# taz.de -- Die Teams und ihre Zuschreibungen: Wenn Multikulti zu Gegentoren einlädt
       
       > Die Identitäten, die der Fußball hervorbringt, sind instabil. Die
       > französische Mannschaft liefert dafür verlässlich die Pointen.
       
 (IMG) Bild: Ribéry wirft einen Schatten, der aussieht wie der von Arjen Robben
       
       Der Mythos der französischen Nationalmannschaft ist seit dem Achtelfinale
       um eine Facette reicher: Sie können also auch gewinnen, wenn der Gegner
       dreckig spielt und der Schiedsrichter überfordert ist (siehe Spielbericht).
       Jahrelang hing der Équipe Tricolore der Ruf nach, Hort des schönen Spiels
       zu sein, über das größte Reservoir außergewöhnlicher Einzelkönner zu
       verfügen, aber auch entnervbar und ein wenig launisch zu agieren, wenn die
       Dinge nicht den gewünschten Gang nahmen.
       
       Wenn Mannschaften Sinnbilder von Gesellschaften sind, war die französische
       Fußballnationalmannschaft lange eine Metapher für eine Gesellschaft der
       Singularitäten (im Gegensatz zur französischen Handballnationalmannschaft,
       der [1][Nikola Karabatić] sein verbeultes Gesicht lieh, ein Gesicht, das
       von Schmerz, Aufopferung und Selbstverleugnung erzählt).
       
       Seit jeher werden im Fußball Identitäten verhandelt und neu ausgeformt,
       auch solche mit ethnischer Konnotation. Während dieser ethnische Aspekt in
       Europa erst in den 1970ern, in Deutschland (trotz Erwin Kostedde) sogar
       erst in den späten 1990ern auftritt, kennen postkoloniale, insbesondere
       südamerikanische Länder diese Ausdifferenzierung bereits seit den 1920ern.
       
       In Brasilien hat sich – nicht nur im Fußball – die Figur des Malandro
       etabliert, was sich etwas hölzern mit „Schlitzohr“ übersetzen ließe.
       Berühmtester Vertreter dieses Typus im Fußball ist Manoel Francisco dos
       Santos, wegen seiner schiefen Beine und seinem watschelnden Gang
       „Garrincha“ (kleines Vögelchen) genannt, der vielen Brasilianer*innen
       noch vor Pelé als begnadetster Fußballer aller Zeiten gilt.
       
       ## Feindliche Welt
       
       Die Figur des Malandro ist nicht auf eine einzelne Eigenschaft reduzierbar:
       ein Malandro ist (zumindest in der ursprünglichen Typisierung) nicht weiß,
       er ist elegant, individualistisch, ein Kleinkrimineller, einer, der Leute
       vorführt und übers Ohr haut; kurzum, jemand, der mit den eigenen begrenzten
       Mitteln in einer feindlichen Welt besteht. Er ist keine rein positive
       Figur, denn es gibt auch immer jene, die er betrügt und hintergeht, aber
       dafür bezahlt er auch mit seinem Schicksal: Garrincha beispielsweise starb
       in bitterer Armut mit 49 Jahren, es war die Folge jahrelangen Alkoholismus.
       Es ist etwas sehr Katholisches in dieser Figur; am Malandro beweist sich,
       dass jede Sünde auch gesühnt werden muss.
       
       Die Verbindung zwischen übersteigerter Individualität, Kriminalität und
       nichtweißen Spielern hat auch in Europa Tradition, allerdings keine
       romantisierende, sondern eine rassistische. Als die französische
       Nationalmannschaft 2010 nicht nur chancenlos in der Vorrunde ausschied,
       sondern die Spieler auch offen gegen den Trainer Raymond Domenech
       rebellierten, wurden sie selbst von Regierungsverantwortlichen im Parlament
       als „caïds“ (Bandenchefs) und in der Presse als „voyou“ (Gauner)
       bezeichnet, insgesamt als kriminelle, unreife, egoistische und ehrlose
       Personen, die nicht würdig seien, Frankreich zu vertreten.
       
       In Deutschland trat Alexander Gauland (leider nicht nur) mit der Bemerkung
       in Erscheinung, dass er [2][jemanden wie Jérôme Boateng] nicht als Nachbar
       haben wolle. In Italien sah sich Mario Balotelli dem Vorwurf ausgesetzt,
       der Mafia nahezustehen und aus Spaß Drogen zu verkaufen. In England war es
       Raheem Sterling, der 2018 insbesondere die Daily Mail outcallete, weil sie
       systematisch Schwarze Spieler als fragwürdige Gestalten ohne Anstand und
       Kultur darstellte.
       
       ## Wir sind mehr
       
       Zu jedem dieser Skandale oder Kontroversen gab es Reaktionen aus einer
       wohlmeinenden Mitte, der an Integration gelegen ist und die über ein
       antirassistisches Selbstverständnis verfügt. Um am deutschen Beispiel zu
       bleiben: Gerade aus dem Umfeld der [3][#wirsindmehr]-Haltung wurde häufig
       betont, dass ein Nachbar wie Jérôme Boateng natürlich immer willkommen sei;
       dass Vielfalt überhaupt zu feiern sei.
       
       Diese Art multikulturalistischer Interventionen versucht, eine allgemeine,
       menschenfreundliche Haltung für jeden einzelnen Fall anwendbar zu machen.
       Es ist die Umkehrung der rassistischen Erzählung, aus jeder beliebigen
       Gewalttat das Wesen aller Rassifizierten erkennbar machen zu wollen.
       Allerdings wird der Multikulturalismus hier nicht selten Opfer seiner
       eigenen Projektionen: Die Individuen, die er verteidigt, sind komplexer als
       das Bild, das die Vielfaltserzählung zeichnet.
       
       Diese Erzählung sieht sich mit zwei Problemen konfrontiert: zunächst einmal
       ist sie sehr schnell als reine Projektion entlarvbar. Jérôme Boateng ist so
       lange ein wohlgelittener Nachbar, bis herauskommt, dass er Frauen
       misshandelt und mutmaßlich erhebliche Mitschuld am Tod seiner Expartnerin
       Kasia Lenhardt trägt; Mario Balotelli ist so lange erwünscht, bis er eine
       seiner legendär-exzessiven Partys veranstaltet.
       
       Mesut Özil ist zu verteidigen, bis er offensiv Wahlkampf für Erdoğan macht,
       und Raheem Sterling ist erst kürzlich verhaftet worden, weil er unter
       Drogeneinfluss einen Autounfall gebaut haben soll. Einige französische
       Nationalspieler rund um Franck Ribéry und Karim Benzema hatten
       (unwissentlich, sagte das Gericht) Sex mit minderjährigen Prostituierten,
       Zweiterer war auch in einen Erpressungsfall verwickelt.
       
       ## Utilitarismus
       
       Ein anderes, verwandtes Problem, aber auf einer kollektiven Ebene, ist der
       dem Multikulturalismus eingeschriebene Utilitarismus: Vielfalt ist nur dann
       ein Gewinn, wenn sie zu einem Erfolg beiträgt. Dieser Erfolg ist im Fußball
       sehr einfach zu messen: Titel. Und der größte aller Titel ist der des
       Weltmeisters.
       
       Der Mythos der französischen Nationalmannschaft ist der Sieg bei der WM
       1998, als Zinédine Zidane die Équipe Tricolore zu ihrem allerersten Triumph
       führte. Dieser Sieg war nicht nur der einer begnadeten Mannschaft, sondern
       stand stellvertretend für die Transformation in den westlichen
       Gesellschaften: Präsident Jacques Chirac sprach von einem Frankreich, das
       nicht nur tricolore (also bleu, blanc, rouge) sei, sondern multicolore
       (also vielfarbig); parallel kam in den Medien das Label „black, blanc,
       beur“ auf (Schwarz, weiß, maghrebinisch).
       
       Diese Erzählung blieb so lange stabil, wie die Équipe Tricolore Erfolg
       hatte; schon 2002, beim Vorrundenaus in Südkorea und Japan, begann der
       Mythos zu bröckeln. Endgültig zertrümmert wurde er 2010 in Südafrika, und
       die Erzählungen drehten sich um: Nun, angesichts dieses Scheiterns, galt
       die Auswahl nicht mehr als „multicolore“, sondern als „black, black,
       black“, und vor allem galt sie als „zu muslimisch“. Das lag auch daran,
       dass Frankreich selbst sich gern symbolisch mit der Mannschaft von 1998
       schmückte, lange Zeit aber keine politischen Konsequenzen zog, um diese
       Vielfalt auch in den Systemen zu verankern: erst unter Emmanuel Macron hat
       es hier ernst zu nehmende Fortschritte gegeben.
       
       Der maßgebliche Unterschied zwischen der französischen Mannschaft von 1998
       und der von 2010 war jener, dass Erstere vor allem aus Spielern bestand,
       die der Mittelschicht entsprangen und über eine mindestens solide Bildung
       verfügten, während jene von 2010 dominiert war von Kindern der
       Unterschicht. Lilian Thuram schreibt Bücher und eröffnet
       Kunstausstellungen, Franck Ribéry hingegen meidet jedes Mikrofon, als wäre
       es eine Bärenfalle.
       
       Gegen die Masse an Zuschreibungen und Stereotypisierungen konnten sich
       Spieler wie William Gallas (der nur an guten Tagen mehr als fünf Worte
       sagt) oder auch Nicolas Anelka kaum wehren: Dafür fehlten ihnen die Mittel.
       Das gilt bis heute: Bei der gerade auf Netflix laufenden Dokumentation zum
       Aufstand in Knysna äußern sich (außer Patrice Evra) kaum beteiligte
       Spieler. Sie fürchten vermutlich den Holzhammer der erneuten
       Stereotypisierung.
       
       Es ist dies auch ein maßgeblicher Unterschied zwischen der volkstümlichen
       Figur des Malandro und der des Stars: Im Malandro ist genau jene
       Multiperspektivität miteingeschrieben, die sie immun macht gegen
       ideologische Vereinnahmungen. Ein Malandro muss sich der Öffentlichkeit
       nicht beweisen, ein Star schon.
       
       ## Die Causa Ribéry
       
       Gerade der Fall Franck Ribéry stellt hier einige Fragen: Er entspricht der
       Figur des Malandro, weil es bei ihm eine gewisse Deckungsgleichheit gibt
       der Personae auf und neben dem Feld. Er ist ein Trickster, der der Welt –
       die für ihn eigentlich ein Dasein als Straßenbauer und
       Sozialwohnungsbewohner im kalten Norden Frankreichs vorgesehen hat – ein
       Schnippchen schlägt. Er ist obendrein über seine Umstände zum Muslim
       geworden (seine Frau hat ihm den Islam nahegebracht; weit vor der Zeit, als
       absehbar war, dass und wie ihn diese Religionszugehörigkeit marginalisieren
       wird). Er galt auch als einer der Rädelsführer des Spielerstreiks in
       Südafrika und ist dafür in Frankreich häufig an den Pranger gestellt
       worden.
       
       In Deutschland aber konnte nicht einmal die Tatsache sein Renommee
       beschädigen, dass er in den Epstein-Akten auftaucht. Der FC Bayern hat
       seinen damaligen Star derart gut medial abgeschirmt, dass er zu einer
       Legende des Clubs werden konnte und durfte, obwohl seine Zunge verknotet,
       sobald er einen Relativsatz sprechen soll. Die patriarchale Abschottung hat
       ihn davor geschützt, sich als das zeigen zu müssen, was er ist: auch, weil
       er dafür verurteilt worden wäre (und in Frankreich auch verurteilt wurde).
       Der Bauch von Uli Hoeneß und die Uhr von Karl-Heinz Rummenigge spendeten
       den Schatten, den Ribéry brauchte, um zu gedeihen.
       
       Die Feier der Vielheit im Fußball wird fortwährend von den realen
       Ergebnissen überschrieben; die Identitäten, die der Fußball hervorbringt,
       sind noch instabiler als in anderen kulturellen Bereichen. Insofern eignet
       er sich nicht für eine multikulturalistische Trope; dazu sind die
       übergeordneten Erzählungen um ihn herum meistens zu flach.
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Deutsches-Team-bei-der-Handball-EM/!5982988
 (DIR) [2] /Verurteilung-des-Ex-Nationalspielers/!5797097
 (DIR) [3] https://wir-sind-mehr.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frédéric Valin
       
       ## TAGS
       
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