# taz.de -- Fifa-Spitze bedroht den Fußball: Ende des Spiels
       
       > Gianni Infantino hat den Fußball der politischen Einflussnahme
       > preisgegeben. Die Glaubwürdigkeit ist angekratzt. Kommt es zu einem
       > Machtwechsel?
       
 (IMG) Bild: Im Regen: Folarin Balogun ist ungewollt ins Zentrum einer Ethikdebatte im Fußball geraten
       
       Folarin Balogun ist gewiss ein außergewöhnlich guter Fußballer. Er spielt
       in der französischen Liga bei AS Monaco und für die Nationalmannschaft der
       USA. Für die hat er bei der Heim-WM drei Tore geschossen. Sein Name wird in
       Erinnerung bleiben. An seinen sportlichen Meriten liegt das nicht. [1][Es
       liegt an einem Foulspiel], für das er in der Partie gegen Bosnien und
       Herzegowina die Rote Karte gesehen hat – und vor allem an der
       sportpolitischen Affäre, die daraus erwachsen ist.
       
       An deren Ende wurde die nach einer Roten Karte eigentlich vorgeschriebene
       Sperre zur Bewährung ausgesetzt. US-Präsident Donald Trump hatte sich zuvor
       bei Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einem Telefonat darüber beschwert.
       Folarin Balogun durfte im Achtelfinale gegen Belgien spielen. Die
       US-Regierung triumphierte nach dieser Entscheidung der Fifa. Seitdem
       diskutiert die Sportwelt darüber, [2][ob der Fußball seine Unabhängigkeit
       geopfert hat.]
       
       Der Verdacht, die Politik habe in den Fußball hineinregiert, rüttelt an den
       Grundfesten des Sports. Der zieht seine Faszination daraus, dass zu Beginn
       eines Wettkampfs nicht feststeht, wer ihn am Ende gewinnt. Manchmal ist der
       Glaube an einen fairen Wettbewerb nur eine Illusion. Von der aber lebt der
       Sport. Und die Aufgabe der Sportverbände ist es, diese Illusion
       herzustellen. Dazu gibt es die Regeln. Die sollten unantastbar sein. Nach
       der Intervention Donald Trumps bei der Fifa gibt es berechtigte Zweifel an
       der Integrität des sportlichen Wettbewerbs bei dieser Weltmeisterschaft.
       Die Fifa scheint gerade dabei zu sein, ihr wertvollstes Gut dem Geschäft zu
       opfern.
       
       Verantwortlich dafür [3][ist Gianni Infantino]. Der Präsident des
       internationalen Fußballverbands hat es nicht geschafft, das Spiel frei von
       politischer Einflussnahme zu halten. Dafür steht er massiv in der Kritik.
       Der europäische Kontinentalverband Uefa hat unmissverständlich deutlich
       gemacht, was sie von den Vorgängen um Balogun hält. „Die Uefa ist
       fassungslos angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und
       ungerechtfertigten Entscheidung“, heißt es in dem Statement des Verbands.
       Und: „Wenn die Einhaltung der Spielregeln nicht länger von ihren Hütern
       gewährleistet wird, steht die Integrität des Fußballs auf dem Spiel, und
       die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs wird untergraben.“ Dies ist ein
       Frontalangriff auf den Fifa-Präsidenten.
       
       Mehreinnahmen ersticken Kritik
       
       Der will sich 2027 für eine weitere Amtszeit von vier Jahren wiederwählen
       lassen. Dass er scheitern könnte, war bis zum Fall Balogun nicht denkbar.
       Er gilt als der Gönner, der auch kleinen Verbänden zu großen Einnahmen
       verhilft. „More Money!“ So lautet das ewige Versprechen, mit dem Infantino
       sich auch beim jüngsten Kongress im April in Vancouver an die Vertreter der
       211 Mitgliedsverbände gewandt hat. Mit schier unfassbaren 14 Milliarden
       US-Dollar Einnahmen rechnet die Fifa bei diesem WM-Turnier. Die Hoffnung
       auf immer weiter steigende Einnahmen hat dafür gesorgt, dass sämtliche
       Kritik an den Mondpreisen für Tickets oder an die irrwitzige Verleihung
       eines Friedenspreises an US-Präsident Donald Trump bei den meisten
       Mitgliedsverbänden keinen Widerhall gefunden hat.
       
       Das könnte sich nun ändern. Die Uefa hat sich schon gegen Infantino
       positioniert. Sie ist mit ihren 55 Mitgliedern allerdings kein großer
       Machtfaktor im Fifa-System, in dem jeder Verband eine Stimme hat. Aber die
       Deutlichkeit der Stellungnahme wird auch anderswo auf der Welt zur Kenntnis
       genommen. Ein großer Verband wie der Deutsche Fußball-Bund hätte vor diesem
       Hintergrund endlich mal die Chance, wirklich Farbe zu bekennen. Doch statt
       sich mit aller Kraft hinter den Protest der Uefa zu stellen, sondert
       DFB-Präsident Bernd Neuendorf nichts als windelweiche Sätze wie diesen ab:
       „Ich bin mir mit der Uefa einig, dass dieser Vorgang nicht zu den Akten
       gelegt werden darf, zunächst aber unter den europäischen Fußballverbänden
       weiter besprochen werden muss.“
       
       Wieder einmal scheint sich der DFB heraushalten zu wollen aus den
       andauernden Streitigkeiten zwischen der Fifa und der Uefa. Die haben
       Tradition. Meistens geht es dabei ums Geschäft. Die Europäer wollten es der
       Fifa nicht zugestehen, dass diese neben der Geldmaschine Champions League,
       welche die Uefa mit großem Erfolg betreibt, mit der Weltmeisterschaft für
       Vereinsmannschaften auch von der Popularität der führenden Klubs aus Europa
       profitiert. Doch nun geht es um etwas Grundsätzlicheres. Um den Kern des
       Wettbewerbs.
       
       Den sehen auch Verbände außerhalb Europas seit dem Fall Balogun in Gefahr.
       Da wettert der ägyptische Trainer Hassan Hossam nach der Niederlage im
       Achtelfinale gegen Argentinien von Wettbewerbsverzerrung, und nicht wenige
       fragen sich, ob nicht etwas dran sein könnte an seiner Behauptung, die Fifa
       hätte für den Sieg der Argentinier gesorgt. Der Verband hat nach dem Spiel
       Protest eingelegt und will damit dafür sorgen, dass der französische
       Schiedsrichter des Spiels, François Letexier, keine Partie mehr bei der WM
       pfeift. Wird nach dem Fall Balogun bald alles infrage gestellt, was die
       Fifa entscheidet?
       
       ## Ein nicht mehr einzufangendes Problem
       
       Auch der französische Fußballverband hat [4][nach dem Achtelfinale gegen
       Paraguay] Einspruch gegen eine Gelbe Karte von Michael Olise bei der Fifa
       eingelegt. Der war verwarnt worden, obwohl Bilder des Spiels beweisen, dass
       er seinen Gegenspieler kaum berührt hat, bevor dieser mit Schmerz
       vorspielendem Gesicht zu Boden gegangen ist. Den Regeln entsprechend ist
       die Verwarnung nicht zurückgenommen worden. Dass eine den Regeln
       entsprechende Sperre im Fall Balogun zurückgenommen wurde, passt so gar
       nicht zu dieser Entscheidung. Die Fifa hat mit ihren Verhalten in der
       Affäre um Balogun etwas ausgelöst, was sich so schnell nicht wieder
       einfangen lässt.
       
       Und da war ja nicht nur dieser eine Fall, bei dem die Fifa es nicht
       geschafft hat, die Teams vor staatlichem Eingreifen zu schützen. Dass der
       Schweizer Stürmer [5][Breel Embolo erst mit etlichen Tagen Verzögerung] zu
       seiner Mannschaft in die USA fliegen konnte, weil die
       US-Einwanderungsbehörden irgendwas klären mussten, wird nicht nur der
       Betroffene selbst nicht so schnell vergessen. Auch das siebenstündige
       Verhör, das der irakische Auswahlspieler Aymen Hussein bei seiner Einreise
       über sich ergehen lassen musste, gehört zu den Fällen, in denen es die Fifa
       nicht geschafft hat, den eigenen Wettbewerb und seine Teilnehmer zu
       schützen.
       
       [6][Beispiellos sind auch die Bedingungen, unter denen die Mannschaft
       Irans] bei dieser WM spielen musste. Obwohl sie alle drei Gruppenspiele in
       den USA zu spielen hatte, musste sie ihr Quartier in Mexiko aufschlagen und
       durfte rund um die Spieltage nur wenige Stunden in den USA verbleiben.
       Etliche Betreuer, auch solche aus der medizinischen Abteilung, durften das
       Team dabei nicht begleiten. Auch wer für die Nationalmannschaft Irans als
       Propagandawerkzeug eines finsteren Regimes nicht viel übrig hat, muss hier
       von Wettbewerbsverzerrung sprechen.
       
       Für ebenso große Aufregung hatte zu Beginn des Turniers die Nachricht
       gesorgt, dass [7][der somalische Schiedsrichter Omar Artan keine
       Einreisegenehmigung] in die USA erhalten hat. Auch ihr Schiedsrichterteam
       vermochte die Fifa nicht zu schützen. In seiner Heimat und Teilen der
       muslimischen Welt wird Artan seitdem gefeiert wie ein Superstar. Der
       kuwaitische Fußballverband hat Artan umgehend eingeladen und ihm
       öffentlichkeitswirksam einen Preis verliehen. Mit Artan hat die Fifa einen
       wahren Märtyrer produziert.
       
       ## Größtes Machtinstrument verliert an Wirkung
       
       All diese Fälle könnten dazu beitragen, dass die Rechnung, die immer wieder
       aufgestellt wird, wenn es um die Chancen Infantinos für eine neue Amtszeit
       geht, am Ende doch nicht aufgeht. Zwar haben Konföderationen aus Südamerika
       (10 Stimmen), Afrika (54 Stimmen) und Asien (46 Stimmen) schon angekündigt,
       für die Wiederwahl Infantinos zu stimmen, was für die Mehrheit locker
       reichen würde. Doch das war vor dem Turnier, vor all den Eingriffen der
       Politik in das Spiel.
       
       Es könnte auch deshalb Bewegung in den Kampf um Infantinos Nachfolge
       kommen, weil dessen größtes Machtinstrument weit weniger wirkungsvoll ist
       als zuvor. Das Feld, das er bestellt hat, können seine Nachfolger abernten.
       Die nächsten Männerturniere sind vergeben. Sie werden ebenso riesig sein
       wie das derzeit laufende. [8][Die WM in Marokko, Spanien und Portugal 2030]
       wird ebenso wie die WM 2034 in Saudi-Arabien keinen Cent weniger abwerfen
       als das Turnier, das gerade alle Umsatzrekorde bricht. Wer immer Infantino
       beerben wird, er wird das Füllhorn übernehmen können, mit dem der Schweizer
       bis jetzt so erfolgreich regiert.
       
       Infantino galt durchaus mal als Hoffnungsträger, der aus einem Verband, der
       aus der Fifa, die vor ihm von einer Clique von Spitzenfunktionären mit Hang
       zur Selbstbereicherung geführt wurde, eine moderne Sportorganisation machen
       sollte. Er mag gut für ihre Bilanzen gewesen sein, den sportlichen Wert hat
       er vernichtet. Es ist Zeit für einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Die
       Chancen auf ein Ende der Ära Infantino stehen gerade gar nicht mal so
       schlecht.
       
       10 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Trump-greift-bei-Fussball-WM-ein/!6193728
 (DIR) [2] /Skandalentscheidung-der-Fifa/!6193717
 (DIR) [3] /Kolumne-Giannis-Welt/!t6185982
 (DIR) [4] /Fussball-WM-2026/!6186719
 (DIR) [5] /Vor-Beginn-der-Fussball-WM/!6186119
 (DIR) [6] /Nach-dem-WM-Aus-Irans/!6191467
 (DIR) [7] /WM-Verbot-fuer-somalischen-Schiri/!6185854
 (DIR) [8] /Maennerfussball-WM-2030-in-Marokko/!6116263
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fifa
 (DIR) Ethik
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Kolumne Press-Schlag
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Fußball
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Kolumne Giannis Welt
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Kolumne Giannis Welt
 (DIR) Kolumne Giannis Welt
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Zweifelhafter Videobeweis im WM-Finale: Abseitige Machenschaften
       
       Selbst das WM-Finale steht unter Manipulationsverdacht. Es geht um eine
       mögliche falsche Abseits-Entscheidung. Der Fußball braucht eine KI-Debatte.
       
 (DIR) Verkauf von WM-Anteilen: Die Gier im Profifußball ist grenzenlos
       
       Die Pläne von Fifa-Präsident Infantino, Anteile der WM an Investoren zu
       verkaufen, sind desaströs. Die Empörung der Uefa ist sympathisch, aber
       scheinheilig.
       
 (DIR) Investoren im Fußball: Der große WM-Ausverkauf
       
       Fifa-Präsident Gianni Infantino will Investoren am Geschäft mit den
       Weltmeisterschaften beteiligen. Aus Europa gibt es heftigen Protest
       dagegen.
       
 (DIR) Spaniens Triumph im WM-Finale: Ein kleiner Sieg für den Fußball
       
       Spanien lässt den überharten Argentiniern keine Chance und wird
       Weltmeister. Bei der Siegerehrung mit Donald Trump wird das Finale zur
       Propagandashow.
       
 (DIR) Sport als Propagandawerkzeug: MAGA unter den Ringen
       
       Nach der WM steht mit den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles das
       nächste Großevent in den USA an. Die PR-Maschine läuft widerspruchslos
       weiter.
       
 (DIR) Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Finale Gedanken vor dem Finale
       
       Gianni Infantino ist schon vor dem WM-Finale einfach nur dankbar dafür, was
       er für den Fußball getan hat. Auch Donald Trump wird von ihm gelobt.
       
 (DIR) Fußball bewegt Palästina-Frage: Stimmen der Diaspora
       
       Auch wenn es in deutschen Medien sonst kaum vorkommt: Propalästinensische
       Proteste bewegen Fußballfans auch während der WM. Nicht nur dank Ägypten.
       
 (DIR) Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Volles Verständnis für die Fans
       
       Gianni Infantino blickt zufrieden auf nun auf 100 Spiele bei dieser WM
       zurück. Die Buhrufe gegen ihn im Stadion stimmen ihn nachdenklich.
       
 (DIR) Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Das größte Finale aller Zeiten
       
       Das Teilnehmerfeld einer WM zu erweitern, ist für Gianni Infantino eine
       leichte Übung. Doch der Chef des Weltverbands denkt noch viel weiter.
       
 (DIR) Die üblichen Verdächtigen im Halbfinale: Eine WM wie bestellt
       
       Im Halbfinale der inklusivsten Weltmeisterschaft aller Zeiten steht wieder
       eine exklusive Auswahl an Fußballnationen. Die Fifa hat viel dafür getan.
       
 (DIR) Rote-Karte-Skandal bei der WM: Mit Fußball hat das nichts zu tun
       
       Nach einem Anruf von Donald Trump nimmt Fifa-Präsident Infantino die
       Rotsperre für einen US-Spieler zurück. Dabei geht es um viel mehr als
       Sport.
       
 (DIR) Trump greift bei Fußball-WM ein: „Vielen Dank an die Fifa“
       
       Die Fifa setzt die Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun nach einem Anruf
       von US-Präsident Trump aus. Die Uefa zeigt sich fassungslos. Die Belgier
       legen Berufung ein.
       
 (DIR) Skandalentscheidung der Fifa: Entscheidend ist nicht mehr auf’m Platz
       
       Die Sperre eines US-Spielers wird nach einem Telefonat von Donald Trump mit
       dem Fifa-Boss aufgehoben. Das ist das Ende des Fußballs, wie wir ihn
       kannten.