# taz.de -- Kunst gegen Kälte: Wo Schlingensief die Suppe gereicht hat
> Ein paar Stunden im Warmen, dazu ein schräges Konzert: In Hamburg wurde
> mit einem Buch an die „Mission“ erinnert und ihre ganz eigene
> Straßensozialarbeit.
(IMG) Bild: Der Regisseur Christoph Schlingensief am Mikrophon. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2006
Die Suppe war beinahe aus um kurz vor sieben. Und einer war mit im Raum,
der das gar nicht mehr sein konnte: [1][Christoph Schlingensief], das
Regie-Enfant-terrible der 80er und … tja, wie lange ist das nun alles schon
her? Im Buttclub am Hamburger Hafen war jedenfalls ein Buch vorzustellen,
gewidmet einem Projekt, das unauflöslich verbunden ist mit dem 2010
verstorbenen Oberhausener Gesamtkunstwerk.
Eine Einladung des Deutschen Schauspielhauses hatte Schlingensief 1997 nach
Hamburg geführt, [2][„Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland“]
hieß das Ergebnis: Eine Woche lang machten Schlingensief und seine
Entourage Ernst mit seinem Anspruch, rauszuwollen aus dem besonderen Raum
mit dem Vorhang drin. Eine ehemalige Polizeiwache wurde „Prototyp einer
Bahnhofsmission“, stand also den Menschen offen. Man ging aber auch immer
wieder raus, diese spezifische Aktions- und Interventions- und, ja, auch
mal Klamaukkunst Schlingensiefs zu den Leuten bringen.
Von einem „Ausgangspunkt für eine Reihe mobiler Einsätze“ spricht
[3][Schlingensiefs bis heute existierende Onlinepräsenz];
„Missionsbewohner, -besucher und Journalisten“ habe man „in die Hamburger
Einkaufszone, in den als sozialen Brennpunkt berüchtigten Stadtteil St.
Georg und in den Hauptbahnhof“ geführt. Bilder zeigen ihn, wie er im
geistlichen Ornat zu den Massen in der Shopping-Wandelhalle des
Hauptbahnhofs spricht, auch wurde Erbsensuppe ausgegeben oder man
besichtigte alte Zivilschutzräume.
Es war der erste Standort der „Mission“, eines vielleicht bis heute
einzigartigen sozialen Projekts; einzigartig, weil es dort neben Suppe oder
ein paar Stunden im Warmen und Trockenen eben auch Kunst gab. Und das
mitunter unberechenbare Programm richtete sich immer auch nach draußen: Es
war ein Ort, an dem die zusammentreffen konnten, die sonst einander zu
übersehen gelernt haben.
Von mehr als 150 Konzerten berichtete jetzt Rudi, ein lange
Mitorganisierender, die man durchgeführt habe – bis zu diesem einen, bei
dem das Punk-Publikum Flaschen in die Gegend geschmissen habe und die
Polizei angerückt sei. Da war die „Mission“ lange weg vom Hauptbahnhof,
ihren dritten und vierten – zugleich letzten – Standort hatte sie beim
heute überregional bekannten [4][Gängeviertel].
[5][2023 war endgültig Schluss], aber nicht wenigen Menschen in der Stadt
war die „Mission“ wohl lange vorher aus dem Blick geraten. „Kunst gegen
Kälte“ hat Anna Ulmer ihr Buch betitelt, und darunter: „Die ‚Mission‘ in
Hamburg 1997–2022. Soziale Praxis zwischen Nützlichkeit und Widerstand“.
Rund 40 Leute kamen zu dieser ersten Vorstellung mit Lesung, Gespräch und
projizierten Bildern: Immer wieder sei er in der „Mission“ gewesen,
erzählte Markus Scholz, langjähriger Fotoredakteur der taz in Hamburg –
anfangs in deren Auftrag, später aus eigenem Antrieb. Er unterstrich die
beeindruckende Ernsthaftigkeit der Aktivist:innen, die weitermachten, als
die so prominente Kunst-, Film- und Theaterbetriebsnudel wieder weg war;
Leute von der Kunsthochschule, aber auch aus dem Umfeld des Golden Pudel
Club.
Vorneweg ordnete die Stadtethnologin Kathrin Wildner die „Mission“ ein in
ihrer Wichtigkeit, auch Pionierfunktion. Einerseits für das Hilfesystem:
Ihr „Winternotprogramm“ richtete die Stadt erst später ein, die Forderung
nach Betten für Bedürftige ist aber schon auf manchem der alten Fotos zu
lesen. Andererseits als Beispiel für eine bestimmte, eben in die
Wirklichkeit einzugreifen beanspruchende künstlerische Praxis: Keinen
nostalgischen Blick zurück bietet das Buch, bot auch der Abend nicht;
tränenschwer, womöglich, weil so viele von damals nicht mehr leben, auf der
Straße wirst du halt nicht alt.
Vielmehr betonte man nun im Buttclub Kontinuitäten: Wenn die damals schon
virulenten Probleme Repression gegen nicht (oder nicht das Richtige)
konsumierende Gruppen, Wohnungsnot und überhaupt: Verdrängung nicht
verschwunden sind, bietet so ein Projekt womöglich immer noch – oder wieder
– Antworten darauf.
10 Jul 2026
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(DIR) [3] https://www.schlingensief.com/projekt.php?id=t012
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## AUTOREN
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