# taz.de -- Vernetzung unter extrem Rechten: Brandherd Österreich
> Eine AfD-Mitarbeiterin tritt bei einer völkischen Sonnwendfeier in
> Österreich auf, auch die AfD-Parteispitze sucht im Nachbarland
> Inspiration.
(IMG) Bild: Blaue Stunde: die völkische Sonnwendfeier im Wienerwald am 21. Juni, mit AfD-Besuch
Im österreichischen Wienerwald, weit abgelegen von der Öffentlichkeit, will
am vergangenen Sonnabend ein eingeschworener Kreis auf einer Lichtung
ungestört feiern – sie stimmen deutschnationale Lieder an und tragen Kerzen
durch die Dunkelheit. Doch die taz ist vor Ort und beobachtet das Treiben
der Gruppe aus nächster Nähe. Auf einer Lichtung stellt sich die Gruppe in
einem Kreis auf. „Deutschland soll ewig sein“, ruft ein Mann –, „Heil“
antworten die anderen. Auch von „Urdeutschen“ und „großen germanischen
Vorfahren“ ist dort zu hören.
Die meisten der Teilnehmenden sind Männer, viele mit Schmiss im Gesicht. Um
ihre Brust spannen sich Bänder mit den Farben Schwarz-Rot-Gold, die Farben
deutschnationaler Burschenschaften. Die anwesenden Frauen tragen Trachten,
haben sich teils die Haare zu Zöpfen geflochten.
Das, was der eingeschworene Kreis an diesem Sonntagabend, dem 21. Juni,
hier feiert, ist eine sogenannte Sonnwendfeier. Zum Ärger der Gruppe muss
sie in diesem Jahr wegen Waldbrandgefahr in der Region auf ihr Feuer
verzichten, um das sie sich normalerweise versammeln. Statt der
traditionellen Fackeln tragen sie einfache Kerzen.
Eingeladen zu dem alljährlichen Ritual in der Gemeinde Klosterneuburg nahe
der österreichischen Hauptstadt haben die Österreichische Landsmannschaft
(ÖLR) und der Wiener Korporationsring (WKR), der Dachverband der
deutschnationalen Studentenverbindungen Wiens. Beide Organisationen
verstehen sich als völkisch-national und wünschen sich eine ethnisch
definierte deutsche Volksgemeinschaft.
## Nähe zur AfD
Rund hundert Personen sind zu der Veranstaltung erschienen, darunter
Politiker der FPÖ und auch Mitglieder der Identitären Bewegung. Gekommen
sind aber nicht nur Besucher aus Österreich. Die diesjährige Feuerrede hält
eine Frau, die einen engen Draht zur AfD hat: Reinhild Boßdorf. Öffentlich
angekündigt wurde ihr Auftritt auf einem Plakat in Frakturschrift.
Boßdorf ist Assistentin des AfD-Europaabgeordneten Alexander Jungbluth, der
selbst Mitglied der Bonner Burschenschaft Raczeks ist, die 2011 in einem
Antrag auf dem Eisenacher Burschentag eine Art „Ariernachweis“ forderte.
Ihre Mutter, Irmhild Boßdorf, ist Abgeordnete der AfD im EU-Parlament.
Dass die junge Boßdorf an diesem 21. Juni im Kreise des Männerbundes die
Feuerrede halten darf, dürfte für sie ein Zeichen der Ehre sein – aber auch
eine Herausforderung, denn die Feuerrede ist bei einer solchen
Feierlichkeit ein zentrales Element.
Boßdorf ist europaweit in der rechtsextremen Szene vernetzt. [1][Sie
gründete 2019 die extrem rechte Frauengruppe Lukreta, die Frauenrechte für
ihre völkische Agenda instrumentalisiert.] Die zahlenmäßig kleine Gruppe
tritt europaweit bei Veranstaltungen der extremen Rechten in Erscheinung
und pflegt gute Beziehungen zu „identitären“ Gruppen wie etwa der Schweizer
„Jungen Tat“.
[2][Die meist jungen Frauen propagieren einen „Geburten-Dschihad von
rechts“,] wie eine RTL-Recherche im vergangenen Jahr zeigte. Ein Narrativ,
das an völkische Ideologien eines angeblichen „Großen Austauschs“ oder
„Volkstods“ anknüpft. Mit Julia Gehrckens ist seit Ende November
vergangenen Jahres ein Mitglied von Lukreta im Bundesvorstand der
AfD-Jugend installiert.
Sonnwendfeiern gab es an diesem Sonntagabend im Umland von Wien an mehreren
Orten, etwa in der Region Wachau und dem Nibelungengau. Doch nicht jedes
dieser Brauchtumsfeste ist [3][völkisch aufgeladen]. Feuerfeste zur Sommer-
und Wintersonnenwende haben in Mitteleuropa eine jahrhundertealte
Tradition.
Während der NS-Zeit wurden sie instrumentalisiert und als vermeintlich
germanische Rituale verklärt. Das NS-Terror-Regime nutzte die Feiern zur
Inszenierung der „Volksgemeinschaft“. Insbesondere die Hitlerjugend wurde
in die Feiern eingebunden. Kinder und Jugendliche wurden so an die
nationalsozialistische „Blut-und-Boden“-Ideologie herangeführt.
Dass die Sonnwendfeier im Wienerwald eher in letztere Richtung geht, wird
mehr als deutlich. So schwadroniert ein junger Burschenschafter in seiner
Rede über die Jahrtausende alte deutsche Kultur und das sogenannte
„Sonnenrad“. Das Symbol gilt auch als Chiffre für [4][die in Österreich
verbotene Schwarze Sonne,] ein in neonazistischen Kreisen verwendetes
NS-Symbol. Der Mann arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter für einen
FPÖ-Abgeordneten und ist bei der identitären Gruppe „Aktion 451“ bei
Aktionen federführend beteiligt gewesen.
Nach Österreich pflegt die AfD und ihr Vorfeld einen guten Draht. Auch
Reinhild Boßdorf dürfte an Austausch und der Festigung internationaler
Strukturen gelegen sein. Reinhild Boßdorf selbst ließ mehrere Anfragen der
taz zu ihrer Teilnahme an dem Fest bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Anfang des Jahres bereits reiste eine AfD-Delegation, darunter auch der
Spitzenkandidat der Partei in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, nach
Salzburg und holte sich von der dortigen FPÖ Tipps zum Regieren ab.
Auch am vergangenen Wochenende tummelten sich Vertreter der extrem rechten
Partei im österreichischen Nachbarland. Die FPÖ, in deren frühen Reihen
auch ehemalige Nationalsozialisten und SS-Angehörige eine Rolle spielten,
feierte ihr 70-jähriges Bestehen am Samstag mitsamt „Volksfest“ am
Stephansplatz und einem Festakt in der Wiener Hofburg. Zu den geladenen
Gästen gehörten neben dem Niederländer Geert Wilders und Ungarns
Ex-Ministerpräsident Viktor Orbán auch die AfD-Bundesspitze, Alice Weidel
und Tino Chrupalla.
Die stattliche Wiener Hofburg liegt mitten im Zentrum der Stadt. Vom Balkon
aus hatte Adolf Hitler 1938 unter Jubel den „Anschluss“ an das Deutsche
Reich verkündet. Heute kommen hier jährlich im Frühjahr beim sogenannten
Wiener Akademikerball Burschenschafter aus der FPÖ und AfD mit Akteuren aus
dem sogenannten Vorfeld zusammen, insbesondere der Identitären Bewegung.
Rund 180 Kilometer von Wien entfernt sorgte am Wochenende der
nordrhein-westfälische AfD-Politiker Matthias Helferich, der sich selbst
einst als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnet hatte, für
Aufmerksamkeit. Als Festredner war er zum dreitägigen Stiftungsfest der
deutschnationalen Burschenschaft Leder in Leoben eingeladen, das mit dem
Slogan „Deutsch, Furchtlos, Treu“ beworben wurde.
Teilnehmende trugen Kornblumen auf ihren Kappen, in den 1930er Jahren ein
Erkennungszeichen der Nationalsozialisten. Augenzeugen berichteten der taz
zudem von Hitlergrüßen einzelner Teilnehmer. [5][Auch sollen laut der
österreichischen Tageszeitung Der Standard Burschenschafter nach „Sieg
Heil“-Rufen in einem Taxi den Fahrer mit Tritten und Schlägen verletzt
haben.]
## Faszination für die FPÖ
Was macht das Nachbarland Österreich und die FPÖ so interessant für die
AfD? Zwischen der deutschen und der österreichischen extremen Rechten
bestehen schon lange Allianzen. Der Historiker Darius Muschiol von der
Dokumentationsstelle Rechtsextremismus in Karlsruhe spricht im Gespräch mit
der taz von einer „breiten Vernetzung“ nach '45, die „stark akademisch
geprägt“ sei. Diese ließe sich bis in die 1950er Jahre sowie zum
Südtirolterrorismus zurückverfolgen. Auch die Faszination für die FPÖ als
etablierte rechte Kraft gebe es in der deutschen extremen Rechten schon
seit Jahrzehnten.
Diese Faszination zeigte sich an diesem Samstag auch bei der AfD-Spitze.
Weidel überschüttete die FPÖ in ihrer Festrede in der Hofburg mit Lob. Die
Arbeit der FPÖ sei für die AfD ein „leuchtendes Vorbild“, „Inspiration und
Ansporn“, so Weidel.
Dass das so ist, verwundert kaum. Die FPÖ ist in fünf von neun
Bundesländern Teil der Landesregierungen. Zudem stellt die Partei den
aktuellen Nationalratspräsidenten, Walter Rosenkranz, der Mitglied der
deutschnationalen Burschenschaft Libertas in Wien ist, deren Umfeld wegen
NS-Bezügen wiederholt in der Kritik stand. Auch der designierte
Parlamentsdirektor ist Mitglied dieser Burschenschaft, die mit dem Slogan
„Deutsches Herz und freier Sinn“ wirbt.
Burschenschaften sind in der FPÖ schon seit Jahrzehnten stark verankert.
Laut dem Rechtsextremismusforscher Bernhard Weidinger gehörte über die
Geschichte der Partei hinweg rund jeder dritte „Freiheitliche“ in gehobenen
Partei- und Staatsämtern einer völkischen Studentenverbindung an.
Und auf noch etwas dürfte die AfD mit einem gewissen Neid schielen: In
Österreich ist Brandmauer quasi ein Fremdwort. Auch die einstige Trennung
zwischen der FPÖ und der Identitären Bewegung hat sich in ein symbiotisches
Verhältnis verwandelt.
In Deutschland haben sich die Grenzen zwischen der AfD und ihrem
rechtsextremen Vorfeld ebenfalls weiter verschoben. Partei und Vorfeld
wirken heute enger verzahnt denn je. So strebt der Bundesvorsitzende der
AfD-Jugend, Jean-Pascal Hohm, beim Bundesparteitag in Erfurt am 4. und 5.
Juli einen Sitz im Bundesvorstand an. Nur rund eine Woche später will er
bei Götz Kubitschek in Schnellroda gemeinsam mit dem selbsternannten
Bundessprecher der Identitären Bewegung über „Arbeitsteilung“ diskutieren.
Reaktionen aus der Partei dazu bleiben bislang aus.
Bei der völkischen Zeremonie im Wienerwald hallt ein Feuerspruch in den
sommerlichen Nachthimmel: „Deutschland soll frei, Deutschland soll ewig
sein“. Das knüpft nahtlos an die Ideologie der Nazis an. Die Phrase vom
„ewigen Deutschland“ fand sich auch in der NS-Propaganda. Als die Kerzen
auf der Lichtung erlöschen, bleibt vor allem eines sichtbar: wie eng
Burschenschaften, Identitäre, FPÖ und AfD-nahes Milieu vernetzt sind. Und
wie selbstverständlich völkische Ideologie und NS-Kontinuitäten in diesen
Kreisen gepflegt werden.
22 Jun 2026
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