# taz.de -- Extreme Temperaturen in Deutschland: Nicht gewappnet für den Hitzedom
> Für Sonntag sind über 40 Grad Celsius angesagt. Doch die Politik erkenne
> die Gefahr für viele Menschen nicht ausreichend an, klagen Forscher.
(IMG) Bild: Die Hitze ist insbesondere für ältere und pflegebedürftige Menschen riskant
Die Temperaturen steigen und steigen. Und ein Ende ist auch am Wochenende
nicht in Sicht. Mehr als 38 Grad Celsius wurden am Donnerstag [1][in
Mannheim und Trier] gemessen. Am Freitag [2][rechnet der Deutsche
Wetterdienst] vor allem im Süden und Südwesten mit Temperaturen von über 40
Grad. Und für Sonntag prognostizieren Meteorologen inzwischen noch höhere
Werte.
42 bis 43 Grad flächendeckend im Osten [3][sieht etwa Jörg Kachelmann
voraus] unter Berufungen auf Berechnungen des Wetterdienstes. Der
Meteorologe Karsten Brandt hält laut Bild sogar 44 Grad rund um die
Hauptstadt für möglich.
Grund für diese nie dagewesene Hitze ist ein sogenannter „Hitzedom“. Das
ist eine starke Hochdruckzone in der Atmosphäre, die wie eine „Kuppel“ die
Hitze über einem bestimmten Gebiet einschließt. Das Hochdruckgebiet mit
extrem hohen Temperaturen setzt sich in der Atmosphäre fest und bewegt sich
nur langsam oder gar nicht. In seinem Zentrum sinkt die Luft ab, was eine
weitere Erwärmung zur Folge hat. Absteigende Luft hemmt die Bildung von
Wolken.
Aus diesem Grund heizt die Sonne die Erdoberfläche ungehindert weiter auf.
Wie in einem Treibhaus entstehen so über Tage oder Wochen hinweg anhaltende
hohe Temperaturen, oft weit über den Durchschnittswerten.
## Auch Frankreich ist stark vom Hitzedom betroffen
Genau so ein durch den Klimawandel häufiger vorkommender Hitzedom hat sich
vor Tagen [4][über Frankreich gebildet und dort alle Temperaturrekorde
gebrochen]. Nun bewegt er sich sehr langsam Richtung Osten über Deutschland
hinweg.
Vor genau so einer Lage hatten am 10. Juni mehr als [5][150 Institutionen
und Verbände aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft
gewarnt]. In einem Appell forderten sie, Hitzeschutz systematisch in
Krisenvorsorge, Gesundheitsversorgung und Katastrophenschutz zu
integrieren. Denn ein lang anhaltender Hitzedom könne binnen weniger Tage
Zehntausende Todesfälle in Deutschland verursachen.
## „Wie schlecht wir vorbereitet sind“
Die Wissenschaftler beriefen sich dabei auf eine Studie, die eindringlicher
gar nicht sein könnte. [6][„Hitzedom in Deutschland und wie gut wir darauf
vorbereitet sind“, heißt das im Frühjahr 2025 publizierte Papier]. Der
ehrlichere Titel wäre: „Hitzedom in Deutschland und wie schlecht wir darauf
vorbereitet sind“.
Verfasst wurde die Studie von Clemens Becker, dem leitenden Professor der
„Unit Digitale Geriatrie“ am Geriatrischen Zentrum des
Universitätsklinikums Heidelberg, Thomas Griebe, dem Leiter Abteilung
Umweltschutz beim Umweltamt der Stadt Duisburg, und Christian Weingart,
leitender Oberarzt eines Krankenhauses.
## Thema spielt in Deutschland praktisch keine Rolle
Die drei kamen zu dem Ergebnis, dass das Thema in Deutschland bisher
praktisch keine Rolle spiele. Nicht in der Politik. Nicht im Klimadiskurs.
Und nicht einmal bei engagierten Gerontologen und Geriatern – die sich um
die Gesundheit alter Menschen kümmern, die zu den durch Hitze am stärksten
gefährdeten gehören.
Dabei habe es in den vergangenen Jahren eindrückliche Berichte über die
extremen Auswirkungen von Hitzedomen in anderen Ländern gegeben. So habe es
seit 2020 in den USA, in Indien, Saudi-Arabien, Australien und Kanada lang
anhaltende Hitzeperioden gegeben. Mal „nur“ über 14 Tage, mal länger als 3
Monate.
Mal seien sie in der deutschen Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen
geworden – mal als exotisches Problem in Ländern mit sowieso schon extremem
Klima abgetan worden. So etwa bei der Hadsch in Mekka im Jahr 2024.
[7][Dort starben wegen einer Hitzewelle binnen weniger Tage rund 1.000
Pilger].
Am deutlichsten aber, so die Forscher, wurde die Gefahr sichtbar durch
einen Hitzedom über Vancouver im Westen Kanadas im Sommer 2021. Jedem
Europäer, der Vancouver im Sommer besucht, sei bekannt, dass es dort zu
dieser Zeit eher skandinavisch kühl ist. Temperaturen von mehr als 30 Grad
seinen die absolute Ausnahme – was auch deshalb nicht überrascht, weil
Vancouver auf demselben Breitengrad wie Frankfurt am Main liegt.
## Fast zwei Wochen lang mehr als 45 Grad
Dennoch wurden dort im Juni 2021 fast zwei Wochen lang Temperaturen von 45
Grad und mehr gemessen – weil ein Hitzedom sich festgesetzt hatte. Die
Spitzenwerte betrugen 49 Grad – mithin fast 20 Grad mehr als üblich.
Am Ende kam es auch zu heftigen Waldbränden, die dann auch zu Berichten in
deutschen Medien führten. Die Rekord-Hitzewelle, [8][hieß es damals in der
taz], dürfte nach Schätzungen der Regierung zu Hunderten Todesfällen
beigetragen haben. In den letzten fünf Tagen sind allein in British
Columbia laut Gerichtsmedizinern 486 plötzliche Todesfälle gemeldet worden.
Doch auch bei diesem Ereignis erkannten die meisten medizinisch und
politisch Verantwortlichen in Deutschland nicht, dass so etwas auch
hierzulande für Probleme sorgen könnte, beklagen die drei Forscher in ihrer
Studie. Dabei könne und müsse Deutschland von den Erfahrungen aus Kanada
lernen.
„Die Region Westkanada und die Stadt Vancouver haben ihre Notfallpläne für
extreme Wetterereignisse nach der Hitzewelle im Sommer 2021 deutlich
überarbeitet“, heißt es in dem Forschungsbereich. Und weiter: „Insbesondere
wurde die Wichtigkeit einer schnelleren und gezielteren Reaktion auf
Hitzewellen hervorgehoben. Folgende Personengruppen wurden als besonders
vulnerabel erkannt und oft nicht sicher erreicht: ältere Menschen, Personen
mit chronischen somatischen und psychiatrischen bzw. psychischen
Erkrankungen, Säuglinge und Kleinkinder, Schwangere, Personen, die im
Freien arbeiten oder körperlich trainieren sowie vor allem Obdachlose und
generell einkommensschwache Haushalte.“
## Hitzeaktionspläne nicht flächendeckend vorhanden
Von solchen Notfallplänen ist Deutschland noch weit entfernt. Beim
aktuellen Hitzedom könnten sie sowieso nicht mehr umgesetzt werden. Zwar
gebe es mittlerweile in 25 Städten und Regionen Hitzeaktionspläne. Doch die
Planung von Maßnahmen bei extremen Hitzeereignissen kommen in denen
schlichtweg nicht vor.
Die drei Autoren der Studie bleiben nicht bei ihrer Kritik stehen. Sie
schlagen einen konkreten Maßnahmenkatalog vor. So brauche es unter anderem
einen Krisenstab und Kriterien des Ausrufens des Krisenfalls bzw. der
besonderen Gefahrenlage, eine Kommunikationsstrategie mit Massenmedien und
Social Media, Pläne für Evakuierungen in Hitzeinseln, Beschäftigungsverbote
für planbare Außentätigkeiten und auch Urlaubssperren und Urlaubsabbruch im
Gesundheitswesen. Kurz gesagt: „Extreme Hitzeereignisse sind als
Naturkatastrophen zu definieren, um diese Maßnahmen veranlassen zu können.“
So wird der Hitzedom mit aller Macht auf die unvorbereiteten Menschen vor
allem in den Städten treffen. Denn die aktuelle Hitzewelle trifft das Land
nicht gleichmäßig, sondern sie „verstärkt städtischen Wärmeinseleffekt“,
[9][warnt der Deutsche Wetterdienst]. Tagsüber würden Städte oft höhere
Maximumtemperaturen und zeitweise extreme Wärmebelastung verbuchen. Und
nachts kühlen sie weniger aus.
## Am Montag könnte die Abkühlung kommen
Gut möglich also, dass am Sonntag tatsächlich 44 Grad in Berlin gemessen
werden. Das wären 10 Grad mehr als die 34, die am Donnerstag gemessen
wurden und bei denen schon viele Menschen stöhnten. Und es wäre immer noch
nur ein kleiner Vorgeschmack auf einen lang anhaltenden Hitzedom wie in
Vancouver.
Am Montag soll es zum Glück im Osten Deutschlands erst mal deutlich kühler
werden, so wie zuvor schon im Westen des Landes. Die Abkühlung dürfte mit
heftigen Gewittern einhergehen.
26 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.wetterdienst.de/Deutschlandwetter/Wetterstationen/Hoechst_Tiefstwerte/Max_Temp/3/
(DIR) [2] https://www.dwd.de/DE/wetter/vorhersage_aktuell/vhs_brd_node.html
(DIR) [3] https://bsky.app/profile/did:plc:rfna63ygpdvdrd574mhqupp4/post/3mp4rlarqhc2b
(DIR) [4] /Hitzewelle-in-Frankreich/!6190264
(DIR) [5] /Klimawandel-in-Deutschland/!6186253
(DIR) [6] https://www.springermedizin.de/hitzewellen/geriatrie-und-gerontologie/hitzedom-in-deutschland-und-wie-gut-wir-darauf-vorbereitet-sind/51152742
(DIR) [7] /Pilgerfahrt-und-Klimawandel/!6014737
(DIR) [8] /Rekordhitze-in-Kanada/!5783705
(DIR) [9] https://www.dwd.de/DE/Home/_functions/aktuelles/2026/20260625_waermeinsel.html
## AUTOREN
(DIR) Gereon Asmuth
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