# taz.de -- Kunst und Theorie: Romantisierung, Erschlaffung oder Antintellektualität?
       
       > Philipp Felsch, Heinz Bude und Oliver Marchart treffen im Documenta
       > Institut aufeinander. Dort diskutieren sie die Verbindung von Theorie und
       > Kunst.
       
 (IMG) Bild: Eine lange Schlange bildet sich am vorletzten Tag der documenta X in Kassel
       
       Wann geht es endlich wieder um die Kunst selbst, ohne nervende Theorie?
       Dass der Academia-Club, der sich am Wochenende im Kasseler Fridericianum
       traf, in einen zyklisch wiederkehrenden Populismus einstimmen würde, war
       nicht zu erwarten gewesen. Auch wenn bei der Konferenz „Kunst Ausstellung
       Diskurs“ des dortigen Documenta Instituts ein Unbehagen ob der Hypertrophie
       eines Jargons zu spüren war, der den kostbaren Rohstoff zum bloßen Ornament
       von Distinktion und Karriere degradiert.
       
       Hinter das Diktum Arnold Gehlens von der „Kommentarbedürftigkeit“ der Kunst
       und dem Theodor Adornos, dass Kunst nie aus sich selbst heraus erschlossen
       werden kann, wollte in Europas erstem öffentlichen, an einem historisch
       heißen Wochenende zum Diskurs-Dampfkochtopf mutierten Museum aber niemand
       zurück. Ebenso wenig hinter Catherine Davids Documenta X von 1997, dem
       „Urknall“ der [1][Verbindung von Kunst und Theorie,] bei der Denker wie
       Edward Said oder Gayatri Spivak neben bildende Künstler:innen traten;
       Kunst und Philosophie, Theater und Kino zu einem Kulturmix verschmolzen.
       
       Die Theorie aus der Kunst zu verabschieden, ist eh ein ontologischer
       Widersinn. Hatte doch schon der, von dem Essener Kulturwissenschaftler Paul
       Buckermann dankenswerterweise ins Spiel gebrachte, vergessene marxistische
       Philosoph Hans Heinz Holz Kunst und Theorie als zwei Seiten derselben
       Medaille bezeichnet, über die Welt zu reflektieren. Die Theorie ist mithin
       in der DNA der Kunst. Worüber in Kassel die Meinungen auseinandergingen,
       war nur die Frage, welche gerade en vogue ist.
       
       ## Die Analysen sind verschieden
       
       Der Berliner Kulturwissenschaftler Philipp Felsch, Autor des Bestsellers
       [2][„Der lange Sommer der Theorie“] über die Obsession der 1960er bis
       1990er Jahre für gefährliche Gedanken, will eine neue „Romantik der
       Theorie“ bemerkt haben – bei gleichzeitiger politischer „Erschlaffung“ –
       weil so viele Studierende den Religionsphilosophen René Girard oder die
       Mystikerin Simone Weil läsen.
       
       Heinz Bude, Gründungsdirektor des Documenta Instituts, erkannte auf eine
       neue „Klassik“ wegen deren Präferenz für Hegel. Der Wiener Politologe
       Oliver Marchart beklagte dagegen einen Antiintellektualismus, den er hinter
       dem Trend von Immersion, Authentizität und Identität ausmacht, wo
       Unmittelbarkeit der Reflexion, das Sinnliche dem Verstand und
       Übereinstimmung der Distanz vorgezogen werde.
       
       Umso gespannter richtet bei der Frage nach der Zukunft einer unauflöslichen
       Liaison der Blick auf Naomi Beckwith, die in einem Jahr in Kassel die
       [3][Documenta 16] eröffnen will. Die allgemeine Überraschung, dass die erst
       Ende 2024 benannte Kuratorin vor kurzem im Pariser Palais de Tokyo noch die
       Zeit fand, die Ausstellung „Echo Delay Reverb. Art Américaine, Pensées
       Francophone“ zu kuratieren, in der sie mit vielen verstaubten Büchern in
       Vitrinen die Aneignung französischer Theoretiker wie Foucault, Derrida und
       Deleuze in den USA seit den 1970ern nachzeichnete, um den „revolutionären
       Energien“ damals auf die Spur zu kommen, darf mensch erleichtert als
       Zeichen interpretieren: Ohne Theorie läuft’s einfach nicht.
       
       29 Jun 2026
       
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