# taz.de -- Arzt über Sparen bei der Gesundheit: „Soziale Ungleichheit schreibt sich in den Körper ein“
       
       > Die aktuellen Sparvorhaben werden Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen
       > verschärfen, befürchtet der Arzt Benjamin Wachtler.
       
 (IMG) Bild: Wer sich fit hält und wer nicht, hängt auch vom sozialen Umfeld ab
       
       taz: Herr Wachtler, wie sehr beschäftigen Sie als Arzt die aktuellen
       Sparvorhaben der Bundesregierung? 
       
       Benjamin Wachtler: Genau diese Sparmaßnahmen können sehr starke
       Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Das sollte
       eigentlich zu einem Aufschrei führen. Weil der Schwerpunkt meiner Arbeit
       auf der Bevölkerungsgesundheit liegt, beunruhigt mich das jedenfalls sehr.
       
       taz: Die Regierung plant Reformen in nahezu allen sozialpolitischen
       Bereichen. Was bekommen wir da aus Ihrer Sicht? 
       
       Wachtler: Es hat angefangen mit der Neuausrichtung des Bürgergelds also der
       Grundsicherung. Deutlich wird, dass hier die Einsparungen und die
       Konsolidierung des Haushalts im Vordergrund steht. Diese Austeritätspolitik
       setzt sich jetzt bei den Sozialversicherungen, also Rente, Krankenkassen
       und Pflege, fort – obwohl gerade hier grundlegendere Reformen nötig wären.
       
       taz: Regierungen sparen ja aber in der Regel nicht, weil es ihnen Spaß
       macht. 
       
       Wachtler: Tatsächlich bewegt sich der öffentliche Diskurs in die Richtung,
       dass Sparen in diesen Bereichen als unumgänglich wahrgenommen wird. Dass
       die Politik so stark auf Einsparungsprogramme setzt, folgt aber vor allem
       einer neoliberalen politischen Ideologie.
       
       Wenn eine Erhöhung der Einnahmenseite, durch höhere Besteuerung reicherer
       Menschen über eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer zum Beispiel,
       ausgeschlossen wird, dann bleibt nur noch eine solche Sparpolitik, die vor
       allem weniger gut gestellte Menschen belastet. Die hat aber eben Folgen für
       die Gesundheit der Bevölkerung.
       
       taz: Woher wissen Sie das? 
       
       Wachtler: Das sehen wir jetzt sogar schon an der Entwicklung der
       Lebenserwartung. 2010 wurde zuerst für Großbritannien und die USA eine
       Verringerung der Lebenserwartung beschrieben. Inzwischen sehen wir es auch
       in Deutschland.
       
       taz: Hat der Anstieg der Lebenserwartung nicht einfach natürliche Grenzen? 
       
       Wachtler: Das spielt sicher eine Rolle, aber nicht die entscheidende.
       Tatsächlich sehen wir diese Verlangsamung beziehungsweise sogar einen
       Rückgang der Lebenserwartung vor allem bei benachteiligten
       Bevölkerungsgruppen, während sie bei besser gestellten Gruppen weiter
       steigt. Das ist alarmierend, weil es eben nicht auf biologische, sondern
       auf gesellschaftliche Bedingungen zurückzuführen ist.
       
       taz: Wir kennen die Diskussion um die ungleiche Verteilung von Ressourcen
       bisher vor allem aus den Bereichen [1][Bildung], Wohnraum, Einkommen, Erbe. 
       
       Wachtler: Das ist interessant, nicht wahr? Auch bei den aktuellen
       Sparvorhaben spielen die Auswirkungen auf die Verteilung von Gesundheit
       bisher keine Rolle.
       
       taz: Woran könnte das liegen? 
       
       Wachtler: Es herrscht immer noch die Erzählung vor, dass Gesundheit ein
       individuelles Problem ist. Tatsächlich wird sie aber durch
       gesellschaftliche Bedingungen ganz maßgeblich beeinflusst. Soziale
       Ungleichheit schreibt sich über verschiedene Wege in den Körper ein.
       
       Welche Produkte können wir uns leisten? Welche Möglichkeit der
       gesellschaftlichen Teilhabe haben wir? Wieviel Zeit und Energie bleibt nach
       der Arbeit für uns selbst gut zu sorgen und unsere Kinder zu fördern?
       
       Wo sich Menschen im Vergleich zu anderen innerhalb der Gesellschaft
       verorten, finanzielle Sorgen und andere Stressfaktoren – das hat alles
       erheblichen Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit.
       
       taz: Wenn Menschen durch Alkoholkonsum, Rauchen, wenig Sport, schlechte
       Ernährung ihr Leben verkürzen – was kann der Staat dafür? 
       
       Wachtler: Gesundheitsschädliches Verhalten existiert nicht losgelöst von
       gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Menschen leben und arbeiten. Wie
       stark ein Mensch überhaupt in der Lage ist in die eigene Gesundheit zu
       investieren, hängt von seinen Perspektiven auf eine lebenswerte Zukunft ab.
       
       taz: Wie messbar ist dieser Zusammenhang? 
       
       Wachtler: Es gibt zunehmend Studien, die Auswirkungen konkreter politischer
       Maßnahmen auf die Bevölkerungsgesundheit untersuchen, insbesondere seit der
       Finanzkrise 2008.
       
       taz: Haben Sie ein Beispiel? 
       
       Wachtler: In [2][Großbritannien] gab es ab den 1980ern eine stark
       neoliberal ausgerichtete Politik, die zu großen sozialen Ungleichheiten
       führte. Und gleichzeitig eine erstarkende Public-Health-Wissenschaft, die
       sich das genau angeschaut hat.
       
       Die Labour-Regierung griff das Thema ab 1997 auf und führte weitreichende
       Reformen durch. In einem ganzen Bündel aus sozialen Maßnahmen wurden zum
       Beispiel Alleinerziehende besser abgesichert und Gesundheitsversorgung
       dorthin gebracht, wo sie am meisten gebraucht wird.
       
       Diese Maßnahmen hatten einen nachweislich positiven Effekt auf die
       Entwicklung der Lebenserwartung, der Kindersterblichkeit und der
       gesundheitlichen Ungleichheit.
       
       taz: Diesen Ruf als Positivbeispiel für Bevölkerungsgesundheit haben die
       Briten dann aber wieder sausen lassen. 
       
       Wachtler: Auf jeden Fall. Nach Abwahl der Labour-Regierung 2010 und der
       Übernahme der Tories hat sich die Situation rasant verschlechtert – vor
       allem durch Austeritätspolitik.
       
       Enorme Summen wurden über kurze Zeit eingespart und diese überproportional
       stark in den Regionen, die ohnehin schon schlechter dastanden. Diese
       Politik hatte katastrophale Folgen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.
       
       taz: Sind die britischen Maßnahmen vergleichbar mit dem, was Merz und Co.
       jetzt in Deutschland planen? 
       
       Wachtler: Das war schon weitreichender, aber es gibt Parallelen. Zum
       Beispiel wurde in Großbritannien mittellosen Personen ähnlich wie jetzt in
       Deutschland nur noch ein Teil der Wohnkosten finanziert.
       
       Verbunden mit einer sogenannten Lebenskostenkrise, steigenden Mieten und
       einem immer schwieriger werdenden Wohnungsmarkt, führte das zu mehr
       Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Das können wir auch in Deutschland erwarten.
       
       taz: Und in Großbritannien hat sich dann binnen weniger Jahren die
       Lebenserwartung wieder negativ entwickelt? 
       
       Wachtler: [3][In der älteren Bevölkerung] sieht man das tatsächlich sehr
       schnell. Bei jüngeren Kohorten werden sich die Effekte erst sehr viel
       später zeigen.
       
       taz: Die Entwicklung der Lebenserwartung zeigt also zunächst nur die Spitze
       des Eisbergs? 
       
       Wachtler: Ganz bestimmt. Denken Sie nur daran, welche katastrophalen
       Effekte vor allem die Armut von Kindern hat. Wir wissen, dass Menschen, die
       jetzt in benachteiligten Situationen groß werden, Erfahrungen machen, die
       Auswirkungen auf das ganze weitere Leben haben, zu einer schlechteren
       Gesundheit und höheren Sterblichkeit führen.
       
       taz: Wie groß sind in Deutschland aktuell die Unterschiede in der
       Lebenserwartung? 
       
       Wachtler: Frauen in als sozioökonomisch benachteiligt definierten Regionen
       leben durchschnittlich 4,3 Jahre, Männer 7,2 Jahre weniger als die in
       besser gestellten Regionen.
       
       taz: Einen Großteil der Bevölkerung betrifft das aber nicht – warum sollte
       sich Politik dann um mehr Gleichheit kümmern? 
       
       Wachtler: Weil das Effekte auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. Und
       weil die meisten Menschen dieser Gesellschaft es immer noch als ungerecht
       begreifen dürften, wenn zum Beispiel Kinder von Anfang an schlechtere
       Bedingungen haben, die sich auf ihr ganzes weiteres Leben auswirken.
       
       Wenn man einmal versteht, dass die Unterschiede in der Gesundheit nicht nur
       auf individuelle Lebensentscheidungen zurückzuführen sind, dann ist es
       eigentlich nicht hinnehmbar, dass Regierungen ganz offensichtlich Teilen
       der Gesellschaft keine lebenswerten Lebensbedingungen mehr schaffen können
       oder diese sogar verschlechtern.
       
       taz: [4][Rechtspopulistische Parteien] argumentieren anders: Die, die
       weniger leisten, dürfen nicht gepampert werden. 
       
       Wachtler: Und gleichzeitig gehören die schlechter gestellten Menschen zu
       deren Wählern. Das zeigt einmal mehr, dass die Entscheidung der Menschen
       für rechtspopulistische Parteien nicht deren Interessen widerspiegelt,
       sondern eher eine allgemeine Verdrossenheit mit den gesellschaftlichen
       Bedingungen.
       
       taz: Selbst in neoliberaler Denkweise: Wenn Menschen durch politische
       Maßnahmen kränker werden und früher sterben, kann das doch auch nicht gut
       für die Wirtschaft sein. 
       
       Wachtler: Der Wohlstand unserer Gesellschaft beruht vor allem auf
       Wissensgenerierung und [5][Arbeitskraft]. Dafür sind Bildung und Gesundheit
       essenziell. Umso beunruhigender ist es, dass beides zunehmend als
       Ressourcenproblem begriffen wird und nicht mehr als Investition in die
       Zukunft. Damit schreibt man Teile der Gesellschaft ab und verschenkt ein
       großes Potenzial.
       
       taz: Wenn Gesundheit schon jetzt ungleich verteilt ist, müsste Politik dann
       nicht auch dafür sorgen, dass die Gesundheitsversorgung gerade für
       benachteiligte Menschen verbessert wird? 
       
       Wachtler: Selbst wenn sie es wollte: diese Möglichkeit hat Politik aktuell
       gar nicht. Die Steuerung der ambulanten medizinischen Maßnahmen wurde zum
       großen Teil der Ärzteschaft und deren Selbstvertretung – den
       Kassenärztlichen Vereinigungen – überlassen.
       
       Politik kann nur noch über finanzielle Anreize beeinflussen. Das führt zu
       einem Effekt, den wir auch als „Inverse Care Law“ bezeichnen: Leistungen
       werden im Gesundheitsbereich vor allem dort angeboten, wo sie am wenigsten
       gebraucht werden. In reicheren Vierteln gibt es mehr Ärzte als in ärmeren.
       
       taz: Obwohl es dort um die Gesundheit schlechter bestellt ist. 
       
       Wachtler: Genau. Ärzte sind letztlich auch Unternehmer und folgen
       ökonomischen Anreizen.
       
       taz: Das sagen Sie als Arzt. 
       
       Wachtler: Individuell gibt es natürlich Ärztinnen und Ärzte, denen man
       damit unrecht tut. Es gibt außerdem ein großes Gefälle zwischen den
       Facharztgruppen.
       
       Fakt ist aber, dass es keinen Steuerungsmechanismus für die ärztliche
       Versorgung in Deutschland gibt, der die Bevölkerungsgesundheit ausreichend
       berücksichtigt. Es liegt weder im Interesse noch im Vermögen der
       Kassenärztlichen Vereinigungen, das zu leisten.
       
       Das ließe sich durch Reformen ändern, aber bisher hat kein
       Gesundheitsminister Interesse daran gezeigt. Dabei ist das Grundrecht auf
       gleichwertige Lebensverhältnisse im Grundgesetz festgeschrieben. Daraus
       ergibt sich eine Verantwortung des Staates gegenüber seinen Bürgern.
       
       taz: Sind Politiker*innen dafür verantwortlich, wenn Teile der
       Bevölkerung früher sterben? 
       
       Wachtler: Die Auswirkungen einzelner politischer Entscheidungen sind in der
       Regel nicht isoliert betrachtbar. Aber wenn man entgegen wissenschaftlicher
       Erkenntnisse Politik macht, dann muss man auch davon ausgehen, dass es eine
       gewisse Form von Verantwortung gibt.
       
       taz: Was genau könnte die Politik jetzt gegen eine ungleiche Verteilung von
       Gesundheit tun? 
       
       Wachtler: Sparmaßnahmen dürfen die Perspektiven von Menschen auf ein
       lebenswertes Leben nicht weiter verschlechtern. Gesundheitsversorgung muss
       dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht wird – auch wenn dafür eine
       Reform der Steuerung nötig ist.
       
       Bei einer [6][Reform der Finanzierung der Sozialversicherungen] sollten
       anders als bisher alle Einkommensformen in die Beitragspflicht genommen
       werden, statt vor allem die zu belasten, die auf ihr Gehalt angewiesen
       sind.
       
       Eine höhere Besteuerung von Vermögen sollte zur Konsolidierung des
       Haushalts herangezogen werden. Das alles würde auch soziale Ungleichheit
       mit all ihren Folgen für die Gesundheit reduzieren.
       
       taz: Dann würde die Union ihre Wahlversprechen brechen. 
       
       Wachtler: Ich glaube aber auch nicht, dass es zum Wahlversprechen von Union
       und SPD gehörte, stattdessen Menschen sozial und gesundheitlich abzuhängen.
       
       taz: Und wer genau sollte jetzt dafür kämpfen? Die Lobby armer Menschen ist
       nicht groß. 
       
       Wachtler: Es gibt schon einzelne Initiativen. Aber entschiedener
       Widerspruch sollte auch aus der Ärzteschaft selbst, anderen
       Gesundheitsberufen und von den Gewerkschaften kommen.
       
       27 Jun 2026
       
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