# taz.de -- Studie zu Entwicklungsgeldern: Mehr als das Doppelte fließt als Exporteinnahmen zurück
> Die Bundesregierung will eine Entwicklungspolitik, die vor allem die
> deutsche Wirtschaft stärkt. Eine aktuelle Studie zeigt: Das tut sie auch.
(IMG) Bild: Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan unterwegs mit dem Chef der staatlichen Energiefirma PLN in Purwakarta, Indonesien
Jeder Euro, der in Entwicklungspolitik investiert wird, bringt 2,50 Euro an
Exporteinnahmen. Das ist das Ergebnis [1][einer aktuellen Studie der
Universität Göttingen]. Die Autor*innen Inmaculada Martínez Zarzoso und
Jonathan Lessing, der Referent bei der staatlichen Entwicklungsbank KfW
IPEX-Bank ist, haben für fünf Länder, darunter Deutschland, untersucht, wie
Entwicklungsgelder und Einnahmen von Exporten und Dienstleistungen zwischen
2005 und 2024 zusammenhängen.
Am stärksten profitierten in Deutschland demnach die Branchen Maschinenbau,
Transport, Informationstechnologie, Chemie- und Elektroindustrie. In
Zusammenhang mit entwicklungspolitischen Vorhaben wurden laut Studie
380.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen und gesichert. Die Erträge
für die deutsche Wirtschaft seien vor allem auf ein indirektes
Zusammenspiel von Entwicklungspolitik und Handel zurückzuführen, heißt es
in der Studie: „Entwicklungszusammenarbeit scheint die wirtschaftlichen
Beziehungen zu stärken, die Nachfrage in den Empfängerländern zu fördern
und künftige Handelsmöglichkeiten zu erleichtern.“
Entwicklungszusammenarbeit erhöhe Einkommen in den Partnerländern, was
wiederum die Nachfrage nach deutschen Gütern und Dienstleistungen steigere.
Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) kommentierte die
Studie am Montag in einer Pressemitteilung so: „Wer bei Entwicklungspolitik
nur sieht, was Deutschland ausgibt, übersieht, was Deutschland dadurch
gewinnt.“ In einer Welt, in der der Wettbewerb um Märkte, Rohstoffe und
Partner härter werde, könne es sich Deutschland nicht leisten, „anderen das
Feld zu überlassen“.
Alabali Radovan [2][kündigte Anfang des Jahres eine Reform an], bei der
eine stärkere Kooperation mit der deutschen Privatwirtschaft im Vordergrund
steht. Deutsche Unternehmen sollen bei Entwicklungsprojekten stärker zum
Zug kommen und bei Regierungsverhandlungen zur Entwicklungszusammenarbeit
mit Ländern des Globalen Südens [3][konsultiert werden]. Zukünftig sollen
mehr Projekte über Kredite finanziert werden, die dann zurückgezahlt werden
müssen – statt über Zuschüsse. Für die Kreditvergabe zuständig ist die KfW.
Brigitte Réthier, Vorständin der KfW, sagte, die Ergebnisse der Studie
zeigten: „Der Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in Partnerländern
verbindet sich mit wirtschaftlichen Chancen und Interessen.“
## Alte Fehler wiederholen
Vor kurzem hatte die Bundesentwicklungsministerin zudem eine Prüfung der
Lieferaufbindung angekündigt. Damit werden Entwicklungsleistungen gezielt
an die Abnahme von deutschen Produkten geknüpft – eine Praxis, die
Geberländer in der OECD 2001 überwiegend abschafften, eben weil sie
negative Effekte auf die Volkswirtschaften der Partnerländer hatte. Der
Industrieverband BDI aber setzt sich seit jeher für eine Rückkehr ein und
bekräftigte dies jüngst wieder vehementer.
Erst vergangene Woche war Alabali Radovan mit einer Wirtschaftsdelegation
nach Indonesien gereist, wo Deutschland in erneuerbare Energien investieren
will. Dabei geht es auch um Zugang zu den reichen Rohstoffvorkommen
Indonesiens, etwa von Nickel, das für Batterien benötigt wird. Umwelt- und
Menschenrechtsorganisationen warnen allerdings vor den gravierenden Folgen
des Nickelabbaus: Die damit vor Ort einhergehende Abholzung und
Umweltverschmutzung bedrohe insbesondere die unkontaktierte indigene
Gemeinschaft Hongana Manyawa.
Linda Poppe, Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Survival
International in Deutschland, kommentierte den Flug der Ministerin so:
„Menschenrechte haben es scheinbar nicht mit an Bord des Fliegers
geschafft.“ Sie fordert die Bundesregierung dazu auf, gegenüber Unternehmen
deutlich zu machen, „dass der Bezug von Rohstoffen vom Land unkontaktierter
Völker immer gegen internationales Recht verstößt und katastrophale Folgen
hat“.
Auch Aram Ziai, der Entwicklungspolitik und Dekoloniale Studien an der
Universität Kassel lehrt, bezweifelt, dass ein Nutzen für die deutsche
Wirtschaft vereinbar ist mit dem Ziel der Armutsbekämpfung im globalen
Süden. „Die deutschen Exporte verdrängen lokale Produzent*innen und ein
Handelsbilanzüberschuss hier bedeutet ein Handelsbilanzdefizit woanders.“
Wenn das Ziel eine gerechtere Welt sei, müsse der Anspruch internationale
Solidarität statt nationaler Interessen sein, so Ziai.
Auch als Reaktion auf Teile der Union und der AfD, die Entwicklungspolitik
öffentlich zunehmend ganz infrage gestellt haben, entwickelt sich immer
stärker eine Erzählung der Regierung, dass es um Deutschlands
Eigeninteressen gehe und besonders die deutsche Wirtschaft Nutznießerin
sei.
24 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://uni-goettingen.de/de/document/download/b9f5c510d590a250623fd559fe069313.pdf/DB258.pdf
(DIR) [2] /Deutsche-Entwicklungspolitik/!6144929
(DIR) [3] /Neu-Ausrichtung-der-Entwicklungspolitik/!6115426
## AUTOREN
(DIR) Leila van Rinsum
## TAGS
(DIR) Entwicklungspolitik
(DIR) Export
(DIR) Außenhandel
(DIR) Entwicklungszusammenarbeit
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Entwicklungszusammenarbeit
(DIR) Entwicklungspolitik
(DIR) Entwicklungspolitik
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Deutsche Entwicklungspolitik: Gießkanne und Rasenmäher
Auch 2027 wird bei der Entwicklungspolitik gekürzt. Die soll mit wenigen
Mitteln viel leisten und wird häufig an einer Frage gemessen: Bringt das
was?
(DIR) Haushaltsentwurf 2027: Kürzungen bei Entwicklungsgeldern
Hilfswerke melden Protest gegen Sparpläne für Montag an. Hochschulen
kritisieren, dass die Kooperationen mit Unis im Globalen Süden gestrichen
wird.
(DIR) Konferenz in Hamburg: Kuppeln für die Entwicklungspolitik
Die internationale Entwicklungskonferenz will öffentliche und private
Investoren zusammenbringen, eine neue Kommission den Globalen Süden und
Norden.