# taz.de -- Belgiens Babyproblem: Kein echter Mann
> Jérémy Doku, der wichtigste belgische Nationalspieler, kündigt an, zur
> Geburt seines Sohnes abzureisen – und wird dafür angefeindet. Geht’s
> noch?
(IMG) Bild: Wirklich wahr? Jérémy Doku steht im Zentrum einer seltsamen Diskussion
Höret die frohe Botschaft: Ein Kind ist gekommen, das Praise heißt und die
Tochter des wichtigsten belgischen Spielers bei dieser WM, Jérémy Doku,
ist. Eigentlich war der Termin auf Mitte Juli terminiert, also rund ums
Viertelfinale. Jérémy Doku hatte vorab schon angekündigt, bei der Geburt
dabeisein zu wollen und zu diesem Zweck auch das Turnier zu verlassen. Das
hat in der belgischen Öffentlichkeit zu äußerst kontroversen Diskussionen
geführt.
Auf die Spitze trieb die ganze Polemik France Pierron, selbst Mutter, die
in einer Ausgabe von Équipe de choc recht eindeutig Stellung bezog:
„Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin oder ich kein Herz habe,
aber ich verstehe nicht, dass, wenn du diese einzigartige Chance hast bei
einer Weltmeisterschaft zu spielen – Hunderte Fußballer würden dafür töten
–, dass du das für die Geburt deines Kindes sausen lässt.“ Obendrein sei
eine Geburt sowieso ein ekelhafter Moment, und das alles wofür? „Das wird
dich zehn Stunden kosten, du wirst müde sein, du wirst emotional aufgeladen
sein und die WM verlassen. Und wie kannst du dann nochmal zurückkommen?
Dein Baby wird ja immer noch da sein.“
France Pierron hat sich inzwischen entschuldigt und wurde auch
vorübergehend suspendiert – ironischerweise ist sie jetzt also jene, die
wegen der Geburt ihre WM nicht wie geplant absolvieren wird. Sie war
allerdings nicht allein mit ihrer Einschätzung zu den Prioritäten.
Angesichts der vielen Anfeindungen, die Jérémy Doku erhalten hat, wäre als
alternativer Name wohl auch „Brace“ infrage gekommen, Zweitname „Yourself“.
Glücklicherweise ist Jérémy Doku von einer aufgebracht vor sich hin
schimpfenden Öffentlichkeit nicht zu beeindrucken.
Man müsste normalerweise davon ausgehen, dass das belgische Publikum auch
anhand der eigenen Nationalmannschaft die Gefahren und Herausforderungen
einer überalternden Gesellschaft zu verstehen gelernt hat. Die letzten
Jahre sind die Roten Teufel [1][immer wieder als Geheimfavorit] zu diversen
Turnieren gereist, aber zum ganz großen Wurf hat es nie gereicht.
## „Verletzungsbedingter“ Ausfall
Jetzt steht die goldene Generation kurz vor ihrem Abtritt – es sind ohnehin
quasi nur noch [2][Kevin De Bruyne], Romelu Lukaku und Thibaut Courtois
übrig – und insbesondere De Bruyne und Lukaku mühen sich zwar redlich, doch
vergeblich, um an vergangene Zeiten anzuschließen. Bisheriges Ergebnis:
zwei ohne weiteres als Enttäuschungen zu bewertende Unentschieden gegen
Ägypten und den Iran. Immerhin wird das wohl reichen, um in die K.-o.-Runde
weiterzurollatoren: Es wartet am letzten Spieltag der nominell schwächste
Gegner: Neuseeland.
Dann wird wohl auch Jérémy Doku wieder mit von der Partie sein, gegen Iran
fehlte er, wie es offiziell hieß, „verletzungsbedingt“. Der Medical Staff
der Belgier*innen immerhin bewies Humor und nannte als Grund für Dokus
Ausfall „Atembeschwerden“ – und da ist ja auch was dran. Sie haben ja nicht
präzisiert bei wem.
Ließe sich aus der ganzen Debatte etwas lernen? Wer die Debatte in Belgien
und Frankreich verfolgt hat, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass
France Pierron eine Minderheitenmeinung vertrat und die Gegenwart des
Vaters bei der Geburt des Kindes nicht allgemein als Lappalie gilt. Dafür
spricht auch, dass Jérémy Doku kein Pionier ist: 2021 unterbrachen Yann
Sommer und Kingsley Coman ihre EM aus den gleichen Gründen, 2024 fehlte
Coman wegen der Geburt seines vierten Kindes. Nichtsdestotrotz sind solche
Debatten freilich zu begrüßen, wenn sie dazu führen, dass sich so
Betonköpfe wie France Pierron aus der Sportberichterstattung verabschieden.
23 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Frédéric Valin
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