# taz.de -- Michel Foucault in der Kunst: Wo Macht ist, ist auch Widerstand
       
       > Heterotopien, Gouvernementalität: Die Thesen Foucaults werden im
       > Kunstfeld widersprüchlich diskutiert. Teil 3 unserer Reihe zum 100.
       > Geburtstag.
       
 (IMG) Bild: Bombastische Bildbeschreibung: Mit einem Kapitel über das Gemälde „Las Meninas“ von Diego Velázquez beginnt die „Ordnung der Dinge“
       
       Mit bildender Kunst hat sich der Philosoph Michel Foucault gar nicht
       besonders ausgiebig beschäftigt. Dennoch ist sein Denken im Kunstfeld bis
       heute sehr einflussreich.
       
       Viel mehr als um die konkreten Praktiken des bildnerischen Schaffens und
       Sehens oder um deren institutionelle Settings ging es Foucault aber
       letztlich um eine ästhetische Praxis im viel weiter gefassten Sinne: um
       eine Lebenskunst. In seinen Vorlesungen von 1983 spricht er von der
       Philosophie als „Arbeit an sich selbst“, 1984 erschien dann der dritte Band
       von „Sexualität und Wahrheit“ mit dem an antike Selbsttechniken angelehnten
       Titel „Die Sorge um sich“.
       
       Ob die verschiedenen Modelle, die aus dem Leben selbst ein Kunstwerk machen
       sollten, den subversiven Impuls in den neoliberalen Imperativ der
       Selbstoptimierung überführt haben, ist seitdem viel diskutiert worden.
       
       Es gibt aber auch einen geradezu bombastischen Text, der das Malen von und
       das Abgebildete in Kunstwerken sowie deren Betrachtung thematisiert.
       Gemeint ist Foucaults ausführliche Bildbetrachtung des Gemäldes „Las
       Meninas“ (Die Hoffräulein) von Diego Velázquez (1599–1660) aus dem Jahr
       1656. Foucault hatte sie seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ vorangestellt.
       Er interpretiert das Gemälde darin als eine Art Metarepräsentation, in der
       das Spiel des Repräsentierens selbst zum Thema gemacht wird: Wer darstellt,
       was dargestellt wird und wer was sieht.
       
       In diesem Bild seien wechselseitig eine „tiefe Unsicherheit dessen, was man
       sieht, und die Unsichtbarkeit dessen, der schaut“, veranschaulicht worden.
       Nach Foucault ist Velázquez seiner Zeit voraus, indem er bereits
       Zusammenhänge ins Bild setzt, die erst rund 150 Jahre später zu allgemeinen
       Sichtweisen werden. In der Kunst werden demnach also schon Weltsichten
       vorweggenommen, die sich erst später gesamtgesellschaftlich durchsetzen.
       
       ## Regeln des künstlerischen Prozesses
       
       Es gibt neben ein paar Gelegenheitstexten zu anderen Malern auch noch ein
       schmales Bändchen, das im Merve Verlag zur Malerei von Édouard Manet
       erschienen ist. Darin feiert Foucault den Maler nicht nur dafür, „die
       Erfindung des Bildes als Objekt“ hervorgebracht zu haben. Mehr noch, er
       preist ihn als großen Revolutionär, der „alles, was in der abendländischen
       Malerei seit dem Quattrocento grundlegend war, umgestürzt hat“.
       
       Dass der Umsturz in der Kunst allerdings voraussetzungsreich ist, merkt
       Foucault ebenfalls an. Er denkt auch kunstsoziologisch und hebt hervor,
       dass die künstlerischen Produktionsprozesse ohne die Regeln und
       Institutionen, in denen sie stattfinden und die sie zugleich immer selbst
       mit hervorbringen, nicht zu denken sind. Die moderne Malerei basiert
       „unausgesprochen auf einem diskursiven Raum“, wie es in seinem kürzlich
       erstmals auf Deutsch erschienenen Text über René Magrittes „Dies ist keine
       Pfeife“ heißt.
       
       Gemessen an der Rolle, die er der Kunst gesellschaftstheoretisch zuweist,
       taucht sie in seinen Schriften doch vergleichsweise selten auf. Auch wenn
       er verglichen mit zeitgenössischen Theoriekollegen wie Gilles Deleuze oder
       [1][Pierre Bourdieu] weniger systematisch zur bildenden Kunst geschrieben
       hat, ist sein Werk doch im Kunstfeld häufig aufgegriffen worden. Nicht nur
       das, Foucault ist längst Teil des Kanons in Akademien, Galerien und Museen.
       
       Spätestens seit der Documenta 1997, als deren künstlerische Leiterin
       Catherine David die Theorie im Kunstfeld neu installierte und in deren
       Katalog Foucault in unmittelbare Nähe zu Theodor W. Adorno gesetzt wurde,
       war sein Platz neben der Kritischen Theorie im Kunstfeld gesichert. Ein
       Nebeneinander, das sich in den Kultur- und Sozialwissenschaften erst später
       etablierte, wobei tiefe Gräben zwischen den Theorieschulen
       selbstverständlich nach wie vor nicht ausgeschlossen sind. Schließlich
       hatte [2][Jürgen Habermas] in seinen Vorlesungen „Der philosophische
       Diskurs der Moderne“ (1985) Foucaults Ansatz noch scharf kritisiert und
       bemängelt, er münde in „heillosem Subjektivismus“.
       
       ## Utopische Potenziale
       
       In jenem Documenta-Katalog wird bereits das Konzept diskutiert, das auch in
       den letzten Jahren wieder eine kleine Hochkonjunktur erlebt, nämlich das
       der Heterotopien. Die „anderen Orte“, als die die Heterotopien etwas frei
       übersetzt diskutiert werden, gehören sicherlich zu den einflussreichsten
       Konzepten Foucaults in der Kunstwelt.
       
       Foucault hatte den Begriff in einem Radiovortrag von 1966 geprägt.
       Heterotopien sind Orte, an denen die herrschenden Normen ausgesetzt sind
       oder an denen sie irritiert werden können. Foucault nennt sie „Gegenräume“
       und gibt auch ein paar Beispiele wie „Gärten, Friedhöfe, Irrenanstalten,
       Bordelle, Gefängnisse, die Dörfer des Club Méditerranée und viele andere“.
       Auch „Museum und Bibliothek“, schreibt er ein paar Seiten weiter, „sind
       eigentümliche Heterotopien unserer Kultur“.
       
       Ob solche Räume und Orte in der Gegenwart immer noch das utopische
       Potenzial entfalten können, das Foucault in den 1960er Jahren in ihnen
       schlummern sah, wird nicht zuletzt im Kunstfeld diskutiert. Das Kunsthaus
       Graz hatte 2011 die Ausstellung „Vermessung der Welt. Heterotopien und
       Wissensräume in der Kunst“ gezeigt, in Linz fand 2024 die Schau
       „Heterotopia. A relational space created by practices“ statt, im
       Kunstverein Gera waren 2025 „Heterotopische Gesänge“ zu vernehmen, und
       zuletzt widmete sich die Galerie Stadt Sindelfingen dem Thema („Of Other
       Places“, 2026). In durchbrochenen Decken, bemalten Wänden und begehbaren
       Installationen sind die Versuche nachvollziehbar, das Konzept auch haptisch
       umzusetzen und dem White Cube zumindest ein paar Farbtupfer und schräge
       Ebenen zu verpassen.
       
       Inwieweit damit auch jener „diskursive Raum“ angegriffen wird, als den
       Foucault die Kunst beschrieben hatte, und seine Schriften also auch als
       Inspiration für die Institutionskritik von Künstler:innen wie Hans
       Haacke oder Andrea Fraser gelten können, wäre zu fragen.
       
       ## Jenseits von Macht und Herrschaft
       
       Die vielschichtige Rezeption, die der französische Soziologe und
       Lebensgefährte Foucaults, [3][Daniel Defert], dem Konzept bereits im
       Documenta-Katalog in der Architektur nachsagt, scheint sich im Kunstfeld zu
       erweitern. Defert hatte darauf hingewiesen, dass Foucault sich selbst für
       die Architektur von Gemeinschaftseinrichtungen interessiert habe. Das
       Heterotopien-Konzept wurde, Defert zufolge, nicht immer ganz im Sinne
       Foucaults, seit den 1970er Jahren von Architekten wie Georges Teyssot und
       Manfredo Tafuri zur Beschreibung der „Verräumlichung der Macht“
       herangezogen.
       
       Im Kunstfeld wird der Begriff eigentlich durchwegs positiv aufgegriffen.
       Dabei könnte durchaus irritieren, dass neben dem Bordell (maison close),
       das am Ende des Buches im Deutschen auch in der Auflage von 2025 noch als
       „Freudenhaus“ übersetzt ist, auch Kolonien als Heterotopien bezeichnet
       werden.
       
       Gemeint sind damit zwar weniger rassistische Kolonialstaaten als
       abgeschlossene Orte, die sich religiöse und utopisch motivierte
       Gemeinschaften immer wieder geschaffen haben. Dennoch wären aus heutiger
       Sicht ja vielleicht Zweifel angebracht, ob solche Orte so anders sind als
       der von Macht und Herrschaft durchzogene Normalort. Es ließe sich zudem
       fragen, ob denn „Freudenhaus“ und Kolonie, sollten sie denn andere Räume
       sein, in ihrer Andersheit etwas Erstrebenswertes sind.
       
       Aber selbst diese Fragen wären durchaus im Sinne Foucaults. Denn er strebte
       eine Wissenschaft jener „Gegenräume“ an, die er Heterotopologie nannte.
       Hinsichtlich der Möglichkeit hingegen, die „anderen Orte“ als Trutzburgen
       oder Safe Spaces des Widerstands dauerhaft einrichten zu können, blieb er
       skeptisch. Zwar ist, wie es in „Der Wille zum Wissen“ (1976) heißt, wo
       Macht ist, auch Widerstand. Umgekehrt gilt das aber auch.
       
       ## Beschäftigung mit dem Subjekt
       
       Neben den Heterotopien war es das Konzept der Gouvernementalität, das in
       der Kunst großen Anklang fand. Ende der 1990er Jahre wurde die
       Schaffensphase Foucaults zwischen seiner Auseinandersetzung mit Macht und
       jener der Beschäftigung mit dem Subjekt entdeckt. Neu übersetzte Texte aus
       und Forschungen zu dieser Zwischenzeit wurden breit diskutiert. Den
       Übergang zwischen beidem markiert der Begriff der Gouvernementalität. Er
       bezeichnet eine Form der Macht, die das Regieren (gouverner) und die
       Denkweisen (mentalité) im Subjekt miteinander verknüpft.
       
       Dieser Begriff schien ein gutes Instrument zu sein, um die zeitgenössische,
       neoliberal geprägte Gesellschaftsformation zu beschreiben. Denn für den
       Neoliberalismus spielt die individuelle Selbstoptimierung eine zentrale
       Rolle zur Ausübung sozialer Kontrolle, wie früher autoritäre Unterwerfung.
       
       Diverse Sammelbände zum Thema aus den frühen 2000er Jahren zeugen von der
       Breite der Diskussion, auch in Ausstellungen bildender Kunst wurde das
       Konzept aufgegriffen. So haben beispielsweise die späteren
       Kurator:innen der documenta 12 (2007), [4][Roger Buergel und Ruth
       Noack,] 2005 eine Ausstellung mit dem an Foucault angelehnten Titel „Die
       Regierung“ kuratiert, die in Lüneburg, Barcelona, Miami und Wien zu sehen
       war.
       
       Es ging sowohl um das Hinterfragen als auch das Herstellen von Regierung
       durch Kunst. [5][Harun Farocki]s Film „Die Schöpfer der Einkaufswelten“, in
       dem die Planung einer Shoppingmall dokumentarisch begleitet wird, gehörte
       dabei sicherlich zu den hinterfragenden Arbeiten.
       
       Dass Foucault seine letzte Werksphase einer „Ästhetik der Existenz“
       gewidmet und sich mit der Frage beschäftigt hat, inwiefern das Leben selbst
       zur Kunst werden kann, ist ihm nachträglich so ausgelegt worden, als hätte
       er selbst die neoliberale Agenda des Unternehmer-Ichs propagiert. Ein
       Kurzschluss, der nicht zuletzt mit den Texten zur Gouvernementalität
       widerlegt werden kann.
       
       Bevor ein bestimmter, von Foucault propagierter Lebensstil zur Kunst wird,
       ist er nämlich erst einmal Kritik: Kritik an Herrschaft als Form einer
       „individuellen und zugleich kollektiven Haltung“. Gemeint ist mit der
       kritischen Haltung eine, wie es an einer viel zitierten Stelle aus „Was ist
       Kritik?“ (1978) heißt, die sich in der Forderung äußert, „nicht dermaßen,
       nicht von denen da, nicht um diesen Preis regiert zu werden“. Das
       schließlich ist ein nach wie vor richtiger und wichtiger Anspruch.
       
       15 Apr 2026
       
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