euro weit
dahinter zurück. Rund 70 Prozent der Maßnahmen betreffen Kürzungen bei den
Vergütungen der Krankenhäuser, Praxen, Hersteller und Krankenkassen selbst.
SPD und CSU reiben sich aber vor allem an dem, was den Versicherten an
Einsparungen zugemutet wird – rund 23 Prozent des Gesamtvolumens.
## Systemische Fragen werden ausgespart
Dabei ist hier durchaus ein sozialverträglicher Beitrag gelungen. Die
kostenlose Mitversicherung von Ehepartner*innen wird zwar
eingeschränkt. Dank Ausnahmen für Menschen mit Kindern und
pflegebedürftigen Angehörigen sowie einem niedrigen prozentualen Beitrag
werden aber vor allem Gutverdienende belastet. Die Erhöhung der
Beitragsbemessungsgrenze betrifft ausschließlich höhere Einkommen.
Die Anhebung der Zuzahlungen ist die erste seit 20 Jahren. Ärmere und
chronisch kranke Menschen sind durch Zumutbarkeitsgrenzen geschützt.
Wichtig ist hier, dass Versicherte besser als bisher über das Erreichen der
Grenze informiert werden – das hatte auch die Kommission gefordert. Eine
zwischenzeitlich geplante Kürzung des Krankengelds wurde aus dem Sparpaket
komplett gestrichen.
Statt mit diesen im Kabinett bereits beschlossenen Maßnahmen nun weiter
Politik zu machen, sollte sich der Fokus auf systemischere Fragen richten,
auf die chronischen Krankheiten des Gesundheitssystems. Zu klären ist,
welche [4][Folgen die Sparpolitik auf gemeinnützige Klinken hat], die schon
jetzt am Limit sind.
## Ein stärkerer Fokus auf Prävention ist nötig
Die Gefahr ist groß, dass die schon länger beschlossene, aber teils
verschobene Krankenhausreform zu spät kommt und vielleicht auch zu wenig
Wirkung entfaltet. Wer das Gesundheitssystem zukunftsfest machen will, muss
außerdem Fehlanreize in der ambulanten Versorgung und die ungerechte
Struktur aus privater und gesetzlicher Versicherung angehen.
Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist Deutschland erheblich im
[5][Rückstand bei der Präventionspolitik]. Die spart nicht nur Kosten,
sondern verbessert auch die Gesundheit der Versicherten. Die im aktuellen
Gesetzentwurf geplante Zuckerabgabe ist da nur ein zaghafter Beginn.
Dass die Regierung für die gesetzliche Versicherung von
Bürgergeldempfänger*innen nur minimal mehr aus dem Bundeshaushalt
bezahlen will, ist ein falsches Signal. Denn Sozialleistungen sollten von
der Gesamtheit der Steuerzahlenden gestemmt werden. Die gleichzeitige
Streichung von 2 Milliarden Euro Bundeszuschuss an die Krankenkassen macht
diese Maßnahme zu einem schlechten Witz.
Das aktuelle Sparpaket erkauft etwas Zeit. Für manche Krankenhäuser könnte
es allerdings schon im kommenden Jahr brenzlig werden. Die
Expert*innenkommission soll zwar bis Ende des Jahres weitere
Vorschläge, diesmal für tiefgreifendere Reformen, vorlegen. Für eine
Umsetzung noch in dieser Legislaturperiode wird das aber knapp.
„Historisch“, wenn man so will, ist der Moment, in dem das eigentlich gute
und leistungsstarke deutsche Gesundheitssystem die über lange Zeit
eingebauten Fehler nicht länger verzeiht. Dieser Moment ist jetzt.
1 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Was-bedeutet-das-Gesetz-zur-Krankenkassen-Finanzierung-fuer-Versicherte-Ein-FAQ/!6175004
(DIR) [2] /Vorschlaege-zur-Reform-der-Krankenkassen/!6164479
(DIR) [3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/G/GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz_Kabinett.pdf
(DIR) [4] /Sparplaene-fuer-das-Gesundheitssystem/!6170382
(DIR) [5] /Studie-zu-gesundem-Leben/!6135272
## AUTOREN
(DIR) Manuela Heim
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