# taz.de -- Deutsche Entwicklungspolitik: Gießkanne und Rasenmäher
       
       > Auch 2027 wird bei der Entwicklungspolitik gekürzt. Die soll mit wenigen
       > Mitteln viel leisten und wird häufig an einer Frage gemessen: Bringt das
       > was?
       
 (IMG) Bild: Hat „mehr Fokussierung“ versprochen: Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) bei einem Besuch in Sierra Leone Anfang 2026
       
       Geld für Entwicklungspolitik auszugeben, ist stets heikel. Kaum ein
       Politikfeld muss so viel gleichzeitig leisten: Das Geld soll deutschen
       Interessen dienen, aber auch den Menschen vor Ort zugutekommen. Vor allem
       soll es nicht verschwendet werden.
       
       Im Moment vollzieht sich weltweit ein Paradigmenwechsel, ausgelöst von
       US-Präsident Donald Trump, der die nationale Entwicklungsbehörde USAID
       komplett abgesägt hat. In Deutschland macht die AfD mobil gegen
       Entwicklungshilfe. Die Argumentation: Entwicklungspolitik ist wirkungslos
       und das Geld würde national gebraucht.
       
       Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht jetzt weitere Kürzungen von
       Entwicklungsgeldern vor: Die humanitäre Hilfe aus dem Etat des Auswärtigen
       Amts bleibt auf dem niedrigsten Wert seit einem Jahrzehnt bei 1 Milliarde
       Euro. Und nachdem der Etat für das Entwicklungsministerium (BMZ) jahrelang
       stieg, wurde er seit 2022 um ein Drittel gekürzt. 2027 soll das Budget nur
       noch bei rund 9,5 Milliarden Euro liegen, 600 Millionen weniger als im Jahr
       zuvor. Gemessen am Gesamthaushalt von einer halben Billion Euro ist das
       wenig. Prozentual gesehen hat das BMZ von allen Ministerien die größten
       Kürzungen hinnehmen müssen.
       
       Die Gelder entscheiden etwa darüber, ob Geburtskliniken weiterlaufen, ob
       lebensrettende Nahrungsmittel verteilt werden können oder ob der Aufbau
       einer Kooperative von Kleinbäuerinnen unterstützt wird. [1][Besonders
       Akteure aus der Zivilgesellschaft warnen vor den Kürzungen]. Sie bekommen
       die Auswirkungen direkt mit, sie sehen, wo Menschen sterben, weil die
       Unterstützung ausbleibt. Eine Milliarde Euro pro Jahr für humanitäre Hilfe
       weltweit – das ist weniger, als der Tankrabatt für zwei Monate gekostet
       hat.
       
       ## Bild der Willkür
       
       Etwa 20 Prozent der Ausgaben des BMZ sind Beiträge zu internationalen
       Organisationen, den Vereinten Nationen, dem Europäischen Entwicklungsfonds,
       den Entwicklungsbanken. Fast die Hälfte des Budgets des BMZ geht in der
       Regel an die bilaterale Zusammenarbeit mit Staaten des Globalen Südens.
       
       Gießkanne und Rasenmäher sind besonders häufig verwendete Bilder in der
       deutschen Entwicklungspolitik. Zuerst kommt die Gießkanne, die das Geld
       wahllos ausschüttet, so die Erzählung, später der Rasenmäher, der überall
       ein bisschen kürzt. Beides zeichnet ein Bild von Willkür. Seit jeher
       versprechen Entwicklungsminister*innen mehr Effizienz und Wirksamkeit.
       
       Der ehemalige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) gründete gar ein
       eigenes Evaluationsinstitut, das Deval, das die deutsche
       Entwicklungspolitik untersucht. Auch das IDOS, das Institute of Development
       and Sustainability, untersucht die größeren Zusammenhänge deutscher
       Entwicklungspolitik. Beide werden vom BMZ finanziert, arbeiten aber
       unabhängig. Beide geben Empfehlungen, an die sich die Ministerien aber
       nicht halten müssen.
       
       Das Deval hat jüngst auch das Evaluierungssystem selbst untersucht [2][und
       stellt fest], dass die Informationen daraus besser genutzt werden sollen.
       Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) hat mit dem
       Versprechen von „[3][mehr Fokussierung”] ihr Amt angetreten. Sie hat
       [4][einen Reformplan vorgelegt], wonach ganze Regionen und Themenfelder
       zukünftig nicht mehr gefördert werden. „Wirksamkeit und Evidenz sind
       zentrale Steuerungsprinzipien der deutschen Entwicklungszusammenarbeit“,
       heißt es darin.
       
       Gabriel Hanrieder forscht zur Wirksamkeit deutscher Entwicklungspolitik bei
       der Denkfabrik Kooperation Global. Wo also ist sie wirksam? „Das sind sehr
       eindeutig die Grundbedürfnisse Gesundheit, Ernährungssicherung, Wasser,
       Hygiene, Bildung. Das sind die Bereiche, wo wir sehr, sehr große Effekte
       sehen“, sagt Hanrieder. Auch hier gibt es Instrumente, die weniger oder
       besser wirksam sind. Grundsätzlich belegen Studien aber, dass
       Entwicklungspolitik hier zu messbaren Verbesserungen geführt hat.
       
       Besonders deutlich wird das im Gesundheitssektor beziffert, vor Kurzem zum
       Beispiel in einer [5][viel beachteten Studie im <i>The</i>
       <i>Lancet</i>]. Die Autor*inne berechneten zum Beispiel, wie
       viele Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten erhalten haben.
       
       Andere Bereiche, die laut Hanrieder große Wirksamkeit haben, sind die
       Stabilisierungsmaßnahmen in Konfliktgebieten: Wiederaufbau, Übergangshilfe,
       Krisenbewältigung.
       
       Im Haushaltsentwurf 2027 soll gegenüber 2026 um fast 40 Prozent gekürzt
       werden von 710 auf 434 Millionen Euro.
       
       Auch Lukas Golterman, Haushaltsexperte beim Verband entwicklungspolitischer
       und Hilfsorganisationen Venro, betont die Wirksamkeit in diesem Bereich.
       Entwicklungsgelder sind ein bewährtes Mittel, um in Krisengebieten
       „Veränderungen anzustoßen, die neue Perspektiven schaffen, aktuell vor
       allem in Syrien und der Ukraine“. Auch der Aufbau neuer Strukturen kann gut
       belegt werden.
       
       Was besonders schwer zu messen und zu beziffern ist, ist allerdings die
       präventive Wirkung: „Es gibt ein Präventionsparadoxon: Wir sehen nicht, was
       wir alles verhindert haben“, sagt Hanrieder.
       
       Häufig ginge es gar nicht um Verbesserung, sondern darum, eine
       Verschlechterung zu verhindern.
       
       Einige prominente Stimmen aus dem Globalen Süden kritisieren, dass
       Entwicklungspolitik schadet, indem sie Abhängigkeiten schafft oder über
       Reformdruck ein ungleiches ökonomisches System manifestiert.
       
       Foodwatch-Gründer Thilo Bode kritisiert, dass die Evaluierung einzelner
       Projekte deren langfristige Gesamtwirkung außer Acht lasse. Zwar hätte sich
       in Tunesien etwa der Zugang zu Trinkwasser für Gemeinden verbessert,
       insgesamt sei die Wasserverschwendung aber gestiegen und der
       Grundwasserspiegel dramatisch gesunken – auch in Zusammenhang mit vom BMZ
       geförderten Trinkwasser- und Bewässerungsprojekten. Bode fordert vor allem
       mehr Transparenz: „Für eine rationale Diskussion über die Wirkung oder
       Nicht-Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit müssen wir wissen, was sie in
       verschiedenen Sektoren in einem Empfängerland konkret bewirkt.“
       
       Für die Bewertung im Bereich Trinkwasser- und Bewässerung in Tunesien hat
       Bode die Prüfungsberichte der letzten 35 Jahre vom BMZ angefordert –
       insgesamt mehrere Tausende Seiten. Fast auf jeder Seite sind relevante
       Informationen geschwärzt, darunter vor allem Projektauflagen und
       Durchführungsbestimmungen, die besonders wichtig für eine Bewertung sind.
       Bode verklagt aktuell das BMZ vor dem Verwaltungsgericht Köln auf die
       Herausgabe der ungeschwärzten Akten.
       
       Grundlegend sind die Erwartungen an die Entwicklungspolitik zu hoch. In
       einem ungerechten neoliberalen System wird sie Armut nicht abschaffen. Die
       Versuche, nach einer Dekolonialisierung die lokalen Akteure und ihr Wissen
       als Ausgangspunkt einer entwicklungspolitischen Agenda anzuerkennen, sind
       wichtig.
       
       Die systematische Kritik am globalen Finanz- und Wirtschaftssystem ist
       wichtig. Gleichzeitig stimmt auch, dass im Vergleich zu den Gewinnen in
       Deutschland, die auf diesem System basieren, die wirklich geringfügigen
       Summen lebensrettend sind. Und hier kann wenig Geld viel ausrichten.
       
       12 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Haushaltsentwurf-2027/!6193537
 (DIR) [2] https://www.deval.org/de/methoden-standards/unsere-methodenprojekte/weiterentwicklung-von-monitoring-evaluierung-und-steuerung
 (DIR) [3] /Neue-Entwicklungsministerin-fordert/!6084838
 (DIR) [4] /Deutsche-Entwicklungspolitik/!6144929
 (DIR) [5] /Kuerzungen-der-Geberlaender-bei-humanitaerer-Hilfe-fuehren-zu-54-Millionen-zusaetzlichen-Kindstoden/!6180327
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila van Rinsum
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Entwicklungszusammenarbeit
 (DIR) BMZ
 (DIR) Reem Alabali Radovan
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Entwicklungspolitik
 (DIR) Humanitäre Hilfe
 (DIR) Entwicklungszusammenarbeit
 (DIR) Entwicklungspolitik
 (DIR) Costa Rica
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Studie zu Entwicklungsgeldern: Mehr als das Doppelte fließt als Exporteinnahmen zurück
       
       Die Bundesregierung will eine Entwicklungspolitik, die vor allem die
       deutsche Wirtschaft stärkt. Eine aktuelle Studie zeigt: Das tut sie auch.
       
 (DIR) Welttag der humanitären Hilfe: Hilfswerke prangern Angriffe auf humanitäre Helfer an
       
       Die Vereinten Nationen würdigen den Einsatz von Helfer*innen. Die Diakonie
       Katastrophenhilfe verweist auf die großen Gefahren in Gaza und im Sudan.
       
 (DIR) Entwicklungsorganisationen warnen: Kürzungen bei Entwicklungsgeldern haben hohen Preis
       
       Die Gelder für deutsche Entwicklungszusammenarbeit werden weiter gekürzt.
       Hilfswerke befürchten mehr Armut, Hunger und Tote.
       
 (DIR) Konferenz in Hamburg: Kuppeln für die Entwicklungspolitik
       
       Die internationale Entwicklungskonferenz will öffentliche und private
       Investoren zusammenbringen, eine neue Kommission den Globalen Süden und
       Norden.
       
 (DIR) Entwicklungspolitik im Globalen Süden: Streitbare Demokratin
       
       Laura Chinchilla, Ex-Präsidentin von Costa Rica, soll die
       entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission leiten – gemeinsam mit Kanzler
       a. D. Olaf Scholz.