# taz.de -- Zweifelhafter Videobeweis im WM-Finale: Abseitige Machenschaften
       
       > Selbst das WM-Finale steht unter Manipulationsverdacht. Es geht um eine
       > mögliche falsche Abseits-Entscheidung. Der Fußball braucht eine
       > KI-Debatte.
       
 (IMG) Bild: Ferran Torres auf dem Weg zu seinem zweiten Treffer im WM-Finale. Das Tor wird indes wegen vermeintlichem Abseits zurückgenommen
       
       Die [1][unangenehme letzte Männer-WM] wird noch etwas unangenehmer. Eine
       [2][Recherche der SZ ] weckt Zweifel an Entscheidungen beim Finale Spanien
       gegen Argentinien. Spaniens zweites Tor, das wegen Abseits aufgehoben
       wurde, soll laut Analyse-Experten kein Abseits gewesen sein. Die Grafik der
       Fifa sei falsch. Ob absichtlich oder unabsichtlich, ja, das ist nur eine
       der Fragen.
       
       Die Grafik, die ungewöhnlich spät kam, sei „nicht deckungsgleich mit dem
       Ausgangsfoto“, so der Vorwurf der Experten. Zum Beispiel seien Hand- und
       Armhaltungen der Spieler dort anders als in echt. Eine „vertikale
       Verzerrung“ sei falsch berechnet. Der Vorwurf geht über den Einzelfall
       hinaus: Die Fifa arbeite bei der halbautomatischen Abseitserkennung mit
       einem undurchsichtigen System und suggeriere eine Präzision, die es nicht
       gebe. Das dritte spanische Tor nach angeblichem Foul nebenbei soll auch zu
       Unrecht aberkannt worden sein.
       
       Nun kann man sich fragen, wo der Fußball falsch abgebogen ist, dass ein
       Medium seitenlang über Armhaltungen und vertikale Verzerrungen diskutiert.
       Die Vorwürfe sind aber auf zwei Ebenen hoch spannend. Zunächst einmal,
       gewiss, stellen sie die Glaubwürdigkeit der WM weiter infrage, die
       [3][schon durch Trumps Telefonintervention] massiv beschädigt ist. Die SZ
       behauptet keine klare Manipulation. Dass aber bei einem Turnier in Messis
       Wahlheimat, bei dem Argentinien ständig nachweislich bevorteilt wurde, auch
       noch im Finale wohl zwei Fehlentscheidungen zugunsten Argentiniens fielen,
       hilft der Sache der Fifa jedenfalls nicht. Ihr Schweigen ebenso wenig. Und
       grundsätzliche Messfehler auch nicht.
       
       Spannender noch ist die zweite Ebene. Denn heftig wackelt hier ein Credo:
       Dass Toptechnologie den Fußball objektiver mache. Zwar ist der VAR allseits
       verhasst, aber Fans neigen dazu, zumindest Abseitslinien für objektiv zu
       halten. Dabei sind die Grafiken nur Nachbildungen mit offenbar
       zwangsläufigen Ungenauigkeiten und Messfehlern. Auch ist etwa der Zeitpunkt
       einer Ballabgabe überhaupt nicht objektivierbar. Nicht zuletzt kann der VAR
       eingreifen und zum Beispiel eine Abseitslinie selbst ziehen, wenn die
       andere ihm nicht genügt. Der Fußball muss also dringend eine KI-Diskussion
       führen.
       
       ## Fans sollten ihre Medienkompetenz stärken
       
       Eine Abseitslinie ist so viel oder wenig verlässlich wie Ergebnisse von
       ChatGPT. Hinter ihrer „Intelligenz“ stecken überaus menschliche
       Programmierungen. Technik hat den Fußball präziser gemacht, aber auch
       leichter manipulierbar – weil Interessen hinter einer angeblich unfehlbaren
       „Intelligenz“ verschwinden.
       
       Sie ist damit mitnichten schlecht. KI wird nicht verschwinden (jedenfalls
       nicht bis zum absehbaren Klimakollaps mit heftigem Wassermangel und
       instabilem Stromnetz). Es hilft, klüger damit umzugehen. Fans sollten
       erstens ihre Medienkompetenz stärken. Verstehen, wie Instrumente im Fußball
       arbeiten und dass sie nicht „die Realität“ zeigen. Zweitens: Transparenz
       bei der Gestaltung verlangen. Zum Beispiel die Debatten im VAR-Raum zeigen,
       wie das beim Football teils schon passiert. Und drittens, am wichtigsten:
       Die Fußballbranche sollte KI für klügere Aufgaben nutzen als nur die
       verzweifelte Suche nach dem richtigen Pfiff.
       
       Zum Beispiel: Wie kann man einen kaputten Wettbewerb so neu gestalten, dass
       er langfristig einer bleibt? Welche Reformen senken am wirksamsten
       Emissionen, ohne den Zauber zu mindern? Wie strukturiert man
       demokratischere Verbände? Welche neuen Ziele kann sich Fußball setzen,
       damit er nach dem Wachstumssystem lebensfähig ist? In solche Hilfsmittel
       sollten Verbände dringend investieren.
       
       Aber Menschen fragen die Technik ja nur nach Antworten, die sie hören
       wollen.
       
       21 Aug 2026
       
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